November 2013

Christkönig; 10-jähriges Priesterjubiläum

Würde, Macht, Kirche und Priester

Am Abend des Silvestertages schließt die Kirche das zu Ende gehende Jahr mit einer Antiphon ab, die lautet: „Du krönst das Jahr mit deinem Segen.“ Damit bringen wir zum Ausdruck, dass erst der Segen Gottes, seine Macht, unsere Zeit zur Erfüllung bringt. Ohne Gottes Macht bleibt die Zeit nur eine leere, um sich selbst kreisende Größe. Heute, am Endpunkt des Kirchenjahres angekommen, feiert die Kirche den krönenden Abschluss der liturgischen Zeit mit dem Hochfest Christkönig. Dieses Fest richtet unsere Gedanken auf Christus, der Anfang und Ende aller Zeiten ist, auf seine Macht, die unsere Zeit zu einer erfüllten Zeit macht.<

 

Wir haben eben drei hochinteressante Lesungen gehört, die eine Art Triptychon bilden, ein dreiteiliges Fresko, das uns hilft, diesen Jahresabschluss für unser Leben fruchtbar werden zu lassen. Aus der Fülle dieses Wortes können wir heute drei Botschaften besonders zu uns sprechen lassen. Diese Betrachtungen werden von mir ziemlich persönlich gehalten, da ich heute mit Euch, meinen Pfarrangehörigen, Gott danken darf für die zehn Priesterjahre, die er mir schenkte.

Als erstem begegnen wir heute dem Thema der WÜRDE. In der ersten Lesung (2Sam 5,1-3) wird David zum König von Israel gesalbt. Salbung war schon im Alten Testament ein Zeichen besonderer Würde, die einem Menschen die Berufung von Gott verleiht. Nun soll David der Gesalbte Gottes werden, um als König – im Sinne der Bibel also als Hirte – dem außerwählten Volk zu dienen. Das heißt, dass der König die Würde nicht für seine eigene Person erhält, sondern für das Volk Gottes – ihm soll er König und sorgsamer Hirte sein.

Ähnlich wird der Priester bei seiner Weihe gesalbt – aber nicht für sich selbst, sondern für das heilige Volk Gottes. Das zeigen auch die Worte, welche der Bischof während der Weihe bei der Salbung de Hände spricht: „Unser Herr Jesus Christus, den der Vater mit dem Heiligen Geist und mit Kraft gesalbt hat, behüte dich. Er stärke dich in deinem Dienst, das Volk Gottes zu heiligen und Gott das Opfer darzubringen.“ Die Würde der Salbung ist also die Würde des dienenden Hirten.

Im Mittelpunkt der heutigen Liturgie steht Christus, der König. Mit König-sein verbinden wir MACHT. Ein König, der keine Macht hätte, wäre kein wirklicher König. Nun sehen wir, dass die heutigen Lesungen ganz anders von Christus, dem König sprechen. Schon die Kirchenväter haben – im Sinne der Hl. Schrift – in der Gestalt des Gekreuzigten den wahren König Christus erkannt. Im Evangelium (Lk 23,35-43) erzählt der Evangelist Lukas die Szene der Kreuzigung als eine Szene der Inthronisation. In der Mitte: Christus der Gekreuzigte, an seiner Seite zwei Schwerverbrecher, über seinem Kopf die Tafel mit dem höhnisch gemeinten Titel „König der Juden“. Früher hat sich Christus immer dagegen gewährt, König genannt zu werden. Jetzt ist er damit einverstanden und erklärt Pilatus, dass sein Königtum nicht von dieser Welt sei. Jetzt spricht er machtvoll wie ein König vom seinem Throne aus: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 23,43)

Warum? Warum jetzt? Weil jetzt sein Königsein nicht mehr missverstanden werden kann. Erst jetzt ist seine königliche Würde tatsächlich sichtbar: am Kreuz. Das Kreuz ist sein Thron und seine königliche Macht ist so unvergleichbar anders als die Macht der weltlichen Könige. Es ist nicht die Macht, die ihren Erhalt und eigenen Vorteil sucht – trotz der Aufforderung der Menge steigt er nicht vom Kreuz herab und hilft nicht sich selbst. Nein, dieser König ist nicht dazu gekommen, um sich selbst zu helfen, sondern, um „alles mit Gott zu versöhnen“. (vgl. Kol 1,20) Deswegen bleibt er am Kreuz hängen und geht seinen Weg bis zur letzten Konsequenz. Damit wird der König definitiv als der Dienende geoffenbart. Sein königlicher Weg ist der Dienst, seine Macht ist die Erlösung. Nur so konnte er allen Menschen in allen Lebenslagen nahe werden, nur so ist er zu unserem Erlöser geworden.

 

 

Der Priester ist dazu berufen, diesem König zu dienen. Der Gottes-dienst ist der Sinn seines Lebens. Wenn er anderen Königen dienen würde, wenn er seinen eigenen Vorteil suchen würde, wenn er sich selbst helfen wollte, würde er eigene Berufung missachten. Auch sein Weg muss der Dienst sein und seine Macht die Erlösung.

Schließlich begegnen wir heutein der zweiten Lesung (Kol 1,12-20) einem tiefen Blick auf die KIRCHE. Sie ist nicht nur eine Institution und schon gar nicht ein Verein, sie ist auch nicht ein zufällig entstandener Konstrukt, ohne den man auch leben könnte, nach dem heute so modernen Motto: Glaube und Kirche seien zwei ganz unterschiedliche Dinge... Um an Gott zu glauben, brauche man die Kirche nicht... Paulus sieht das ganz anders. Er weiß um eine tiefe, untrennbare Einheit zwischen Christus und seiner Kirche. Im Brief an die Kolosser nennt er die Kirche‚Leib Christi’: „Er ist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene der Toten; so hat er in allem den Vorrang.“ (vgl. Kol 1,18)

Der Herr ist das Haupt, wir alle sind Glieder. Das heißt: Er hat sich entschieden, durch seine Kirche und in ihr gegenwärtig zu bleiben – also nicht an einem beliebigen Ort, sondern in der konkreten Gemeinschaft der Gläubigen wollte er erreichbar sein. Dieser Gemeinschaft hat er sein Heilswerk anvertraut und ihr seinen Heiligen Geist versprochen. Sein Werk hängt also nicht in der Luft, sondern wird von einer ganz konkreten Glaubensgemeinschaft durch die Zeit hin getragen. Christus wollte sich mit der Kirche so tief vereinen, wie nur der Leib mit dem Haupt vereint ist.

Der Priester ist dazu berufen, um durch seinen Dienst die Einheit der Kirche mit ihrem Haupt zu garantieren. In den Sakramenten führt er sie immer wieder zu ihrem Ursprung und lässt die Macht Christi wirksam werden. Durch seine ganze Existenz, die auch durch die besondere zölibatäre Lebensform ganz auf Gott hin ausgerichtet ist, soll der Priester die Kirche zu dem Ort machen, an dem die königliche Macht des Gekreuzigten – die leise Macht der Liebe, die ganz aus dem Vertrauen auf Gott lebt – erfahrbar wird.

Vielleicht kommen Euch meine Ausführungen etwas akademisch vor... Ich weiß, dass Ihr vor diesem Martyrium nicht immer verschont bleibt... allerdings hoffe ich auf Eure Einsicht. Und ich glaube zudem, dass diese Gedanken sehr viel mit dem heutigen Tag zu tun haben.

Vielleicht habt auch Ihr Euch bei meinen Ausführungen gedacht, wie weit sind die Priester davon entfernt sind, was sie sein sollen: Würde nicht für sich, sondern für Euch, Macht als Dienst der Erlösung, Kirche als mystischer Leib Christi, als Einheit und unmittelbare Nähe des Herrn. Und diejenigen, die mich ein wenig näher kennen, haben sich sogar denken können: Wie weit ist unser Pfarrer davon entfernt!

Ja, so ist es, wir Berufene, die wir Christus, dem König dienen sollten, bleiben so oft hinter unserer Berufung, hinter der Würde der empfangenen Salbung zurück! Selbst Papst Franziskus hat auf die Frage, wer er selber sei (Wer ist Jorge Mario Bergoglio?) geantwortet: „Ich bin ein Sünder... das ist die richtigste Definition. Ich bin ein Sünder, den der Herr angeschaut hat.“ Genau das ist die Kirche: Eine Gemeinschaft von Sündern, die der Herr angeschaut hat.

Als ich in diesen Tagen nachgedacht habe, wie sich denn mein Blick auf die Kirche während der zehn Jahre meines Priesterdienstes verändert hat, musste ich feststellen, dass ich jetzt mehr und schärfer als vorher die Schwächen, Makel und Schattenseiten dieser Glaubensgemeinschaft und vor allem die Sünden des Kirchenpersonals sehe. Immer wieder bin ich in diesen Jahren vor der Herausforderung gestanden, die Kirche so wie sie ist neu lieben zu lernen – nicht so, wie ich sie gerne haben wollte, nicht so, wie sie sein sollte und doch nicht ist, sondern ganz konkret so, wie sie ist – mit all den Mängeln und Unzulänglichkeiten ihrer Glieder, ja auch mit meinen eigenen Sünden.

 

 

Es ist einfach zu kritisieren, es ist einfach zu sagen, was alles nicht in Ordnung ist, es ist leicht sich aufzuregen... Aber es fällt unheimlich schwer diese Kirche zu lieben. Genau das aber sollen wir tun: die Kirche lieben. Warum überhaupt? Weil Christus, Ihr König und Hirte sie liebt, weil er sich mit ihr verbunden hat, weil er in ihr lebt und erlebbar ist, weil er sich keine andere sucht. Deshalb kann, ja muss auch ich sie lieben.

Paulus spricht in diesem Zusammenhang von Licht und Finsternis. (vgl. Kol 1,13) Beides ist in der Kirche vorhanden: das göttliche Licht des Erlösers so wie auch die Finsternis der Sünde. Solange es sie gibt, wird es in ihr auch die Schatten geben, aber das göttliche Licht wird in ihr nie auslöschen, weil der Herr sie liebt, weil er in ihr mit seiner Macht der Liebe gegenwärtig ist.

Oft betrachten wir die Kirche aus der Beobachterperspektive und reden über sie, als ob wir sie mit Abstand von außen anschauen würden. Das dumme Wort von der „Amtskirche“ ist ein typisches Beispiel dafür, denn eine Amtskirche gibt es nicht. Es gibt nur die eine Kirche Christi, in der wir verschiedene Berufungen und Aufgaben haben. Aber wir alle stehen nicht außerhalb der Kirche und sind keine Beobachter. In der Taufe haben wir die Würde der Kinder empfangen und wurden in das Geheimnis des Leibes eingetaucht. Wir alle sind Glieder der Kirche und es liegt an uns ob die Kirche das wird, was sie in Wirklichkeit ist – ob das Haupt, Christus, in ihr, seinem Leib seine Macht ausüben kann oder nicht.

Überwinden wir, bitte, die unglückliche Beobachterpose, wenn wir über die Kirche denken oder reden! Wie geht das? Ich glaube an erster Stelle dadurch, dass wir uns gegenseitig im Gebet tragen. Eine persönliche Frage: Betet Ihr für mich, Euren Pfarrer? Betet Ihr für mich regelmäßig? Betet für unseren Bischof, für den Papst, für die Verantwortlichen der Kirche, für die verfolgten Glaubensbrüder und Schwestern? Das Gebet füreinander ist unser konkreter Beitrag zur Einheit der Kirche, unser Dienst. Ich bete jeden Abend bei der Vesper für Euch alle, weil ich das als meine Pflicht als Pfarrer ansehe, für die mir Anvertrauten zu beten, besonders für die Armen, Kranken und Bedürftigen und ausdrücklich für diejenigen, für die niemand betet. Es gibt in Seeham also niemand, für den keiner beten würde – mindestens des schwachen Gebetes Eures Pfarrers könnt Ihr Euch sicher sein. Und ich bitte Euch um Euer Gebet für mich. Ich brauche es! Ohne Euer Gebet werde ich nicht bestehen!

Das heutige Christkönigsfest krönt das Kirchenjahr mit dem Blick auf den Gekreuzigten. Zugleich wird heute das Jahr des Glaubens abgeschlossen, das uns ein Jahr lang die Möglichkeit bot, unseren Glauben zu erneuern. Bitten wir unseren Herrn und König um die Gnade eines tiefen, innerlichen Blickes auf das Geheimnis seiner Kirche, denn nur in ihr können wir ihm wirklich begegnen.


 

 

33. Sonntag im Jahreskreis C

Christus kommt uns in der Geschichte mit ihrer Verunsicherung entgegen

4.460 Tote, 12 Millionen Betroffene, davon 920.000, die ihr Zuhause verlassen mussten. So sieht die aktuelle Bilanz rund eine Woche nach dem Taifun Haiyan auf den Philippinen. Furchtbare Zahlen, die eine Katastrophe unvorstellbarer Größe erahnen lassen – die aber auch eine starke, weltweite Solidaritätswelle hervorgerufen haben. Dieses und andere Ereignisse apokalyptischen Ausmaßes haben auch in unserer Zeit das Potenzial, den Glauben an den Gott der Liebe in Frage zu stellen.

Das heutige Wort Gottes geht sehr realistisch mit diesem glaubensbedrohenden Potenzial der Geschichte um. Im Evangelium (Lk 21,5-19) bringt Christus offen zur Sprache, was auf den Menschen zukommt und schließt mit Worten, die alles andere als billige Durchhalteparole einer unrealistischen Jenseitsvertröstung sein wollen: „Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“ (Lk 21,19)

Die Ereignisse, die sich im Evangelium widerspiegeln, haben in ihrer Zeit ein beträchtliches Verunsicherungspotenzial entfaltet, ja eine große Infragestellung von fundamentalsten Glaubensüberzeugungen mit sich gebracht.

Wenn ein gläubiger Jude im Jahre 70 nach Christus erleben musste, wie der Tempel – der heiligste Ort des Bundes – von römischen Soldaten – also von Heiden – zerstört wird, war er automatisch und gnadenlos mit der Frage konfrontiert, ob der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott des Exodus und des Bundes, definitiv seine Macht verloren hat? Er musste fragen, ob sich die Götter der Heiden nicht nun doch als mächtiger erwiesen haben als der Gott der Schrift? Durch diese ganz konkrete und reale Katastrophe war der Glaube eines jeden gläubigen Juden infrage gestellt und eine ganze Welt brach in sich zusammen. Natürlich war das dann auch eine Konjunkturzeit verschiedener Endzeitpropheten.

Ähnlich haben das auch die ersten Christen erlebt: Eine Verfolgung folgte der anderen. Sie wurden tatsächlich – nach den Worten im heutigen Evangelium – von den Eigenen verraten und festgenommen und um Jesu Namens willen den Gerichten übergeben und ins Gefängnisse geworfen. Sie mussten ihr Christuszeugnis wahrlich mit eigenem Leben bezahlen. Wie sollte man sich in dieser Situation nicht fragen, ob der Glaube an Jesus als Sohn Gottes nicht trügt, ob er nicht eine falsche Lehre ist? Und wiederum sind es seit den Anfängen der Kirche die verschiedenen Endzeitpropheten, die immer wieder auftauchenden falschen Messianismen, die aus der Glaubensverunsicherung profitieren wollen.

Nicht anders erleben wir die Infragestellung des Glaubens auch in unserer Zeitmit ihren vielen Krisen – politischer, finanzieller, gesellschaftlicher aber auch ganz persönlicher Art, mit ihren vielen Kriegen und Naturkatastrophen, die wir alle on-line verfolgen und mit dem zerstörerischen Potenzial des menschlichen Wissens und Könnens: der Mensch kann heute sich selbst und seinen Planeten problemlos – langsam oder schnell – zerstören. Und wiederum kommen viele falsche Propheten, die das Ende der Welt kommen sehen und Angst schüren. Neuerlich habe ich von Prophezeiungen gehört, die sogar Papst Franziskus verleumden. Unglaublich!

Es zeigt sich also: Da unsere Zeit eine Zeit von großer Infragestellung des Glaubens ist, ist sie auch eine Zeit vieler falscher Unglücks- und Endzeitpropheten.

Was ist nun in dieser Situation die Botschaft Jesu? Er spricht erstens ganz offen von all diesen Krisen, Verunsicherungen und Katastrophen. Dann aber macht er uns Mut: „Lasst euch dadurch nicht erschrecken! Denn das muss als erstes geschehen; aber das Ende kommt noch nicht sofort. [...] Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“ (Lk 21,9.19)

 

 

Diesem Wort des Herrn getreu, lebt die Kirche von Anfang an in der betenden Erwartung der Wiederkunft des Herrn. Sie versucht, die Zeichen der Zeit zu verstehen und die Gläubigen vor immer wieder auftauchenden falschen Messianismen zu warnen. (vgl. Benedikt XVI.) Sie nimmt die Phänomene der Verunsicherung wahr, sie nimmt die Infragestellung der Hoffnung sehr ernst, aber durch die ganze Geschichte hindurch verharrt sie im Glauben an Gott, der in seiner Menschwerdung selbst Teil der menschlichen Geschichte geworden ist und das Leid, die Zerrissenheit und die Unsicherheit des Menschen auf sich genommen hat.

Die Kirche weiß, wie es einst Benedikt XVI. ausgedrückt hat, dass „die Geschichte in Wirklichkeit ihren Lauf nehmen muss, was auch menschliche Dramen und Naturkatastrophen mit sich bringt. In ihr [aber] entfaltet sich ein Heilsplan, den Christus mit seiner Menschwerdung, seinem Tod und seiner Auferstehung schon erfüllt hat. Die Kirche fährt fort, dieses Geheimnis zu verkünden und durch die Predigt, die Feier der Sakramente und das Zeugnis der Liebe konkret in die Tat umzusetzen.“

Das ist der wichtigste Punkt auch für uns heute, die wir mitten in einer Zeit der Verunsicherung und falscher Endzeitpropheten leben: Wir dürfen mitten in der Geschichte mit all ihren Schrecken an unserem Glauben festhalten, weil wir wissen, dass die Geschichte – auch und gerade mit ihren Infrage-stellungen und Krisen, mit ihren Katastrophen und Tragödien – immer auch eine Heilsgeschichte ist, eine Geschichte Gottes mit dem Menschen.

Natürlich bleibt auch für uns in der Geschichte, in der Zeit vieles offen und unverständlich, natürlich bleiben auch für uns viele Fragen ohne Antwort, natürlich bleibt auch unser Glaube anfechtbar, aber die Geschichte ist und bleibt auch heute noch eine Heilsgeschichte, weil Gott in ihr gegenwärtig ist, weil er in sie eingetreten ist in Jesus Christus. So ist und bleibt auch unsere ganz persönliche Lebensgeschichte samt ihren Krisen, offenen Fragen, Katastrophen und Tragödien eine Heilsgeschichte, weil auch in ihr Christus gegenwärtig ist, weil er sich in seiner Menschwerdung nicht nur mit dem Menschen als solchem, sondern mit jedem einzelnen Menschen verbunden hat.

„Nun“ – so schreibt Hans Urs von Balthasar – „gibt es für den glaubenden Christen mitten in der Menschheitsgeschichte das Heilsgeschehen Gottes, das die sündige Welt in Christus erlöst. Es gibt in der flüchtigen Zeit eine ‚Fülle der Zeit’ in Jesus, der sub Augusto geboren wird und sub Pontio Pilato et Tiberio stirbt.“ In der Tat: die Zeit, die ganz konkrete Geschichte, mit all ihren Verunsicherungen, ist und bleibt ein besonderer Ort der Gegenwart Gottes.

Tragödien, wie die jüngste auf den Philippinen, werden immer wieder unseren Glauben erschüttern, aber auch gewaltige Solidarität erleben lassen. Lasst uns also glaubend und voller Hoffnung immer auf Christus schauen, der uns in den verschiedenen Ereignissen der Geschichte entgegenkommt. Lasst uns standhaft bleiben, um das Leben zu gewinnen. Christus wird uns nicht vor Verunsicherung und Anstrengung bewahren, uns aber sehr wohl mit seinem Heiligen Geist beistehen und uns die Worte der wahren Weisheit eingeben.


 

 

31. Sonntag im Jahreskreis C

Die Beobachterrolle überwinden und sich für persönliche Begegnung öffnen

Wie weit müssen wir gehen, damit wir uns guten Gewissens Christen nennen dürfen? Manchmal oder gar jeden Sonntag in die Kirche gehen? Jeden Tag beten? Viel an die Caritas spenden? Für jeden Obdachlosen in Salzburg die Geldbörse öffnen? Oft zur Beichte gehen?

Vieles davon gehört natürlich dazu – in unterschiedlicher Intensität. Die heutige Geschichte von der Begegnung Jesu mit dem Zöllner Zachäus (Lk 19,1-10) zeigt uns allerdings, was absolut nicht geht: Als Beobachter auf dem Baum zu bleiben, als Zaungast Jesus bloß zuzuschauen.

Die Geschichte mit dem großen Zöllner, dem klein gewachsenen Zachäus, ist berühmt. Er ist eine wichtige Person in seiner Stadt Jericho – der oberste Zollpächter. Somit gehört er zu den gehassten Kollaborateuren fremder Machthaber. Und wahrscheinlich ist er selbst auch alles andere als ehrlich und genügsam – sonst würde er nicht am Ende sagen müssen: „Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.“ (Lk 19,8) Alles in allem: Wie Zachäus hier geschildert wird, zeigt, dass er ein Sünder war – und dass er sich durch die Begegnung mit Jesus selber als solcher erkannt hat. Heute würde die Presse von einem korrupten Beamten von Jericho sprechen. Jesus sieht in ihm einen kranken, schuldbeladenen Menschen, der seiner Zuwendung und der Befreiung bedarf.

In ihrer ganzen Struktur wird die Geschichte von Lukas als eine klassische Heilungsgeschichte erzählt: Zachäus ist der kranke, der heilungsbedürftige Mensch, Christus ist derjenige, der ihn heilen kann und will. Interessant ist allerdings, dass Jesus hier im ganzen Geschehen nicht sehr aktiv ist: keine Geste, keine Aufforderung zum Handeln, kein Heilungswort, lediglich die Zusammenfassung: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden.“ (Lk 19,9) Jesus unternimmt praktisch nichts – außer Zachäus anzusprechen und sich selbst in sein Haus einzuladen.

Jesus hätte einfach vorbeiziehen können, er hätte Zachäus auf seinem Baum sitzen lassen können – und diesem kleinen, eher unsympathischen und noch dazu korrupten Beamten seine Beobachterrolle belassen können. Aber er hat ihn angesprochen und dadurch seine Zuschauerposition aufgebrochen:„Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.“ (Lk 19,5) Mit diesem einfachen, herausfordernden und so unmissverständlich klaren Satz zieht Jesus Zachäus in das Heilsgeschehen hinein und macht die Heilung für ihn zugänglich.

Genau darin besteht die stärkste Aussage des heutigen Evangeliums für uns. Denn im Normalfall sind wir keine korrupten Beamten und müssen den Menschen auch nicht das Vierfache zurückgeben. (Wenn dies auch für uns nicht generell ausgeschlossen werden kann... Auch wir können zu Schuldigern werden – nicht nur im materiellen Sinne des Wortes.)

Ganz sicher betrifft uns aber die Gefahr, dass wir uns mit bloßer Zuschauerrolle in Bezug auf Gott, im Bezug auf den Glauben zufrieden geben könnten. Wie viele von uns denken: „Bloß nicht zu viel vom Glauben... bloß nicht zu oft in die Kirche gehen... ich muss meinen Abstand wahren... bin ja kein Fanatiker! Beobachten ja, mitmachen nur soweit es mir passt...“

 

 

Die Geschichte des Zachäus zeigt uns aber: Wirkliche Begegnung mit Jesus ist aus sicherer Distanz nicht möglich! Man kann nicht auf dem Baum sitzen bleiben und dabei glauben, Jesus so wie er wirklich ist kennenlernen zu können. Man muss sich vom Baum der Beobachtung, vom Baum des Abstands, vielleicht sogar vom Baum des Prestige hinunter rufen lassen. Es reicht also nicht den Glauben mit Abstand zu betrachten, ihn argumentativ, rational, kritisch zu studieren und Gott zu einem bloßen Beobachtungsgegenstand zu reduzieren. Diese Perspektive wird dem inneren Wesen des Glaubens nicht gerecht. Nein, vielmehr muss man sich persönlich auf das Abenteuer Glauben einlassen, man muss bereit sein, eigene Konzepte und Vorstellungen und vor allem dass, wie „man“ heute über Gott, über den Glauben, über die Kirche denkt und spricht, in Frage zu stellen und eine persönliche Perspektive der Begegnung einzunehmen. Jesus sucht keine Beobachter, sondern Jünger!

Das Evangelium ist nicht eine in fertigen Sätzen formulierte Lehre. Es ist nicht hauptsächlich für Studium bestimmt, sondern für persönliche Gottesbegegnung. Deswegen ist wichtig, dass wir uns heute in die Schule des Zachäus begeben und von ihm lernen, was es heißt, die bloß menschlichen Betrachtungen und Erwartungen zu überwinden und sich auf das Geheimnis des lebendigen Gottes einzulassen. Das ist das Evangelium: eine Einladung und eine Erfahrung; eine Begegnung, die zu eigenem Lebensweg werden will.

Nehmen wir diese Einladung an, wird sie zu unserem Lebensweg. Dann werden wir erfahren können, was Papst Benedikt XVI. einst so ausgedrückt hat: „Wenn der Mensch Gott in sein Leben und in seine Welt aufnimmt, wenn er Christus in seinem Herzen leben lässt, wird er dies nicht bereuen, sondern wird sogar die Freude erfahren, als Empfänger der unendlichen Liebe Gottes an dessen eigenem Leben teilzuhaben.“

Wie weit müssen wir gehen, damit wir uns guten Gewissens Christen nennen dürfen? Eigentlich ist entscheidend, dass wir das Evangelium und das Christusereignis nicht bloß als Beobachter wahrnehmen, sondern uns persönlich darauf einlassen und uns für eine wirkliche Begegnung mit Christus öffnen. Alles andere und auch alles praktische wird sich aus dieser Begegnung ergeben.