Januar 2014

3. Sonntag im Jahreskreis A

Evangelium: keine billige Botschaft, sondern Einladung zur Umkehr

Sollten wir die Botschaft des Evangeliums zusammenfassen, würden dabei Worte wie „Liebe“, „Barmherzigkeit“, „Hoffnung“ und „Solidarität“ sicher nicht fehlen. Das ist zweifelsohne richtig, auch wenn es manche irrig zu einem oberflächlichen Verständnis des Evangeliums als Wohlfühlbotschaft der Selbst-zufriedenheit gegenüber einem harmlosen Gott verleiten möge. Die Frage ist, ob wir auch Worte wie „Umkehr“, „Sünde“ und „Himmelreich“ in unsere Charakteristik aufnehmen würden, denn sie werden in unserer Zeit viel zu gern vergessen. Dabei gehören sie genauso zur Frohbotschaft des Evangeliums.

Heute, am 3. Sonntag im Jahreskreis, erinnert uns der Evangelist Matthäus (Mt 4,12-23), dass das Evangelium Jesu alles andere als eine süßliche Botschaft zum Wohlfühlen ist. Vielmehr ist es eine konkrete Aufforderung zu Umkehr und Nachfolge.

Im Evangelium wird berichtet, wie der Herr sein öffentliches Wirken – nach der Verhaftung Johannes’ des Täufers – beginnt. Die Exegeten betonen, dass im Vers 17 die Botschaft Jesu in einer sehr verdichteten Form zusammengefasst wird:„Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ (Mt 4,17) Es ist also der zentrale Satz des heutigen Evangeliums und die Quintessenz seines Wirkens und seiner Verkündigung. Was ist nun der Inhalt dieses Satzes?

Zuerst sehen wir, dass Jesu Verkündigung bei der Verkündigung des Täufers ansetzt, dass sie seine Verkündigung erst übernimmt: „Kehrt um - Μετανοεῖτε.“Das ist exakt das gleiche Wort, das Johannes der Täufer im 3. Kapitel verwendet:„Kehrt um - Μετανοεῖτε.“ (Mt 3,2) Die Kontinuität zwischen dem Wirken des Johannes und dem Wirken Jesu wird durch die Einleitung unterstrichen: „Als Jesus hörte, dass man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte...“ und „von da an begann Jesus zu verkünden...“ (Mt 4,12.17)

Wenn wir uns aber Johannes selbst, seinen Lebensstil, seine bisweilen holprige Art und seine Kompromisslosigkeit vor Augen führen, können wir nie vermuten, dass die Botschaft Jesu, welche die Worte des Täufers übernimmt, eine Wohlfühlbotschaft wäre. Es sei nur erwähnt, dass für Johannes zu seiner Verkündigung die Wahrheit über die Ehe dazugehörte. Er sagte König Herodes direkt ins Gesicht: „Du hattest nicht das Recht, die Frau deines Bruders zur Frau zu nehmen.“ – oder in einer anderen Übersetzung: „Du darfst nicht mit der Frau deines Bruders zusammenleben.“ (Mk 6,18) Diese ungeschminkte Wahrheit hat ihn das Leben gekostet. Weit und breit ist hier also nichts von einer Wohlfühlbotschaft zu spüren.

Dann sehen wir aber auch, dass Jesus diese Botschaft noch wesentlich vertieft und zu einer wirklichen Neuheit führt: „Denn das Himmelreich ist nahe.“ (Mt 4,17) Das Neue ist die Nähe des Reiches, welche in der Person Jesu Wirklichkeit wird und das Leben neu auf Gott hin ausrichtet.

Dabei sei an einen Unterschied zu Markus hingewiesen. Markus spricht vom„Reich Gottes“ (ἡ βασιλεία τοῦ θεοῦ), Matthäus dagegen vom „Reich der Himmel“(ἡ βασιλεία τῶν οὐρανῶν). Damit ist eine besondere matthäische Perspektive gegeben, welche die zukünftige Dimension des Reiches betont. Das Himmelreich ist also mit Jesus bereits Gegenwart und Wirklichkeit geworden – allein schon seine Verkündigung macht es gegenwärtig – aber es wird erst am Ende – eben im Himmel – in seiner ganzen Fülle realisiert.

 

 

Das Evangelium besteht also nicht darin, an erster Stelle das Leben hier und jetzt gut zu machen – wobei das Bemühen um den sozialen, kulturellen und zwischenmenschlichen Fortschritt ganz selbst-verständlich dazu gehören muss –, sondern in einer Hoffnung, in einer Offenheit auf Gott hin, welche ihre wahre Vollendung erst in ihm erwartet.

Was ich bis jetzt gesagt habe, hat nicht nur theologische, sondern auch ganz praktische Konsequenzen für unsere heutigen Diskussionen und für unser konkretes Leben.

Wir haben gesehen, dass das Evangelium keine Einladung zum Wohlfühlen, sondern eine Aufforderung zur Umkehr bedeutet. Daran sollten wir erinnert werden, wenn wir heutzutage in einer unverständlich naiven Art erwarten, dass mit Papst Franziskus alles anders werde – eben leichter, angenehmer, dass auf einmal Barmherzigkeit und nicht Lehre die Kirche führen müsse. Dabei wird immer wieder – bedauerlicherweise sogar von Bischöfen – ein künstlicher Gegensatz zwischen Lehre (also Wahrheit, wie sie von der Kirche durch die Offenbarung erkannt und angenommen wurde) und Barmherzigkeit postuliert.

Dies erleben wir besonders intensiv in der Frage der Geschiedenen Wiederverheirateten, die einzig auf das Thema des Kommunionempfangs verflacht wird. Die Botschaft soll heißen: Barmherzigkeit vor Lehre! Also: Es müsse für jeden und immer möglich sein, zur Kommunion zu gehen – mögen die Umstände seines Lebens im offensichtlichen Widerspruch dazu stehen, was Kommunion sei.Es ist so billig und einfach – auch für die Bischöfe – auf Rom und frühere Päpste zu zeigen, die ja so unbarmherzig gewesen wären. Viel schwieriger ist es, sich als Bischöfe und Priester die Frage zu stellen, wie wir denn die Heiratswilligen begleiten und vorbereiten, wie so sie nicht in der Lage sind, das Wesentliche der Ehe zu erfassen. Sind wir, Diener der Kirche, bereit die Wahrheit des Evangeliums über die Ehe als Sakrament, als untrennbarer Lebensbund, als Zeichen und Verwirklichung der Treue Gottes zu verkünden? Das Wort des Herrn ist unmissverständlich klar: „Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“ (Mt 19,6) Oder reicht es uns, nur als erfahrene Anbieter eines besonders schönen Ritus wahrgenommen zu werden – egal, was danach kommt?

Natürlich müssen wir die Realität des Scheiterns im Leben ernst nehmen(niemand, der in seiner Beziehung scheitert, hört auf Glied der Kirche zu sein, ganz im Gegenteil!) und nach Wegen – auch nach neuen Wegen – suchen, wie das Scheitern gut begleitet werden kann. Aber wir dürfen aus dem Evangelium nie eine nichtssagende Botschaft des „anything goes“ machen und Barmherzigkeit zu einer billigen Ausrede für alles verkommen lassen – eben mit dem Fingerzeigen auf andere – seien es Päpste, seien es Betroffene.

Papst Franziskus wird nicht müde zu wiederholen, dass die Botschaft „Kehrt um!“für alle gilt: für ihn genauso, wie für Bischöfe, Priester, Eheleute, Jugendliche, Geschiedene, Gescheiterte, Zufriedene oder Enttäuschte. Für uns alle heißt das Evangelium: „Kehrt um!“

Es ist also eine Botschaft auch an uns, eine Einladung, unsere Gottesbeziehung zu erneuern, unseren Lebensblick erneut auf Gott hin auszurichten, zu unseren Sünden zu stehen, sie zu bereuen, zu bekennen und so – in Wahrheit – wahre Barmherzigkeit, diese wunderbare Umarmung Gottes, die aufrichtet und belebt, zu erfahren. Das bedeutet auch, dass wir uns nie mit Reduktionen des Evangeliums zufrieden geben dürfen: sei es dass es zu einer süßlichen, harmlosen Botschaft umgedeutet wird; sei es, dass es auf die irdische, soziale und kulturelle Wirklichkeit, oder aber auf ein unbestimmtes Jenseits reduziert wird.Das Evangelium ist immer mehr! Es hat immer Gegenwart aber eben auch unsere Zukunft im Blick, unsere Realität, aber eben auch die unzerstörbare Hoffnung, die über alles Sichtbare und Irdische hinausgeht. Lassen wir uns also nicht beirren! Lasst uns am ungekürzten Evangelium festhalten, denn es hat die Macht unsere Welt zu retten!

 

 

Barmherzigkeit aber immer mit Umkehr, Liebe aber immer mit Verantwortung, Vergebung aber immer mit Gerechtigkeit – das alles und zusammen gehört zum Evangelium. Nur so, in dieser Breite, Wahrhaftigkeit und auch Radikalität können wir von einer Frohen Botschaft sprechen. Freuen wir uns darüber!

 

 

2. Sonntag im Jahreskreis A

Christus: das Lamm und der Knecht; der Sohn und das Licht

An Weihnachten ist uns die Frohe Botschaft verkündet worden, dass im Menschen Jesus Gott selber einer von uns wurde und dass wir in ihm und durch ihn Kinder Gottes und so füreinander Brüder und Schwestern sind. Vorige Woche, am Fest Taufe des Herrn, haben wir verstanden, dass unsere Taufe die konkrete Verwirklichung dieser Gotteskindschaft in unserer Zeit bedeutet.

Heute, am 2. Sonntag im Jahreskreis, ist es wiederum Johannes der Täufer, der von Jesus Zeugnis ablegt und sagt: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“ (Joh 1,29-34) Es ist ein Wort, das uns sehr vertraut ist – wird es doch in jeder Eucharistiefeier wiederholt. Es ist aber auch ein Wort, das für manches moderne christliche Ohr etwas antiquiert klingen mag.

Für einen gläubigen Juden aber hat dieser Begriff eine tiefe Wurzel. Er erinnert an das Paschalamm im Buch Exodus (Ex 12), das den Erstgeborenen Israels in der Nacht vor dem Auszug aus Ägypten das Leben rettete. Er erinnert an den Sündenbock des Versöhnungstages (vgl. Lev 16), das stellvertretend die Sünden der ganzen Gemeinde in die Wüste trägt. Vor allem aber erinnert der johanneische Begriff ὁ ἀμνὸς τοῦ θεοῦ (das Lamm Gottes) an die vier Gottesknechtslieder des Jesaja.

Dieses göttliche Lamm, das die Sünde der Welt trägt, ja das diese Sünde hinwegnimmt, ist der Knecht Gottes – ὁ δοῦλός τοῦ θεοῦ. In der Muttersprache Jesu (und Johannes’ des Täufers) – aramäisch – hat das eine Wort „talja“ einen doppelten Sinn: es bedeutet gleichermaßen „Lamm“ als auch „Knecht“. Der von Gott bei Jesaja verheißene Gottesknecht, der die Sünden der Vielen trägt (vgl. Jes 53,12), ist also das Lamm des Johannes, das sich nicht wehrt, sondern sein Leben für diejenigen aufopfert, welche der Erlösung bedürfen.

Knecht (oder Sklave) und Lamm – in diesen zwei Begriffen will uns die heutige Liturgie das Geheimnis Jesu näherbringen. Und mit beiden tun wir uns schwer, weil sie so wenig Raum für den anderen, äußerst wichtigen Begriff – den, der Freiheit – offenzulassen scheinen. Wenn wir aber zur ersten Lesung zurückkehren, sehen wir, dass dieser Begriffspaar hier weiterentwickelt und vertieft wird: „Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht für die Völker, damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.“ (Jes 49,6)

Gerade in seinem Gehorsam, gerade in seiner vollkommenen Identifizierung mit dem Willen des Vaters, wird dieser Knecht Gottes, wird dieses Sünde tragende Lamm zum Licht für die Völker. In Jesus Christus ist diese prophetische Vision Wirklichkeit geworden: er, der göttliche Sohn, hat sich völlig mit dem Willen des Vaters – „damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10) – identifiziert. „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30) – wird er einmal sagen und gerade in diesem Sinne die Sünde der Welt auf sich nehmen. Gerade darin ist er der Sohn seit Ewigkeit her – er, der schon vor Johannes, der ihn nun bezeugen will, da war. (Joh 1,30.34)

Der Begriff des Lammes und des Knechtes gipfelt also im Begriff des Sohnes und des Lichtes: Jesus ist Sohn, weil er der Knecht ist; er ist das Licht der Welt, weil er als makelloses Lamm ihre Sünde hinwegnimmt.

 

 

Das ist unser Bekenntnis zu Christus auch heute: Er ist das Lamm Gottes, er ist der einzige Sohn, er ist der Knecht und er ist das Licht. Jesus ist und bleibt – durch die ganze Geschichte hindurch – der leidende Gottesknecht, von dem Jesaja in diesem zweiten Lied sagt (heute haben wir es nicht gehört): er sei ein„verachteter Mann“, ein „Abscheu der Leute“. (vgl. Jes 49,7) Von ihm sagt er dann aber auch: „Zur Zeit der Gnade will ich dich erhören, am Tag der Rettung dir helfen.“ (Jes 49,8) Dieser Knecht erfährt gerade in seiner Erniedrigung die Treue Gottes, in seinem Gehorsam bringt er das Heil der Welt, wird er zum Licht, zum einzigen Namen, in dem das Heil ist. (vgl. Apg 4,11)

Wir bekennen uns zu diesem Jesus, zu seiner Geschichte, zu seinem Wort und zu seiner rettenden Tat auch heute, wenn er von so Vielen in Frage gestellt, ausgelacht und relativiert wird. Gerade da erschallt unser überzeugtes Glaubensbekenntnis: „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott [...] für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel herabgekommen“.

Als Christen sind also nicht wir selbst das Licht, sondern weisen hin auf Christus und bekennen, dass in keinem anderen Namen das Heil und das Leben und das Licht zu finden ist, nur in Jesus Christus, dem Sohn, dem Gesalbten Gottes, dem Christus.

So stehen in der Mitte unseres Glaubens nicht unsere angeblich so modernen Fragen – die seit Jahrzehnten nur wiederholt werden und zu denen z.B. unser neuer Erzbischof in dieser Woche nach der Amtseinführung immer wieder Stellung nehmen musste (Zölibat u.ä.) – sondern dieses uralte Bekenntnis zu Jesus Christus, das Bekenntnis der Apostel und Märtyrer, das Bekenntnis, das auch dem heutigen Menschen den Zugang zum Heil öffnet.

Unser Erzbischof Franz Lackner hat in der Predigt bei seiner Amtseinführung vorige Woche genau darauf hingewiesen und gesagt: „Kirche [also wir alle] steht nicht im Zentrum, sondern ist Zeichen und Werkzeug auf ein Zentrum hin. Kirche steht für die innigste Einheit mit Gott genauso, wie für die Einheit der ganzen Menschheit untereinander. Gemäß dieser Bestimmung – das gilt für unsere Zeit besonders – und nach dem Vorbild des Johannes des Täufers muss Kirche eine Suchende sein. Jedoch nicht eine Suchende, die gar nicht erst wüsste, was oder wen sie zu suchen hat, so als ob sie gleichsam bei Null beginnen müsste. Vielmehr gilt für sie – frei nach den Worten des Hl. Augustinus –: „Weil ich dich, oh Gott, gefunden habe, suche ich dich.“ Gerade weil sich die Kirche auf ihrer vom Heiligen Geist geführten langen Reise durch die Geschichte ein so reiches wie profundes Wissen über Gott und seinen Plan mit den Menschen angeeignet hat, muss sie ständig neu aufbrechen und für die Überraschungen Gottes offen sein.“

Seien wir also eine suchende und bekennende Kirche, seien wir offen für die Überraschungen Gottes! Lasst uns in der Freude des Evangeliums wachsen, in der Freude darüber, dass Christus das Lamm und der Knecht Gottes ist, der auch mich und dich von den Sünden befreit und bringen wir so als Töchter und Söhne Gottes das Licht in die Welt.

 

 

2. Sonntag nach Weihnachten

Unser Leben und unsere Welt – Gottes Eigentum

Das Ereignis der Heiligen Nacht ist so stark, so tief und so voll, dass wir nie fertig werden mit seiner Betrachtung und brauchen immer wieder die Möglichkeit, sich in dieses Wunder zu vertiefen. Unser Nachdenken und Verstehen bleibt dabei immer nur partiell. Nur stückweise nähern wir uns diesem Geheimnis.

So können wir heute das Evangelium des Christtags (Joh 1,1-18) mit seiner geballten Fülle erneut zu uns sprechen lassen: „Er kam in sein Eigentum und die seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1,11) Mit diesen Worten beschreibt Johannes die Reaktion der Welt auf das Kommen des Logos, des schöpferischen Wortes Gottes, des Sinns in die Konkretheit der menschlichen Geschichte: Er kommt in sein Eigentum.

Das ist eine äußerst wichtige Aussage, die uns zu denken gibt. Wenn Gott in die Welt hereintritt, betritt er nicht ein fremdes Terrain, eine ‚Terra incognita’ für ihn, oder gar ein Feindesgebiet, sondern sein Eigentum, das was ihm gehört. Warum? Weil er der Logos ist, durch den alles geworden ist und ohne den Logos wurde nichts, was geworden ist. (vgl. Joh 1,3)

Die Welt existiert nicht, weil sie sich selbst zur Existenz entschlossen hätte, sondern weil Gott sie ins Dasein berufen hat. Die Welt gibt es nicht aus Gründen irgendeinen Zufalls – es ist ein absurder und abstruser Glaube (und nichts mehr als Glaube) zu behaupten, am Anfang aller Existenz stehe ein Zufall, also ein Unsinn, der alles Sinnvolle dieser Welt habe entstehen lassen... Die Welt gibt es also nicht aus Gründen irgendeinen Zufalls, sondern aus Gründen der Entscheidung Gottes: weil Gott „sprach“. (vgl. Gen 1,3f.) Sie ist ganz und gar abhängig von ihm, der wiederum als Schöpfer ganz und gar unabhängig ist von ihr. Die Welt ist, weil Gott wollte, dass es sie gibt – er ist die tiefste Ursache für ihre Existenz.

Diese Wahrheit ist das erste Evangelium von Weihnachten: Gott ist der Grund, warum es die Welt und uns in ihr gibt. Wenn er in sie hereintritt, kommt er in sein Eigentum.

Diese Wahrheit müssen wir uns immer wieder sagen lassen, denn sie hat große Konsequenzen für unser Leben und Denken: Mensch, vergiss nicht, dass die Welt nicht dir gehört, sondern dir von Gott anvertraut wurde. Die Welt ist nicht dein Eigentum, sondern sein Eigentum. Du darfst also nicht mit ihr umgehen, als dürftest du alles. Du darfst mit deinem Eigentum tun, was du willst, aber nicht mit Gottes Eigentum. Du darfst die Welt weder vernichten, noch ausbeuten, sondern fruchtbar machen – „bevölkern“ (vgl. Gen 1,28) weil sie nicht dein Eigentum ist. Du sollst die Welt also als Geschenk ansehen, als Treuhand, als Ausdruck des Vertrauens Gottes dir gegenüber.

Diese Botschaft dürfen wir aber auch ganz persönlich auf unser Leben beziehen.Mein Leben ist nicht mein Eigentum, sondern Gottes Eigentum. Wiederum gilt: Nicht ich habe mich zum Sein entschlossen – ich wurde ins Leben berufen.„Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht.“ – so hat es einst Papst Benedikt XVI. auf den Punkt gebracht.

Mein Leben also gehört Gott. Mich gibt es – weil Gott mir Anteil am Sein gibt. Und wenn Gott mich besucht, wenn er in mein Leben hereintritt, dann kommt er in sein Eigentum, dann betritt er nicht die Grenze eines Fremdstaates, sondern seines eigenen Landes. Das macht die Würde meines Lebens aus: dass es Gott gehört. Deswegen darf kein Mensch einen anderen versklaven oder als Mittel zum Zweck betrachten, sondern muss in ihm immer ein Wunder Gottes sehen. Deswegen darf auch ich mit meinem Leben nicht tun, was ich will, ich darf es nicht vernichten oder vergeuden... Es ist nicht mein Eigentum, sondern Gottes Eigentum.

 

 

„Er kam in sein Eigentum und die Seinigen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1,11) So beschreibt Johannes die tragische Blindheit von uns Menschen: Gott kommt und wir schicken ihn weg, weil wir die Welt irrtümlicherweise als „unsere Welt“ und ihn als einen Fremden, ungeladenen Gast betrachten. Denkfehler! Was wir haben und sind gehört ihm – es ist sein Eigentum. Wie oft aber geben wir in unserem Leben, in unserer Welt der Finsternis Vorrang vor dem Licht? „Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht.“ (Joh 1,5.9-10) Wie oft trifft es auf uns zu?

Und doch tritt Gott in seine Welt herein. Obwohl er weiß, wie wir reagieren, kommt er in sein Eigentum... Er riskiert... und wird immer wieder unserer Welt, seines Eigentums verwiesen, immer wieder wird er ausgeladen, immer wieder weggeschickt... Aber er wird auch immer wieder angenommen und willkommen geheißen: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“(Joh 1,12) Er kommt in sein Eigentum und die Seinigen nehmen ihn auf und werden seine Kinder.

Wollen wir zu denen gehören? Die Gotteskindschaft beginnt in der Betrachtung der Welt, die nicht uns, sondern ihm gehört, in der Betrachtung eigenen Lebens, das sein Eigentum ist.

Gott will bei uns wohnen, in seinem eigenen Hause. Laden wir ihn bewusst ein, bekennen wir uns zu dieser Wahrheit, dass wir nicht uns, sondern ihm gehören:Herr, ich bin dein Eigentum, dein ist ja mein Leben...

„Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1,14)