Oktober 2013

30. Sonntag im Jahreskreis C

Die Frage nach dem gnädigen Gott

Es fasziniert immer wieder, wie genau der 2000 Jahre alte Text des Evangeliums unsere heutige Situation trifft und wie stark er zu uns sprechen kann – wenn wir es zulassen.

Heute erzählt Jesus die Geschichte vom Gebet eines Pharisäers und eines Zöllners. (Lk 18,9-14) Der hl. Lukas macht ausnahmsweise sogar eine Einleitung wenn er sagt: „Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Beispiel...“ (Lk 18,9)

Pharisäer und Zöllner: Es sind dies zwei sehr unterschiedliche Charaktere und zwei Modelgestalten, denen wir in den Evangelien öfters begegnen. Der Pharisäer vertritt hier diejenigen, die sich für gerecht halten und sich selbst mehr vertrauen als Gott. Der Zöllner dagegen steht für alle, die keinen anderen Halt haben außer Gott: er allein ist ihre Hoffnung. Die Ersteren glauben, Gott gar nicht zu bedürfen, die eigene Gerechtigkeit müsse genügen, die Zweiteren dagegen wissen demütig, dass es ohne ihn nicht geht.

Diese zwei Modellgestalten werden dann auch sehr unterschiedlich beschrieben. Der Gegensatz ist schon in der Beschreibung ihrer Körperhaltung spürbar. Der Pharisäer steht; er „stellt sich hin“ – so Lukas (vgl. Lk 18,11), der Zöllner dagegen bleibt nur ganz hinter stehen und wagt nicht einmal seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlägt sich an die Brust. (vgl. Lk 18,13) Diese Körperhaltungen als solche sind natürlich neutral, weder an sich schlecht noch gut, sie bezeugen auch nicht unbedingt, dass der Pharisäer etwas falsch, der Zöllner aber etwas richtig macht.

Der eigentliche Unterschied besteht vielmehr in der inneren Haltung, welche in der Körperhaltung in konkreter Situation einen Ausdruck findet. Der Pharisäer erhebt sein Haupt, der Zöllner wagt so etwas gar nicht. Der eine ist sich seiner angeblichen Verdienste sicher („Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.“ Lk 18,12), der andere weiß, dass er ein Sünder ist, der des Erbarmens Gottes bedarf und sich nicht auf eigene Leistungen berufen kann. Der eine braucht Gott eigentlich nicht und schon gar nicht seine Barmherzigkeit – er hat doch seine Werke und seine eigene Gerechtigkeit, der andere versteht, dass er nur aus Gottes Erbarmen leben kann.

Ich meine, dass gerade dieser im Evangelium so klar ausgemachte Gegensatz, sehr stark zu uns spricht. In welcher dieser zwei Gestalten finden wir uns wieder? Sind wir in unserer Denkweise nicht doch ein Stück dem Pharisäer ähnlicher als dem Zöllner? Und glauben wir nicht, dass es eine dritte Möglichkeit gäbe!Entweder nehme ich mein Leben selbst in die Hand und baue auf meine eigene Gerechtigkeit – also brauche Gott und sein Erbarmen nicht, oder ich bin mir meiner Gottbedürftigkeit bewusst und dann erfahre ich mich selbst als einen auf Gott und seine Barmherzigkeit völlig angewiesenen Sünder.Oder noch deutlicher: Entweder glauben wir das, was wir so oft sagen, nämlich, dass wir keine Sünden hätten und deswegen auch nicht zur Beichte gehen müssten – und das wäre der Irrtum des Pharisäers, der schließlich als Ungerechter nach Hause zurückkehrt –, oder aber stimmt diese Überzeugung nicht und wir müssen ständig nach der Barmherzigkeit Gottes suchen, weil wir auf sie angewiesen sind. Wie aber finden wir sein Erbarmen?

Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Das war die Frage, die auch den deutschen Reformator Martin Luther Zeit seines Lebens bewegt hat. Papst Benedikt XVI.fand im Jahre 2011 beim Besuch des Augustinerklosters in Erfurt, in dem der Reformator gelebt hatte, folgende bewegende Worte:

 

 

„Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Dass diese Frage die bewegende Kraft Luthers ganzen Weges war, trifft mich immer wieder ins Herz. Denn wen kümmert das eigentlich heute noch – auch unter Christenmenschen? Was bedeutet die Frage nach Gott in unserem Leben? [...] Die meisten Menschen, auch Christen, setzen doch heute voraus, dass Gott sich für unsere Sünden und Tugenden letztlich nicht interessiert. Er weiß ja, dass wir alle nur Fleisch sind. Und sofern man überhaupt an ein Jenseits und ein Gericht Gottes glaubt, setzen wir doch praktisch fast alle voraus, dass Gott großzügig sein muss und schließlich mit seiner Barmherzigkeit schon über unsere kleinen Fehler hinwegschauen wird. Die Frage bedrängt uns nicht mehr. Aber sind sie eigentlich so klein, unsere Fehler? Wird nicht die Welt verwüstet durch die Korruption der Großen, aber auch der Kleinen, die nur an ihren eigenen Vorteil denken? Wird sie nicht verwüstet durch die Macht der Drogen [...]? Wird sie nicht bedroht durch die wachsende Bereitschaft zur Gewalt, die sich nicht selten religiös verkleidet? Könnten Hunger und Armut Teile der Welt so verwüsten, wenn in uns die Liebe zu Gott und von ihm her die Liebe zum Nächsten, zu seinen Geschöpfen, den Menschen, lebendiger wäre? Und so könnte man fortfahren. Nein, das Böse ist keine Kleinigkeit. Es könnte nicht so mächtig sein, wenn wir Gott wirklich in die Mitte unseres Lebens stellen würden. Die Frage: Wie steht Gott zu mir, wie stehe ich vor Gott – diese brennende Frage Luthers muss wieder neu und gewiss in neuer Form auch unsere Frage werden, nicht akademisch sondern real.“

Ich glaube, das ist die so unglaublich aktuelle Einladung des heutigen Evangeliums an uns: Mensch, lass doch wieder zu, dass die Frage nach dem gnädigen Gott in deinem Leben brennend wird! Begreife, dass du ohne Gottes Barmherzigkeit nicht leben kannst! Erkenne, dass dein Leben, so wie du es lebst, nicht einfach so in Ordnung ist, sondern einer Erneuerung von Gott her bedarf! Bekenne es – ganz konkret – vor Gott und erfahre sein Erbarmen!

An diesem Freitag erst hat auch Papst Franziskus über die Beichte gesprochen. Er nahm Bezug auf den Römerbrief des Apostels Paulus und sagte:

„Nicht immer haben wir den Mut, wie Paulus über [unsere Sünden] zu reden. Wir versuchen uns immer irgendwie zu rechtfertigen: Naja, wir sind ja alle Sünder, nicht wahr? Paulus dagegen fasst es ganz dramatisch: [...] Wenn wir die Sünde verschleiern, dann können wir nie die Vergebung Gottes erlangen. Wenn die Sünde nur ein Wort ist, eine Redensart, dann brauchen wir keine Vergebung Gottes, aber wenn sie eine Realität ist, die uns zu Sklaven macht, dann brauchen wir sehr wohl diese innerliche Befreiung durch den Herrn... Um den Ausweg zu finden – und das ist wichtig –, bekennt Paulus seine Sünde, seine Neigung zur Sünde [...]. Er vertuscht sie nicht. Das demütige Sündenbekenntnis ist das, was die Kirche von uns allen verlangt. Bei der Beichte geht es darum, Gott die Ehre zu geben und anzuerkennen, dass er es ist, der mich rettet. Um es konkret zu machen, geht ein Christ auch heute zu seinem Bruder, seinem Bruder Priester nämlich.“

Der Heilige Vater fährt dann fort: „Einige sagen: Ach, ich beichte bei Gott [ich brauche dazu den Priester nicht]. Aber das ist zu einfach, das ist wie eine Beichte per E-Mail, nicht wahr? Gott ist weit weg, ich zähle einfach meine Sachen auf... Das ist nicht von Angesicht zu Angesicht – unter vier Augen. Paulus aber bekennt den Brüdern seine Schwächen von Angesicht zu Angesicht. In der Tat: Konkret, ehrlich und von echter Scham über die eigenen Sünden gezeichnet – so sollte eine Beichte aussehen. Es gibt keine Umwege oder Schleichwege, um auf irgendeine andere Weise die Vergebung Gottes zu erlangen.“(Morgenpredigt am 25. Oktober 2013)

„Gott, sei mir Sünder gnädig!“ (Lk 18,13) Diese Bitte des Zöllners im heutigen Evangelium kann und soll auch zu unserer Bitte werden. Denn nur so können wir den gnädigen Gott finden, der uns das Leben schenkt. Mögen wir den erforderlichen Mut an den Tag legen, um sein Erbarmen in einer guten Beichte ganz konkret zu erfahren.

 

 

29. Sonntag im Jahreskreis - Sonntag der Weltkirche

Als Gedanke für die Woche können Sie den sehr lesenswerten Hirtenbrief der österreichischen Bischöfe zum Weltmissionssonntag 2013 hier nachlesen.

Der Blick auf die Weltkirche heilt unseren Blick auf die Probleme der Kirche in unserem Land. Die Erfahrung der Christen in Myanmar ist sehr inspirierend auch gerade für uns. Eine gesegnete Woche!

 

 

 

28. Sonntag im Jahreskreis C

Mehr als nur Gesundheit: das Heil; der dankbare Glaube

In Zeitungen und Magazinen können wir viele Artikel über Gesundheit finden und auch von Krankheiten und teuren Therapien wird oft berichtet. Gesunder Lebensstill, gesunde Ernährung und Bewegung stehen heute hoch im Kurs, sodass Experten mittlerweile sogar von einem ‚Gesundheitskult’ unserer Zeit reden.

Es stimmt schon, dass der heutige Mensch bei diesem Thema manchmal übertreibt, aber der Wunsch nach Gesundheit hat schon immer zum Menschen gehört. Wer wollte denn nicht gesund sein? Das heutige Wort Gottes lädt uns allerdings ein, einen tieferen Blick auf dieses Thema zu gewinnen.

Im Evangelium kommen Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem zehn Aussätzige entgegen, die ihn laut um seine Hilfe bitten. Er heilt sie tatsächlich und erfährt dafür die Dankbarkeit eines Fremden, eines Samariters. Er kehrt als einziger der Zehn zurück, um Jesus zu danken und Gott zu loben. Zu ihm sagt der Herr: „Steh auf und geh. Dein Glaube hat dir geholfen.“ (Lk 17,19) Denn von ihm heißt es, dass er, nachdem er gemerkt hatte, dass er rein wurde, umkehrte und zu Jesus zurückging. Die anderen Neun, von denen es auch heißt, dass sie rein wurden, sind nicht zurückgekehrt und haben diesen Zuspruch aus Jesus’ Mund nicht hören können.

Das Evangelium lässt uns daran denken, dass es so etwas, wie zwei Stufen der Heilung gibt. Die eine, oberflächlichere, betrifft nur den Leib und wurde allen zehn Aussätzigen zuteil: Auf dem Weg zu den Priestern sind sie körperlich rein geworden, von der Krankheit befreit.

Die zweite und tiefere Stufe der Heilung berührt das Innerste des Menschen,das, was in der Bibel mit dem Begriff „Herz“ genannt wird. Es ist dies die Mitte des Menschen, der Ort seiner Identität und Tiefe. Diese Mitte, wenn sie heil ist, strahlt auf das ganze Dasein aus. Diese Stufe der Heilung ist offensichtlich nur dem einen, dem Fremden zuteil worden. Er ist nicht nur an Leib, sondern auch im Herzen, in seinem ganzen Dasein geheilt worden. Ihm wurde nicht nur Gesundheit zurückgegeben, sondern das, was wir „Heil“ nennen, wurde ihm geschenkt. Er wurde in der Mitte, in der Tiefe seines Menschseins von Jesus berührt und konnte so nicht nur gesund, sondern gerettet werden. Deswegen sagt der Herr zu ihm:„Dein Glaube hat dich gerettet.“ (Lk 17,19)

„Die vollständige und radikale Heilung ist das „Heil“. Indem selbst die Umgangssprache zwischen „Gesundheit“ und „Heil“ unterscheidet, hilft sie uns zu verstehen, dass das Heil bedeutend mehr ist als die Gesundheit: Es ist nämlich ein neues, volles, endgültiges Leben.“ (Benedikt XVI.)

Nun, was hat dem Samariter, im Unterschied zu seinen neun körperlich geheilten Kollegen, den Zugang zu dieser tiefen ganzheitlichen Heilung geöffnet? Es war der Glaube, der sich in Dankbarkeit äußert. Wir können nicht vermuten, dass die übrigen Neun überhaupt keinen Glauben gehabt hätten. Alle gehen doch mit der Bitte auf Jesus zu: „Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!“ (Lk 17,13) Alle gehen sie, allein auf sein Wort hin, zu den Priestern. Alle haben in ihm also etwas Besonderes gesehen und ihm Vertrauen geschenkt. Der Unterschied fällt erst am Ende auf, als der Samariter als einziger umkehrt und zurückkommt, um zu danken. Er hatte also einen dankbaren Glauben und dieser Glaube öffnete sein Herz für die heilbringende Gegenwart Jesu.

In der Tat: „Es ist der Glaube, der den Menschen rettet, indem er ihn in seiner tiefen Beziehung zu Gott, zu sich selbst und zu den anderen wiederherstellt; und der Glaube kommt in der Dankbarkeit zum Ausdruck. Wer es wie der geheilte Samariter versteht zu danken, beweist, dass er nicht alles so ansieht, als hätte er einen Anspruch darauf, sondern als ein Geschenk, das auch, wenn es von den Menschen oder der Natur kommt, letztlich von Gott stammt. Der Glaube bringt also die Offenheit des Menschen für die Gnade Gottes mit sich; die Erkenntnis, dass alles Geschenk, dass alles Gnade ist.“ (Benedikt XVI.) Deswegen ist der wahre Glaube immer dankbar. Und dieser Glaube öffnet den Zugang zu der tiefen Heilung, die mehr ist als Gesundheit.

 

 

Auch wir sind Kinder unserer Zeit. Auch bei uns steht der Wunsch nach Gesundheit ganz oben auf unserer Wunschliste. Das ist gut so und auch menschlich völlig nachvollziehbar.

Jesus hat auch nichts dagegen gesagt. Er lädt uns aber ein, nicht nur bei diesem Wunsch zu bleiben, sondern uns dem Glauben an seine Person zu öffnen. Er will, dass wir einen dankbaren Glauben haben, denn nur dieser Glaube macht uns das Heil, das mehr als nur Gesundheit ist, zugänglich. Jesus lädt uns ein, unser Herz, die Tiefe unseres Daseins, seinem Licht zu öffnen und zu erfahren, dass alles in unserem Leben Gnade ist.

Im Evangelium sehen wir dann auch, wie der dankbare Glaube vonstatten geht. Er beginnt mit dem Bekenntnis eigener Erlösungsbedürftigkeit, mit lautem Ruf um die Barmherzigkeit: „Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!“ (LK 17,13) Weiter ist dieser Glaube gehorsam dem Wort Jesu gegenüber: Die Aussätzigen machen sich, nachdem Jesus es ihnen aufgetragen hat, sofort auf den Weg. Und schließlich gipfelt dieser Glaube im hörbaren Lob auf Gottes große Taten:„Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme.“ (Lk 17,15)

Dieser Weg des dankbaren Glaubens erinnert uns an das Gebet der biblischen Psalmen. Er kann auch zu unserem Glaubens- und Gebetsweg werden. „Hab Mitleid mit mir!“ – dies ist ein vertrauensvoller Standardsatz der Klage in vielen Psalmen (vgl. z.B. Ps 41,5) So ein Satz ist immer ein guter Anfang unseres gläubigen Gebetes – das Bekenntnis der eigenen Erlösungsbedürftigkeit: Gott, erbarme dich meiner! Ich bedarf deines Erbarmens!

Dieses Bekenntnis macht unser Herz bereit, dem Wort aus Gottes Mund gehorsam zu folgen und so das konkrete Vertrauen, das wir auf Gott setzen, unter Beweis zu stellen. Im Psalm 119 sagt der Psalmist: „Deinen Gesetzen will ich immer folgen. Lass mich doch niemals im Stich!“ (Ps 119,8)

Und schließlich gipfelt der Weg des dankbaren Glaubens im Lob Gottes. Die persönliche Klage mündet in den Psalmen oft in einen Lobpreis, der den lebendigen Gott als Adressaten hat: „Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ (Ps 41,14)

Auf diese Weise können wir mit den Psalmen beten. Auf diese Weise können wir die gleiche Erfahrung machen, wie der geheilte Samariter aus dem heutigen Evangelium: es gibt mehr als Gesundheit. Sie ist wichtig, wichtiger aber ist das Heil, das Jesus schenkt, die Heilung in der tiefen Mitte des Seins, die Berührung von Gottes heilender Kraft. Dorthin will uns der dankbare Glaube führen.

 

 

27. Sonntag im Jahreskreis C

Glauben heißt immer zuerst demütig sein

Es gehört zur Erfahrung eines jeden glaubenden Menschen: Man betet und bittet, man fleht Gott an... und es geschieht nichts. Für manche ist es sogar der Grund, um das Gebet oder gar den Glauben aufzugeben. Denn, es geschah doch nichts...

Diese Erfahrung haben glaubende Menschen immer schon gemacht, so der Prophet Habakuk in der heutigen ersten Lesung: „Wie lange, Herr, soll ich noch rufen, und du hörst nicht? Ich schreie zu dir: Hilfe, Gewalt! Aber du hilfst nicht.“(Hab 1,2-3;2,2-4) Ja, die heutige Liturgie schärft unseren Blick auf das Problem des Glaubens und seiner Wirksamkeit in unserer Wirklichkeit.

Was ist nun die Botschaft dieses Sonntags? Was können wir heute für unsere Fragestellung lernen? Die erste Lektion finden wir im zweiten Teil des Evangeliums (Lk 17,5-10). Darin spricht der Herr von der Demut eines Gläubigen Menschen. Und mit der Demut fängt der Glaube erst an, sie ist die Voraussetzung dazu, um wirklich glauben zu können. Mit einem anderen Wort: Man kann nicht gläubig sein, ohne zugleich oder sogar schon davor demütig zu sein. Deswegen will Jesus, dass wir demütig werden – damit wir glauben können. Er führt das Beispiel eines Sklaven an, der auf dem Feld gearbeitet hat. Als er nach Hause zurückkehrt, fordert sein Herr von ihm ganz selbstverständlich, noch weiterzuarbeiten. Entsprechend der Denkart der Zeit Jesu hatte der Herr das volle Recht, dies zu tun. Der Sklave war seinem Herrn gegenüber nämlich zur vollständigen Verfügbarkeit verpflichtet. Dieser hielt sich wiederum ihm gegenüber nicht zu irgendeinem Dank verpflichtet nur, weil jener die an ihn ergangenen Befehle ausgeführt hatte.

Papst em. Benedikt XVI. schreibt dazu: „Jesus macht uns bewusst, dass wir uns vor Gott in einer ähnlichen Situation befinden: Wir sind Knechte Gottes; er steht nicht in unserer Schuld, sondern wir sind immer Schuldner, da wir ihm alles verdanken, da alles sein Geschenk ist. Seinen Willen anzunehmen und ihn zu tun ist die Haltung, die es jeden Tag einzunehmen gilt, in jedem Augenblick unseres Lebens. Wir dürfen nie vor Gott treten als jemand, der glaubt, einen Dienst geleistet zu haben und sich eine große Belohnung zu verdienen. Das ist eine Illusion [...]. Wir müssen uns dagegen dessen bewusst sein, dass wir in Wirklichkeit nie genug für Gott tun. Wir müssen sagen, wie Jesus es uns nahelegt: ‚Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan’.“

Aber Vorsicht! Denn diese Haltung ist nichts, was uns der Lebensfreude oder dem gesunden Selbstvertrauen entfremden würde, sondern das ist eine Haltung der Wahrheit, eine Haltung der Demut, die uns unseren wahren Platz zuweist und die es dem Herrn ermöglicht, sehr großherzig mit uns zu sein. Wir dürfen nicht vergessen, dass in einem anderen Abschnitt aus dem Evangelium uns verheißen wird, dass der Herr selbst „sich gürten, [uns] am Tisch Platz nehmen lassen und [uns] der Reihe nach bedienen [wird]“ (vgl. Lk 12,37). Das ist also dieVerheißung des Herrn an die Demütigen, wie sie auch von Benedikt XVI. zusammengefasst wird: „Wenn wir jeden Tag den Willen Gottes demütig tun, ohne etwas von ihm zu beanspruchen, so wird es Jesus selbst sein, der uns bedient, hilft, ermutigt, Kraft und Ruhe schenkt.“

 

 

Erst wenn wir diese Botschaft Jesu über die Demut verstanden haben, sind wir in der Lage über den Glauben und seine Wirksamkeit in unserer Wirklichkeit nachzudenken. Die Apostel bitten den Herrn: „Stärke unseren Glauben!“ (Lk 17,5) Es ist Bitte eines demütigen Menschen, der weiß, dass ihm der Glaube nur geschenkt werden kann, dass er nie sein Herr oder Urheber sein kann. Und wie ist nun die Antwort Jesu? Gewiss, paradox...

Der Herr geht nicht direkt auf die Frage ein, er antwortet sie nicht unmittelbar. Vielmehr zeichnet er vor ihren Augen ein paradoxes Bild, um darin die unglaubliche Lebendigkeit des Glaubens zu zeigen. „Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem Maulbeerbaum hier sagen: Heb dich samt deinen Wurzeln aus dem Boden, und verpflanz dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.“ (Lk 17,6) Das ist also nach Jesu Worten die ganz reale Wirksamkeit eines wahren, wenn auch nur kleinen Glaubens.

Wiederum Papst Benedikt: „Wie ein Hebel viel mehr bewegt als sein eigenes Gewicht, so ist der Glaube, auch ein ganz kleiner Glaube, in der Lage, unvorstellbare, außerordentliche Dinge zu vollbringen, wie etwa einen großen Baum zu entwurzeln und ihn ins Meer zu verpflanzen. Der Glaube – Christus zu vertrauen, ihn anzunehmen, es zulassen, dass er uns verwandelt, ihm bis ins Letzte zu folgen – ermöglicht menschlich unmögliche Dinge, in allen Bereichen der Realität.“

Schön wäre es, können wir uns nun denken, wenn der Glaube wirklich so wirken würde... Aber genau das ist unser Problem, wie wir es am Anfang definiert haben. So einfach funktioniert es leider nicht. Wie ist es also?

Da müssen wir zu Jesu Botschaft von der Demut zurückkehren, zur Botschaft vom unnützen Sklaven, der alles aus den Händen seines Herrn als Geschenk empfängt und sich selbst keine Verdienste zuschreibt, und zu unserem Propheten Habakuk aus der ersten Lesung. Der Herr antwortet auf die Beschwerde des Propheten, er höre sein Schrei gegen die Ungerechtigkeit nicht, mit folgenden Worten: „Denn erst zu der bestimmten Zeit trifft ein, was du siehst; aber es drängt zum Ende und ist keine Täuschung; wenn es sich verzögert, so warte darauf; denn es kommt, es kommt und bleibt nicht aus.“ (Hab 2,3)

Über die Zeit der Erfüllung und über die Art der Erhörung entscheidet also allein der Herr. Dies steht niemand anderem zu, auch uns nicht mit unseren noch so großen und wichtigen Anliegen. Denn glauben heißt wesentlich Gott Vertrauen zu schenken, ihm unser Leben und unsere Wirklichkeit, unsere Sorgen und Beschwerden, ja auch unsere Sehnsüchte und Erwartungen zu überlassen, zu wissen, dass sein Wille für uns das Beste ist. Auch dies ist Demut, ohne die wir nie gläubig sein könnten, Demut, ohne die wir nie richtig beten könnten.

Heißt es also doch, dass das gläubige Gebet nicht wirkt, dass wir Pech haben mit unseren Anliegen? Fallen sie also doch unter den Tisch? Ich glaube nicht. Es gilt aber, dass wir im Glauben, der weiter zu sehen vermag als es unsere menschlichen Augen und unsere menschliche Vernunft vermögen, wissen, dass Gott allein über die Art und die Zeit der Erhörung entscheidet, dass er nicht zögert in seinen Antworten, sondern lediglich eine andere Zeitrechnung hat als wir und unsere menschliche, so verständliche Ungeduld. Gläubig zu sein heißt immer in diesem Sinne auch demütig zu sein, und so vertrauensvoll zu beten, wie es das heutige Tagesgebet uns vorbetet:

Gott,
du gibst uns in deiner Güte mehr,
als wir verdienen,
und Größeres, als wir erbitten.
Nimm weg, was unser Gewissen belastet,
und schenke uns jenen Frieden,
den nur deine Barmherzigkeit geben kann.