September 2013

26. Sonntag im Jahreskreis C

Der reiche Mann und Lazarus in uns

Es sind eigentlich zwei arme Männer, von denen das heutige Gleichnis spricht. (Lk 16,19-31) Der eine heißt Lazarus und hat nicht einmal etwas zu essen, nur Hunde leisten ihm Gesellschaft. Dann aber ist hier der reiche Mann, der jetzt zwar alles hat, am Ende aber doch der Arme ist und viel leiden muss. Es wäre allerdings gegen den Sinn der Geschichte, in ihr eine primitive Logik entdecken zu wollen nach dem Motto: Jetzt schlecht, dann gut, jetzt gut, dann schlecht. Die Botschaft Jesu ist eine andere.

Es wurde bereits erwähnt, dass diese Männer, obwohl sie ganze Welten trennen – in diesem, wie im folgenden Leben – doch einiges gemeinsam haben. Vor allem die Beschreibung der Situation des Lazarus lässt uns an den verlorenen Sohn denken, von dem auch der Evangelist Lukas spricht. Heute heißt es: „Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel.“ (Lk 16,21) Im Griechischen steht wortwörtlich: „Er wünschte seinen Bauch zu füllen“.Der verlorene Sohn, der sein ganzes Vermögen durch ein zügelloses Leben verschleuderte, hat im vorhergehenden Kapitel den gleichen Wunsch: „Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.“ (Lk 15,16) Bei Lazarus sehen wir Hunde in seiner Nähe, beim verlorenen Sohn sind es Schweine: beides unreine Tiere im alten Orient – ein Zeichen für den totalen Tiefpunkt der Lebenssituation. Im Evangelium sehen wir allerdings auch, wie sich diese Situation wendet: der Arme sitzt im Schoß Abrahams, der Reiche leidet in der Unterwelt. Also doch eine primitive Logik? Jetzt gut, dann schlecht?

Das würde eindeutig zu kurz greifen. Denn wir können auch im reichen Mann eine Parallele zum verlorenen Sohn entdecken, nämlich mit seinem Leben vor dem Verlassen des Vaters. Auch er war ein reicher Sohn eines reichen Vaters, sicher gut gekleidet, der gut essen konnte. Man kann also sagen, dass in beiden, im Reichen, wie im armen Lazarus etwas vom verlorenen Sohn zu finden ist. Der aber ist kein Hoffnungsloser, sondern einer, der seine Chance bekommt. So sind also auch die zwei im heutigen Evangelium keine hoffnungslosen Fälle, sie haben ihre Chance.

Mir scheint der Vers 25 der eigentliche Schlüssel für die Geschichte zu sein. Es ist ein Wort, das Abraham an den armen Reichen, der in der Unterwelt qualvoll leidet, richtet: „Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes.“ (Lk 19,25) Er hat seinen Anteil am Guten bereits erhalten. Sein Reichtum also ist Geschenk und er ist Anteil. Er ist ihm verliehen. Er aber denkt ganz anders. Man sieht, dass er seinen Reichtum als selbstverständlich ansieht, als ihm gehörig. Er weiß nicht, dass alles Geschenk ist, für das er dankbar sein sollte. Deswegen kommt er nicht auf die Idee, dass er dieses Geschenk mit dem armen Lazarus teilen könnte, dass er daraus mehr machen könnte. Er ist geblendet und versteht nur sehr wenig vom Leben.

In dem reichen Mann sehen wir sehr viel von uns. Deswegen beunruhigt uns die Geschichte. Denn nüchtern betrachtet, geht es uns gut, ja sehr gut. Wir sind gut gekleidet, essen gut und bio, ja wir können es uns leisten, denn Menschen in ärmeren Ländern stehen gar nicht vor der Frage ob sie bio oder nicht bio essen sollten... Ja, wir spenden auch viel und wollen sozial sensibel sein, wir versuchen sogar die Not der Armen zu sehen und zu lindern.

 

 

Aber haben nicht auch wir das Problem, dass wir in all dem nicht mehr Geschenk Gottes sehen, sondern nur die Frucht unserer Mühe? Vergessen nicht auch wir die Dankbarkeit Gott gegenüber? Vergessen wir nicht all zu oft, dass ohne Gottes Gnade alles andere nichts wäre? Sind nicht auch wir der Überzeugung, dass das alles selbstverständlich sei und uns gehört? In der Tat, der Mensch unserer Zeit hat die Dankbarkeit Gott gegenüber weitgehend verlernt. Er bleibt verschlossen in der Realität des Irdischen und sieht nicht, dass es noch mehr gibt. Er muss sich von neuem auf Gott hin öffnen, um wirklich gut leben zu können, um das „mehr“ des Lebens zu entdecken. Er muss von neuem verstehen, dass das Leben und seine Freuden Geschenk sind, die wir erhalten, damit wir uns und andere damit glücklich machen. Zu dieser Perspektive führt uns die Schrift – Mose und Propheten, die im Evangelium erwähnt werden.

Am Ende der Geschichte steht noch der Satz: „Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.“ (Lk 19,31) Tatsächlich können wir darin eine Anspielung auf Jesus selbst sehen, den gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Er ist das Maß des menschlichen Lebens, ja das Maß des wahren Menschseins überhaupt.

Und er lebt vor, was er im heutigen Evangelium lehrt. Er war Gott gleich, aber er entäußerte sich und wurde einer von uns. (vgl. Phil 2,6-7) Christus hat alles mit uns geteilt: Er hat alles unsrige auf sich genommen und alles seinige für uns gewonnen, in dem er uns den Zugang zum Geheimnis des Lebens eröffnet hat. In ihm und bei ihm können also auch wir, die Reichen und Gesegneten, immer wieder lernen, wie man richtig und solidarisch mit den Gaben umgeht. Lasst uns heute und immer wieder in diese Schule Jesu begeben.


 

 

24. Sonntag im Jahreskreis C

Nein zum ökonomisierten Denken in unseren Beziehungen

Auch der Mensch von heute liebt immer noch Geschichten, ja auch die Jesusgeschichten, die verschiedenen Gleichnisse und Bilder, welche Jesus erzählt, um wichtige Botschaften verständlich zu kommunizieren.

So auch im heutigen Evangelium (Lk 15,1-10) mit den zwei Gleichnissen von Gott, der nicht aufhören will ein Sucher zu sein: Gott ist wie ein guter Hirte, der das verlorene Schaf sucht oder wie eine Frau, die ihr ganzes Haus saubermacht, nur um eine verlorene Münze zu finden. Das ist die Botschaft: Gott gibt den Menschen nie als verloren auf, sondern sucht nach ihm, ja geht ihm entgegen.

Nun, mit den Gleichnissen Jesu ist es so, dass sie die Bilder des damaligen Alltags aufgreifen – es gab damals viele arme Frauen und viele einfache Hirten –und so auch für uns sympathisch bleiben, mitunter aber auch schwerer nachvollziehbar. Gerade bei den heutigen Gleichnissen können wir sehen, wie ganz anders – völlig ökonomisch rationalisiert – unser Denken geworden ist.

Jesus erzählt diese Geschichten als Reaktion auf die Empörung der Pharisäer und Schriftgelehrten, dass er sich mit Sündern und Zöllnern abgibt. (vgl. Lk 15,2) Er will damit klar machen, dass er, der als Sohn im Auftrag des Vaters gekommen ist, gerade dem scheinbar Verlorenen nachgehen muss, weil genau das der Wille des Vaters ist, „zu suchen und zu retten, was verloren ist“ – wie er im Fall des Zöllners Zachäus sagen wird. (vgl. Lk 19,10)

Die erste Lesung (Ex 32,7-11.13-14), in der es Mose gelingt, Gott umzustimmen und ihm seinen berechtigten Zorn auszureden, ihn szs. vom Thron des Gerichts hin zum Thron der Barmherzigkeit wechseln zu lassen (vgl. Benedikt XVI.) unterstreicht noch diese Botschaft. Hans Urs von Balthasar schreibt, dass Mose an das Göttlichste in Gott, an sein Erbarmen appelliert und deswegen Erfolg hat: er erinnert ihn daran, dass er sich immer als ein barmherziger, suchender und verzeihender Gott erkennen hat lassen.

Bei Jesus klingt es so, dass Gott dem Verlorenen bis an die Grenze des Möglichen, ja sogar des Vernünftigen nachgeht. Wie könnte man denn anders erklären, dass der Hirte 99 Schafe ungeschützt in der Wüste zurücklässt, nur um dem einen verlorenen nachzugehen? In unserem heutigen Denken würden wir nach dem Schema von Kosten/Nützen und Günstig/Ungünstig in dieser Situation sicher etwas anderes empfehlen. So lange die 99 anderen Schafe da sind, dürfte man das eine Verlorengegangene als einen unangenehmen, jedoch ganz normalen Arbeitsunfall oder als Schadensfall betrachten. So geschehe es halt manchmal im Leben...

Der Gott aber, von dem Jesus als seinem Vater spricht und von dem er Zeugnis ablegen will, tickt da ganz anders: Er kennt keine Schadensfälle, er schaut nicht rein wirtschaftlich auf das Große und Ganze, sondern sieht eben jeden einzelnen als unendlich wertvoll an und deswegen der Mühe würdig, ihn zu suchen, nach ihm Ausschau zu halten und sich nach ihm zu sehnen.

So müssen wir die heutigen Gleichnisse Jesu in unserer Zeit eher als Kontrastgeschichten lesen und sie in diesem Sinne zu uns sprechen lassen: Gott denkt und handelt ganz anders als der Mensch mit seiner ökonomisierten Vernunft.

Der emeritierte Papst schreibt dazu: „Tatsächlich ist der Hirt, der das verlorene Schaf wiederfindet, der Herr selbst, der mit seinem Kreuz das sündige Sein des Menschen auf sich nimmt, um es zu erlösen. Wenn er in den ‚Gleichnissen der Barmherzigkeit’ von dem Hirten spricht, der dem verlorenen Schaf nachgeht, von der Frau, die die Drachme sucht [...], dann sind dies alles nicht nur Worte, sondern Auslegungen seines eigenen Seins und Tuns.“

Ja, es ist der Herr selbst, der auf diese Weise und nicht anders mit uns umgeht. So ist das heutige Wort Gottes zuallererst ein großer Trost für uns alle, die wir uns, wenn wir ehrlich sind, oft als seiner Treue unwürdig und seiner Nähe unfähig erleben, die wir so oft unser Glück ohne ihn suchen und außerhalb des von ihm Empfohlenen zu leben versuchen, die wir seine Liebe und Treue als selbstverständlich ansehen oder gar nicht wahrnehmen.

 

 

Wir sind die verlorene Drachme und das davongelaufene Schaf und die gute Botschaft ist, dass uns Gott in unserer Verwirrung nicht als Irrtum und Schadensfall betrachtet, sondern als so wertvoll, dass er uns sogar dann nachgeht und nach uns Ausschau hält, wenn wir darum kein Interesse zeigen und weit weg von ihm und seinem Willen sind.

Gott denkt tatsächlich ganz anders als es für uns Normalfall ist. Aber er lädt uns dazu ein, ihm gerade auch in seiner Denkweise ähnlich zu werden, in unserem eigenen Denken über das Gängige und in unserer Zeit scheinbar Normale, ja über das Berechnende und ökonomisch Vernünftige, in unseren Beziehungen, hinauszugehen.

Tatsächlich, die ökonomisierte Art des Denkens, die in vielen Bereichen unseres Lebens gut und richtig ist, ist bis in unsere zwischenmenschlichen Beziehungen hineingedrungen, wo sie nicht viel verloren hat. Es gibt nicht wenige Menschen, die ihre Freundschaften und sogar Familienbeziehungen nach der Devise des Vorteils und des Gewinns gestalten. So wird sehr oft die Frage gestellt: Was bringt mir diese oder jene Beziehung? Was habe ich davon? Welche Freundschaften bringen mir konkrete Vorteile? Zahlt sich das aus, in diesen Menschen zu investieren – mein Geld, meine Zeit, mein Bemühen, meine Liebe? Vielleicht hat mir eine Person in der Vergangenheit geholfen, soll ich aber zu ihr stehen, wenn sie in Probleme gerät, wenn sie mit einer Krise kämpfen muss? Habe ich nicht genug eigene Probleme?

In der Eucharistie begegnen wir der am Kreuz geopferten und auferstandenen Liebe Gottes, die sich solche ökonomisierten Fragen nicht stellt. Sie liebt bis zur äußersten Grenze und geht dem Verlorenen nach. Genau so überschreitet sie aber auch die letzte Grenze – die Grenze des Todes. So kann uns die Eucharistie vom rein wirtschaftlichen Denken, das das Leben in weiten Teilen der Gesellschaft zunichte macht, befreien und uns Gott ein Stück ähnlicher werden lassen.

Wir lieben die Geschichten Jesu. Die heutigen Gleichnisse erweisen sich bei näherem Hinschauen als Kontrastgeschichten zu unserer heutigen Erfahrung. Trotzdem oder gerade deswegen bleiben sie inspirierend und nachahmungswürdig.


 

 

22. Sonntag im Jahreskreis C

Die Erniedrigung der Liebesbedürftigkeit

In einem Text einer medial omnipräsenten Person, den ich vor kurzem las, stand ganz selbstverständlich der Satz: „Jeder Mensch will doch groß und berühmt werden...“ Da habe ich mir gedacht: Das stimmt so sicher nicht. Wahrscheinlich glaubt diese Person, alle seien so wie sie. Ich aber kenne viele Menschen, die sich nicht nach vorne drängeln und gar nicht berühmt werden wollen.

Einen ähnlichen Gedanken konnte man beim Lesen des heutigen Evangeliums (Lk 14,1.7-14) haben. Jesus ist zu einem Festessen eingeladen und muss zusehen, wie sich die Leute Ehrenplätze aussuchen: alle wollen nach vorne, alle wollen wichtig sein. Daraufhin sagt er: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Lk 14,11) In diesem Moment könnten sich vielleicht diejenigen, die eben keine Ehrenplätze suchen und sich nicht nach vorne drängeln denken: Das geht mich nicht an... so einer bin ich doch nicht.

Wie wir aber wissen, hat das Wort Gottes immer eine Botschaft für uns – eben auch für diejenigen, die nicht das Problem haben, dass sie wichtig oder berühmt oder was auch immer werden wollen. Was Jesus da sagt geht uns alle – auch sie – an. In welchem Sinne?

Schauen Sie, es gibt mehrere Interpretationen für dieses Evangelium. Kürzlich habe ich von einem Freund eine Auslegung gehört, die mich sehr angesprochen hat: In diesem Evangelium geht es, so der Freund, um nichts Geringeres als um die Liebe. Wir könnten in der Geschichte das Bild der Hochzeit mit dem der Liebe ersetzten. Dann bekommt es eine völlig neue Bedeutung. Wohin führt dieses spannende Experiment?

Den Höhepunkt dieser Perikope bildet zweifellos die eben erwähnte Aussage Jesu:Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Lk 14,11) Der Niedrige, der sich selbst erniedrigt, ist der Bedürftige – Jesus selbst spricht von den Armen, Krüppel, Lahmen und Blinden (V. 13). Für unsere Interpretation kann es heißen, dass die Niedrigen diejenigen sind, die der Liebe bedürfen, die wissen, dass sie auf die Liebe angewiesen sind, die ihre Liebesbedürftigkeit wahrnehmen und jene Liebe dankbar annehmen, die ihnen geschenkt wird.

Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die sich selbst erhöhen. Ein solcher Mensch glaubt nicht, dass er in irgendeinem Sinn bedürftig wäre, er habe sein Leben doch selbst in der Hand. Er glaubt auch nicht, dass er in der Liebe irgendwie bedürftig wäre, weil er 1. wichtig und groß genug zu sein glaubt, um geliebt zu werden und 2. weil er so viel den anderen anzubieten hat, dass er sich der Liebe vieler sicher sein kann, so dass er sich selbst aussuchen kann, wen er liebt und wen nicht. Er meint, in diesem Bereich genug zu besitzen und sich deswegen nicht als ein Bedürftiger ansehen zu müssen. Er steht hoch über der Fragestellung und betrachtet die Liebe ein wenig wie ein Geschäft: Do ut des. Mit anderem Wort, er agiert nach dem Motto: Ich bin stark, ich gebe viel, also ich bekomme auch viel und kann mir meines Platzes sicher sein. Ich kann mir meinen Platz selber aussuchen.

Jesus dagegen betont, dass eben die Niedrigen wahrhaft erhöht werden, weil sie wissen, dass die Liebe immer Wunder und immer Geschenk ist. Wenn sie sich nämlich als der Liebe bedürftig ansehen, wissen sie auch, dass sie sich ihren Platz im Leben, ihren Platz in den Beziehungen und die Menschen, die sie lieben, nicht einfach aussuchen können, sondern, sie wissen, dass dieser Platzt ihnen von Gott zugedacht, dass diese Menschen ihnen von Gott geschenkt werden. Als Niedrige bleiben sie „unten“ sitzen und indem sie nicht satt, sondern offen sind, werden sie von der Liebe Gottes und von der Liebe der anderen aufgerichtet, erhöht. Ja, die Liebe, derer sie bedürfen und die sie oft gar nicht zurückgeben können, macht sie groß.

 

 

Ich glaube, dass dies auch die Botschaft an uns ist: Die Liebe ist immer ein Geschenk und ein Wunder. Auch in unserem Leben kann sie angenommen und so zurück- und weitergeschenkt werden, aber sie beginnt auch bei uns mit dem Bekenntnis der eigenen Liebesbedürftigkeit: wir sind nicht voll, wir haben nicht genug von Liebe, wir können nicht glauben, groß und gesättigt zu sein und nicht auf sie angewiesen zu sein.

Die Liebe kann auch bei uns nicht wie ein Geschäft abgewickelt werden, sie rechnet nicht ab und ist frei von jeder Selbsterhöhung, weil sie den anderen als Gnade ansieht. Sie weiß, dass der richtige Platz für sie nicht derjenige ist, den sie sich selbst aussuchen würde, sondern derjenige, der ihr von Gott zugedacht wurde. Sie weiß, dass sie sich die Menschen, die sie liebt, nicht einfach nach Gutdünken aussuchen kann, sondern ist für jede ihr entgegengebrachte Zuneigung und Liebesbekundung dankbar und versucht eben andere zu lieben, die sich ihrerseits ihrer eigenen Liebesbedürftigkeit bewusst sind und zu ihr stehen.

Der junge Freund mit der Liebesinterpretation des heutigen Evangeliums hat dann auch noch auf ein interessantes Detail hingewiesen. Der Herr sagt, wenn er von den Bedürftigen spricht: „Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, so lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein... sondern lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein.“ (vgl. Lk 14,12-13)

Es gibt also auch nicht nur ein Mittagsmahl oder ein Abendessen, sondern auch ein Frühstück. Dort gehören eben die Nahen hin: Familie, Kinder, Brüder, Schwestern und eben auch Gott – sie muss man selbstverständlich zuerst lieben, damit man dann aus sich heraus gehen kann, damit man die Bedürftigen lieben kann. Es beginnt „in der Früh“ und es beginnt in der Mitte.

Am Sonntag sind wir in der Mitte und um die Mitte versammelt. In der Eucharistie feiern wir die Quelle jeder Liebe: die am Kreuz geopferte und auferstandene Liebe Gottes, die stärker ist als der Tod. Hier können wir schöpfen und beginnen, hier können wir unsere Liebesbedürftigkeit vertrauensvoll auf den Altar legen, hier können wir uns als Blinde, Lahme, als Bettler vor Gott erniedrigen, damit er uns aufrichten, erhöhen kann.

Die heutige Liturgie haben wir mit einem wunderbaren Tagesgebet eröffnet, das nun sehr passend unsere Gedanken abschließen kann:

Allmächtiger Gott,
von dir kommt alles Gute.
Pflanze in unser Herz
die Liebe ein.
Binde uns immer mehr an dich,
damit in uns wächst,
was gut und heilig ist.
Wache über uns
und erhalte, was du gewirkt hast.