Mai 2015

Dreifaltigkeitssonntag

Die Wahrheit des christlichen Glaubens

Wie sollen wir mit dem Geheimnis des heutigen Tages umgehen? Gott ist dreifaltig eins. Er ist ein einziger Gott, aber in drei Personen: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Nie werden wir dieses Geheimnis begreifen können – es bleibt Geheimnis. Wäre da nicht folgerichtig, dass wir der Frage aus dem Weg gehen und zugeben, dass wir dazu rein gar nichts sagen können? Einfach nur ein großes Schweigen.

Einerseits wäre das Schweigen eigentlich das einzig richtige vor dem unfassbaren Geheimnis des lebendigen Gottes. Es soll aber kein Schweigen der Ignoranz sein, sondern ein Schweigen der Anbetung und der Ehrfurcht.

In der Tat: das heutige Fest sagt uns, dass wir bei Gott immer mit einem unbegreiflichen Geheimnis zu tun haben. Dieses Fest erinnert uns daran, dass wir uns Gott nicht zurechtrücken dürfen, nur damit es für uns einfacher, verständlicher, angenehmer wird: Er ist wie Er ist. Wir müssen das große Mysterium Gottes aushalten, wir müssen von neuem das Staunen vor dem Geheimnis des lebendigen Gottes lernen. So werden wir heute daran erinnert, dass Gott nicht einfach ein Objekt unserer Gedankenexperimente sein darf, nach dem Motto: Wir werden uns das mit ihm zum Schluss schon irgendwie ausmachen können... Oder: Über Gott kann eh niemand etwas sagen, alle Religionen sagen etwas – nämlich einen kleinen Teil – aus, aber keine sagt das Eigentliche.

Wenn wir heute den Sonntag der Heiligen Dreifaltigkeit feiern, dann feiern wir, dass Gott in die menschliche Geschichte eingetreten ist und dass er sich in seinem Sohn und durch ihn hat erkennen lassen. Wir feiern, dass Gott sich geoffenbart hat, dass er selber das wesentliche Wort über sich gesprochen hat. Und dieses Wort lautet: Vater, Sohn und Heiliger Geist.

In unserer Zeit ist es auch unter Gläubigen populär geworden, die eigene Religion klein zu denken, ja zu relativieren. Viele Christen behaupten, dass ihre Religion nur eine unter vielen ist und dass alle Religionen das Gleiche aussagen und einen gleichwertigen, nur parallelen Weg zu Gott darstellen. In einer sich pluralistisch gebenden Zeit erscheint es geradezu unanständig und ungeheuerlich, die Wahrheit der eigenen Religion zu behaupten. Die Relativität aller Religionen scheint die einzig richtige und aufgeklärte Variante des modernen Denkens zu sein. Können wir als Christen so denken? Dürfen wir so denken? Dürfen wir den Gott Jesu Christi zu einem unter vielen erklären?

Natürlich dürfen wir das – dies ermöglicht uns unsere Gott gegebene Freiheit.Wenn wir das aber tun, dann verlieren wir den Zugang zu Gott, den Jesus als Christus, als Gottes Sohn uns durch den uns geschenkten Heiligen Geist eröffnet hat. Ja, wenn wir das tun, wenn wir alle Religionen für gleich erklären, dann verlieren wir Gott. Wie Joseph Ratzinger bereits 1968 geschrieben hat:„Wenn Gott nicht in Christus ist, dann rückt er in eine unendliche Ferne, und wenn Gott nicht mehr ein Gott mit uns ist, dann ist er eben ein abwesender Gott und damit eigentlich kein Gott: Ein Gott, der nicht wirken kann, ist nicht Gott.“(Einführung in das Christentum)

Vielmehr aber bekennen wir mit dem heutigen Tag: Gott ist ganz konkret, in einem realen Menschen Jesus in die Geschichte eingetreten. In ihm hat er sich erkennen lassen. In ihm, der nicht einfach ein besonderer Mensch war, sondern Gott-Sohn von Ewigkeit her, erfahren wir, wer der lebendige Gott ist. Oder noch anders: In Christus ereignet sich die Offenbarung des Geheimnisses Gottes. Gott hört nicht auf Geheimnis zu sein, aber er teilt sich mit, er lässt sich erleben und erkennen. Und in dieser Offenbarung erkennen wir ihn als Vater, Sohn und Heiligen Geist, als Beziehung, als Familie, als Liebe.

Karl-Heinz Menke, der Dogmatikprofessor in Bonn schreibt: „Die Kirche sagt mit guten Gründen von Gott, dass er als er selbst so etwas wie eine Beziehung ist – analog der aus dem Familienleben bekannten Beziehung von Vater uns Sohn; und dass er diese Beziehung, die er selber ist, mitteilen kann im Heiligen Geist. Mit anderen Worten: Die Beziehung, die Gott selbst ist – die Beziehung des Vaters zum Sohn, bzw. des Sohnes zum Vater – wird in Jesus Christus ganz und gar offenbar.“

 

 

Deswegen dürfen wir die Wahrheit des christlichen Glaubens nicht einfach relativieren, wir dürfen sie nicht für eine unter vielen gleichwertigen Wahrheiten erklären. Deswegen können wir nicht den leichteren Weg des Relativismus gehen.

Das alles heißt natürlich nicht, dass die anderen Religionen nur ein großer Irrtum wären. Nein, auch in ihnen erkennt die Kirche Elemente der Wahrheit, Elemente des Lichtes Gottes. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet.“ (Nostra Aetate 2) Und weiter lesen wir im gleichen Dokument: „Unablässig aber verkündet sie und muss sie verkündigen Christus, der ist "der Weg, die Wahrheit und das Leben" (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat.“ (Ibidem.)

Gott lässt sich in der Offenbarung als Vater, Sohn und Heiliger Geist erkennen – ein einziger Gott in drei Personen. Lasst uns dieses Geheimnis im festen Glauben bekennen, lasst uns über dieses unfassbare Geheimnis des lebendigen Gottes staunen und vor ihm in stiller Anbetung verweilen.

 

 

Pfingstsonntag

Der Geist – die Bewegung Gottes, nach Außen und nach Innen

"Veni Sancte Spiritus et emitte coelitus lucis tuae radium – Komm, Heiliger Geist und sende vom Himmel her deines Lichtes Strahl." So betet die Kirche in diesen Tagen der Geisteserwartung in einem Hymnus aus dem 12. Jahrhundert. Und wir beten mehr oder weniger mit: „Komm, Heiliger Geist! Erfülle unsere Herzen!“

Aber worum bitten wir, wenn wir in diesen Tagen um den Heiligen Geist bitten? Worum bittet die Kirche, wenn sie beharrlich um das Kommen des Geistes bittet? Wer ist dieser Geist, den Jesus den Seinen versprochen hat und von dem er sagt, dass es sogar besser für sie sei, wenn er definitiv von ihnen geht, denn sonst könne er, der Tröster, nicht kommen? Sein Kommen ist für sie besser, als wenn er, der Herr und Erlöser, physisch da geblieben wäre. Wieso?

Der Heilige Geist, so wie Jesus über ihn spricht und wie er ihn darstellt und auch im heutigen Evangelium verheißt, ist nicht selbstständig oder unabhängig von ihm:es ist sein Geist, der von dem, was seins ist, nehmen und gerade das den Jüngern verkünden wird. (vgl. Joh 16,14-15) Die Sendung des Geistes ist also nicht eine andere Sendung als die des Sohnes. Vielmehr ist die heutige Ausgießung des Geistes eine Fortsetzung der Sendung Jesu. Wie er, der Sohn, nicht unabhängig vom Vater ist und handelt, sondern ganz und gar den Willen des Vaters verwirklichen will, so steht auch der Geist in völliger Einheit des Vaters und des Sohnes.

Und auch die Sendung der Apostel und die Sendung der Kirche ist nicht eine andere, selbstständige oder gar unabhängige von der Sendung des Sohnes und des Geistes. Vielmehr ist es so, dass die Sendung des Geistes und die Sendung der Kirche Teil der einen einzigen Bewegung Gottes – auf den Menschen zu – ist, welche in der Schöpfung ihren Anfang nimmt und in der Menschwerdung Gottes, in Jesus Christus, eine definitive Tiefe und Unmittelbarkeit erhalten hat. Gott lässt sich von seiner Liebe bewegen, er bleibt nicht ein unbewegter Beobachter der Welt, ein Unabhängiger, einer in seiner Hoheit weit über den Menschen Erhabener, sondern er selbst lässt sich von seiner Liebe bewegen, er macht sich auf den Weg zum Menschen hin: in seinem Sohn und in seinem Geist.

Es ist der Geist Gottes, der an keine Grenzen der Zeit oder der Materie gebunden ist, welcher diese Dynamik der Liebe Gottes für die Menschen aller Zeiten erfahrbar macht. Es ist der Geist Gottes, welcher der Kirche an diesem Tag geschenkt wird, der sie – und uns – in die Dynamik der Bewegung Gottes hinein zieht. Im Geist werden wir Teil der Geschichte Gottes. Im Geist treten wir ein in die Bewegung Gottes, in seine Dynamik, in seine bewegte und bewegende Liebe.

Was kann das nun für uns bedeuten? Wohin bewegt uns diese Dynamik? Was geschieht mit uns, wenn wir uns auf den Geist einlassen, wenn wir ehrlich und mit Sehnsucht die Worte aussprechen: Veni Sancte Spiritus! Was passiert mit der Kirche? Und was passiert mit uns, wenn wir uns vom Geist bewegen lassen?

Ich glaube, dass die Bewegung Gottes, in die hinein uns der Geist versetzt, eine doppelte ist: Es ist zuerst eine Bewegung des Aufbruchs, eine Bewegung nach Außen. Der Geist Christi ist der Geist der Mission, welcher die Kirche hinaus in die ganze Welt führt. Er führt die Kirche nach Außen, weg von sich selbst, weg von jeder Selbstbespiegelung, weg von jeder Selbstbezogenheit, weg von jeder Selbstbeschäftigung, hin in die Weite der Gottes Welt.

 

 

Der Heilige Vater wird nicht müde, immer und immer wieder der Kirche diese missionarische Dynamik einzuschärfen, welche sie aus sich heraus führt: „Die Kirche ist aufgerufen, aus sich selbst herauszugehen und an die Ränder zu gehen. Nicht nur an die geografischen Ränder, sondern an die Grenzen der menschlichen Existenz: die des Mysteriums der Sünde, die des Schmerzes, die der Ungerechtigkeit, die der Ignoranz, die der fehlenden religiösen Praxis, die des Denkens, die jeglichen Elends. Wenn die Kirche nicht aus sich selbst herausgeht, um das Evangelium zu verkünden, kreist sie um sich selbst. Dann wird sie krank wie die gekrümmte Frau im Evangelium. Die Übel, die sich im Laufe der Zeit in den kirchlichen Institutionen entwickeln, haben ihre Wurzel in dieser Selbstbezogenheit. Es ist ein Geist des theologischen Narzissmus. Es gibt zwei Kirchenbilder: die verkündende Kirche, die aus sich selbst hinausgeht, die das ‚Wort Gottes ehrfürchtig vernimmt und getreu verkündet’; und die weltliche Kirche, die in sich, von sich und für sich lebt.“ – so der Heilige Vater. Der Geist Gottes führt die Kirche also aus sich selbst heraus, nach Außen, in die Dynamik der Suchenden Liebe Gottes: diese Liebe muss sie sichtbar und erfahrbar machen, diese Liebe muss sie bis zu den letzten Grenzen der Welt tragen.

Und dann gibt es noch die zweite Richtung der Bewegung des Geistes in der Kirche und in uns – die, welche nach Innen, zu den ungetrübten Quellen führt.Denn der Geist Gottes ist der Geist des Herzens. Diese beiden Richtungen schließen sich nicht aus, sondern ergänzen einander.

In der fünften Strophe des erwähnten Hymnus’ kommt ein starker Satz: „O lux beatissima, reple cordis intima tuorum fidelium – O seligstes Licht, erfülle das Herzensinnere deiner Gläubigen...“ Reple cordis intima... – das Tiefste, das Intimste des Herzens soll vom Heiligen Geist erfüllt werden. Er ist der Atem Gottes in uns, er ist das Leben Gottes in der Mitte unserer Existenz. Er will in unserem Herzen – also in der intimsten Tiefe unseres Seins – wohnen, dort zu Hause sein. Was das bedeutet, können wir bei der Mutter Gottes sehen.

Über Maria lesen wir im Evangelium, dass sie alle Worte Gottes in ihrem Herzen bewahrte. (vgl. Lk 2,19). Das meint die „Intimität des Herzens – intima cordis“ – etwas bei sich bewahren können, wie einen Schatz, wie ein Geheimnis. Ein Priesterfreund sagt: „Der Geist Gottes führt uns in alles ein, er eröffnet uns das geheime Tor zu Gott. Nur der vom Geist Erfüllte wird Gott erkennen können.“ Nur, wenn der Geist uns in seiner Dynamik in die Tiefe des Herzens geführt hat, nur wenn wir ihm in diesem Tiefsten, Intimsten unseres Lebens das Wohnrecht zugestehen, kann er uns in die volle Wahrheit Gottes einführen, kann er die Dynamik der Bewegung Gottes in unserem Leben erfahrbar machen.

Das hier über die doppelte Bewegung des Geistes Gesagte, geht uns alle an. Nicht nur die Kirche – also die Bischöfe, Priester, Ordensleute... – sondern wir alle in ihr, sind aufgerufen, uns vom Geist Gottes bewegen zu lassen – weg von unserer Selbstbeschäftigung, weg von unserer Selbstzufriedenheit, weg von unserer Selbstbezogenheit. Denn, in der Tat: Wie oft ist unser religiöses Leben nur ein Kreisen um sich selbst? Wie oft sind unsere persönliche Vorstellungen und Erwartungen der höchste Maßstab unseres Glaubens? Wie oft bleiben wir nur bei unseren Problemen, bei unseren Erfahrungen, bei unseren Wünschen stehen?

Der Geist Gottes will uns von dieser krankmachenden Selbstbezogenheit befreien, in dem er uns in die Dynamik Gottes mit hinein nimmt, in dem er uns zum Zeugnis auffordert, in dem er uns zum Zeugnis befähigt. Denken wir daran, wenn wir uns wieder einmal werden schwer tun, zu unserem Glauben zu stehen und Jesus zu bekennen. Denken wir daran, wenn unser Bekenntnis vielleicht nur lächerliche Blicke nach sich zieht: Komm, Heiliger Geist und führe du mich aus meiner Angst heraus und mache du mich fähig zum Zeugnis.

 

 

Der Heilige Geist will uns dann auch in die Tiefe führen, in unserem Herzen Wohnung aufschlagen. Er macht uns die tiefsten, unversiegbaren Quellen zugänglich, die Gott in unser Herz eingepflanzt hat und die wir so oft zuschütten oder gar zubetonieren. Der Geist Gottes setzt diese Quellen frei. Wenn wir wieder einmal das Gefühl haben, dass unser Glaube ausgetrocknet, lebenslos und geschmacklos geworden ist, beten wir zum Geist: Komm, Heiliger Geist und führe mich in die Tiefe, damit ich deine Kraft und deine Liebe in mir erfahren kann.

So wollen wir heute aus ganzem Herzen mit der Kirche beten: 

Veni, Sancte Spiritus, et emitte coelitus
lucis tuae radium...

Komm, heiliger Geist, und sende vom Himmel her, deines Lichtes Strahl.
Komm, Vater der Armen, komm, Geber der Gaben, komm, Licht der Herzen.
Bester Tröster, süßer Gast der Seele, süße Erfrischung.
In der Mühe bist du Ruhe, in der Hitze Mäßigung,
im Weinen Trost.
O seligstes Licht, erfülle das Herzensinnere
deiner Gläubigen.
Ohne deinen Wink ist nichts im Menschen,
ist nichts unschuldig.
Wasche, was schmutzig ist, bewässere, was trocken ist, heile, was verwundet ist.
Beuge, was starr ist, wärme, was kalt ist,
lenke, was vom Weg abirrt.
Gib deinen Gläubigen, die auf dich vertrauen,
die siebenfache heilige Gabe.
Gib der Tugend Verdienst, gib des Heiles Erfolg,
gib beständige Freude.

 

 

7. Ostersonntag

Die Welt durchschauen, Christus bekennen und nachfolgen

Ein bekannter slowakischer Priester (P. Milan Bubak), der zurzeit in Italien wirkt, erzählt, wie er einem Mitarbeiter im Slowakischen Kolleg, einem Italiener, folgende Frage gestellt hat: „Warst du gestern, am Sonntag, in der Kirche?“ Seine Antwort war für ihn, so schreibt er, verblüffend: „Padre, sono cattolico, pero non fanatico! – Padre, ich bin katholisch, aber nicht fanatisch!“ Und der Ordenspriester sagt: Sicher, er ist katholisch – und ist sogar stolz darauf, aber am Sonntag in die Kirche zu gehen, wäre für ihn Fanatismus... Wie würde er dann auf einen Franz von Assisi schauen, der, aus einer wohlhabenden Familie stammend, alles verlassen hat, um dem armen Christus zu folgen? Was würde er über andere große Heilige denken, die um des Himmelreiches willen alles verlassen haben?

Und man kann die Frage noch etwas zugespitzter formulieren und sie auch auf uns ausdehnen: Wie kommt man zu einem so starken Glauben, den wir bei den Heiligen vorfinden? Wie ist das möglich, dass für einen Menschen die Nachfolge Christi so wichtig wird, dass er alles verlässt, ja sogar sein Leben aufs Spiel setzt oder gar verliert und für einen Anderen ein schlichter regelmäßiger Kirchenbesuch schon Fanatismus wäre? Ich glaube, dass es Ihnen auch hie und da passiert, dass jemand Sie – ob des Kirchenbesuches – mitleidig anschaut mit der unausgesprochenen Frage, ob das nicht schon zu viel des guten sei..?

Die Geschichte des heiligen Stephanus in der ersten Lesung (Apg 7,55-60) kann uns helfen, etwas von der Dynamik des Glaubens zu entdecken. Stephanus ist der erste Märtyrer der Kirche, wie wir wissen. Der Tod ist für ihn nicht überraschend gekommen, sondern er hat mit dieser Möglichkeit sogar gerechnet. Er sah, dass die Mächtigen mit ihm nicht scherzen, sondern es mit seiner Verurteilung ernst meinen. Und die Apostelgeschichte beschreibt, wie er dazu gelangt war, den Glauben für so wertvoll und wichtig zu betrachten, dass er dafür sein Leben dahingegeben hatte: „Stephanus, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. [...] So steinigten sie Stephanus; er aber betete und rief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! Dann sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er.“ (Apg 7,55-56.59-60)

Wie der genannte slowakische Priester schreibt, können wir in diesem kurzen Text drei wichtige Schritte entdecken auf dem Weg zum starken Zeugnis des Stephanus: Durchschauen der Welt, Bekenntnis zu Christus, Nachfolge Christi.

Der erste Schritt also ist das Durchschauen der Welt: „Stephanus, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes.“ (V. 55) In diesen Worten sehen wir die Umlenkung seines Blickes: von der Welt, vom Sichtbaren her, zu Christus und dem ihn erwartenden Himmel hin. Je mehr und je länger Stephanus an Christus glaubt, desto besser sieht und versteht er: das Leben, die Werte, die Zukunft. Er blickt zum Himmel empor, weil er weiß, dass dort, bei Gott, die wirkliche Erfüllung des Lebens ist.

In der Tat: Glauben heißt sehen. Je mehr und tiefer wir uns auf den Glauben an Christus einlassen, desto schärfer sehen wir. Ein vom Glauben erfüllter Mensch sieht mehr – er hört auf naiv zu sein, er lässt sich von der Endlichkeit der Welt nicht vertrösten, sondern er durchschaut die Welt und weiß ihre Verlockungen und Angebote richtig einzuschätzen. Er flieht nicht vor ihr, aber weiß mit ihr richtig umzugehen. Der glaubende und so sehende Mensch hört auf für das, was nicht Brot ist, zu bezahlen – wie es der Prophet Jesaja sagt (Jes 55,2), weil er richtig zu unterscheiden weiß.

 

 

Er weiß, dass die Welt zwar sehr viel verspricht, aber nur sehr wenig gibt. Christus dagegen, wie es einst Benedikt XVI. ausdrückte, nimmt uns nichts von dem, was unser Leben wirklich menschlich und wertvoll macht und gibt uns alles: „Wer Christus einlässt, dem geht nichts, nichts – gar nichts verloren von dem, was das Leben frei, schön und groß macht. Nein, erst in dieser Freundschaft öffnen sich die Türen des Lebens. Erst in dieser Freundschaft gehen überhaupt die großen Möglichkeiten des Menschseins auf. Erst in dieser Freundschaft erfahren wir, was schön und was befreiend ist. Er nimmt nichts, und er gibt alles.“ (vgl. Amtseinführungspredigt)

Der zweite Schritt des Glaubensweges des hl. Stephanus war das Bekenntnis zu Christus: „Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“ (V. 56) Das Ergebnis des ersten Schrittes – das Durchschauen der Welt – ist weder Nihilismus noch Zynismus, sondern Vereinigung mit dem, der allein unser leeres und unzufriedenes Herz zu füllen vermag: mit Christus. In diesem Moment entscheidet sich Stephanus für die Nachfolge Christi und erfährt die Einheit, von der Christus im heutigen Evangelium spricht: Die Einheit des Vater und des Sohnes, in die hinein auch wir, die Jünger, eingeladen sind. Die Einheit, die unser Herz erfüllt, die Einheit, die unser Herz frei und fröhlich macht, ist Geschenk des dreieinigen Gottes, ist Teilnahme an seiner eigenen Einheit.

Die Nachfolge Christi ist schließlich der dritte Schritt Stephans auf dem Weg zu Christus. Er stirbt mit den Worten: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ Es sind dies die Worte des Herrn selbst, die er am Kreuz gesprochen hat. Sie sind Ausdruck einer vollkommenen Nachfolge: Stephanus will auch im Moment des Sterbens mit Christus vereint sein und seinen Widersachern mit gleicher Liebe begegnen, mit der Jesus seinen Kreuzigern begegnet ist. Das ist die wahre Nachfolge Christi: so zu denken, so zu reden und so zu handeln wie Christus gehandelt, geredet und gedacht hat. Das hat die vielen Heiligen heilig gemacht, das macht sie auch zu Vorbildern für uns.

Wenn wir das so hören, denken wir vielleicht sehr schnell und eigentlich völlig verständlich: Es sei nichts für uns. Denn wir sind nicht in der Lage so wie Stephanus Christus vollkommen nachzufolgen, wir sind nicht in der Lage so wie der hl. Franziskus auf alles zu verzichten und nur der Liebe Gottes zu vertrauen. Und es ist auch verständlich, dass wir es so empfinden, denn die genannten Heiligen sind von Gott auf diesen besonderen Weg hin berufen worden. Es handelt sich um eine besondere, einzigartige Berufung, die höchstwahrscheinlich nicht die unsere ist.

Aber es gilt auch, dass auch wir auf den Weg der Nachfolge, auf den Weg der Christusähnlichkeit berufen sind. Auch für uns gelten die drei Schritte des hl. Stephanus: Die Welt durchschauen und richtig deuten können, sie und ihre Angebote nicht zu verabsolutieren, sondern sie mit zum Himmel, unserem wahren Ziel, erhobenen Augen zu betrachten, Christus bekennen, der allein unsere leeren Herzen erfüllen kann und der unser Herr ist und ihm dort wo wir sind auf unsere spezifische Weise nachfolgen: als Mütter oder Väter, als Söhne oder Töchter, als Lehrer oder Bauer, als Handwerker oder Intellektuelle, als Eheleute oder Priester... Überall dort, wo uns die Vorsehung Gottes im Leben hingestellt hat, können wir die Welt durchschauen, den Glauben an Christus bekennen und ihm nachfolgen.

 

 

6. Ostersonntag

Die alte Offenbarung und die neuen Fragen – der alte und immer neue Geist

Vor nicht so langer Zeit gab es in Deutschland eine kontroverse Diskussion über die sog. Präimplantationsdiagnostik. Es geht um eine Art Auswahlverfahren, bei dem die bei künstlicher Befruchtung erzeugten Embryonen vor ihrer Übertragung in den Mutterschoß auf mögliche Defekte, Geschlecht oder bestimmte Merkmale hin genetisch untersucht werden. Die meisten von ihnen fallen dabei durch und werden als von der Qualität her nicht genügend vernichtet. Es ist eine moralisch nicht verantwortbare Praxis, bei der die Würde des neu entstandenen, völlig wehrlosen Menschen dem Lebens- oder Todesurteil eines anderen Menschen unterworfen wird.

Bei solchen Diskussionen erleben wir dann, dass nach der Meinung der Kirche gefragt wird: Darf man so etwas? Wenn ja, mit welcher Begründung? Und wenn nicht, warum nicht? So steht die Kirche immer wieder vor neuen Herausforderungen, vor neuen Fragen, die nach neuen Antworten verlangen. Wie findet die Kirche zu diesen Antworten? Die Lesungen des heutigen Sonntages haben uns dazu sehr viel zu sagen. (Apg 15,1-2.22-29; Joh 14,23-29)

Das Problem ist äußerst spannend und schwierig. Warum? Als Christen glauben wir, dass Gott zu uns gesprochen hat, dass er in Jesus von Nazareth Mensch geworden ist und dass dieses einzigartige Ereignis Maßstab für alle unsere Antworten sein muss. Die Kirche fühlt sich also der Botschaft der geschichtlichen Offenbarung Gottes in Jesus Christus verpflichtet. Sie kann keine Antworten suchen und geben, die nicht in Übereinstimmung mit der Offenbarung stehen würden. Wenn Gott in Christus gekommen ist, wenn Gott in Christus gesprochen hat, dann bleibt dieses Ereignis und dieses Wort Maßstab für unser Denken und Handeln – und das in allen Bereichen. Deswegen hören wir im heutigen Evangelium folgende Worte: „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.“ (Joh 14,23) Wir müssen an seinem Wort festhalten. Ohne das Festhalten an seinem Wort haben wir nicht die Gemeinschaft mit ihm.

Auf der anderen Seite stehen die vielen modernen Herausforderungen, von denen in der Bibel nichts zu lesen ist und die dann doch nach einer Antwort, nach einer rechten Haltung verlangen. In der Bibel finden wir nichts über die Präimplantationsdiagnostik, über Gentests, über Klonen, über richtige ökonomische Gestalt der Gesellschaft, über Arbeitslosigkeit, über viele ernsthafte Fragen unserer Zeit. Viele der Fragen unserer Zeit existierten in der damaligen Zeit gar nicht. Wie sollen wir in der Kirche mit ihnen umgehen?

Sollen wir vielleicht streng demokratisch die Mehrheit des Gottesvolkes darüber entscheiden lassen? Diese Weise würde unserem modernen Empfinden am besten entsprechen... Sie wäre dennoch falsch. Einerseits irrt der Zeitgeist allzu oft, sodass nachfolgende Generationen die Haltungen und Gedanken ihrer Väter häufig als falsch verurteilen. Und vor allem würden wir dann ganz schön demokratisch das Wort Gottes, den Maßstab der Offenbarung verlieren – denn bei uns gibt es die Tendenz so zu entscheiden, wie es uns passt und nicht wie es der Wahrheit entspricht. Auf diese demokratische Weise würden wir dann auch die Einheit der Kirche und den Frieden verlieren, von dem Christus im Evangelium sagt, dass er anders ist als der Friede, den die Welt geben kann. (vgl. Joh 14,27)

Wie sollen wir mit dieser Spannung umgehen? Vielleicht streng biblisch nach der Leseart: Relevant ist nur, was in der Bibel stehe, alles andere sei nicht möglich? Damit würden wir die Offenbarung aber erst richtig steril und uninteressant machen und sie der Relevanz für uns und unsere Zeit berauben. In der Bibel steht in der Tat nichts über Gentests und über Präimplantationsdiagnostik, ja nicht einmal etwas über den elektrischen Strom. Mit einer rein auf dem Wortlaut der Bibel basierenden Haltung wären also Gottes Wort, die Offenbarung und vor allem Gott selbst zu einem lächerlichen, alten, überholten Geschichtsschreiber, der mit unserer Lebensrealität rein gar nichts zu tun hat – und somit kein Gott ist.

 

 

Wir müssen also einen komplexeren Zugang finden als den wortwörtlich-biblischen oder den rein zeitgeistig-demokratischen. Genau diesen Zugang zeigen uns die heutigen Lesungen. In der Apostelgeschichte haben wir vom ersten Konzil der Kirche, dem Apostelkonzil von Jerusalem gehört, das sich mit der neu entstandenen Frage, ob Heiden zuerst Juden werden müssen, um Christen sein zu dürfen, auseinandersetzen musste. Zu dieser Frage hat Christus direkt nichts gesagt. Es war eine neue Fragestellung und es gab gute Argumente für die eine, wie auch die andere Haltung. Die Entscheidung wird mit folgenden Worten bekannt gegeben: „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen...“ (Apg 15,28) Die Apostel wissen sich bei dieser Herausforderung, beim Suchen nach der Antwort vom Beistand des Heiligen Geistes begleitet. Der Heilige Geist also ist der eigentliche „Beweger“ der Kirche.

Von ihm sagt Christus im heutigen Evangelium, dass er, der Paraklet, der Beistand, die Kirche alles lehren wird und sie an alles erinnern wird, was der Herr gesagt hat. (vgl. Joh 14,26) Die Gegenwart des Geistes in der Kirche garantiert also die Treue zur Offenbarung (er erinnert an das uns Gesagte) und er lehrt uns das Neue, er hilft uns im Licht der Offenbarung Antworten auf die neuen Herausforderungen zu finden. Er garantiert also das Dynamische, das Neue und das Stabile, das Bewährte. Nur im Heiligen Geist ist es möglich, dass wir neue Antworten finden und doch nicht Gottes Wort und sein Licht und seinen Frieden verlieren.

So zeigt uns der heutige Sonntag, wie wichtig die Gegenwart des Geistes für die Kirche, ja wie wichtig seine Gegenwart für uns alle ist. Glauben wir an ihn? Glauben wir, dass der Geist Gottes seit unserer Taufe und, in besonderem, seit unserer Firmung in uns wohnt? Glauben wir, dass er die Kirche führt, dass er sie vor dem Irrtum bewahrt? Gestehen wir ihm, dass er sie auch anderswo hin leiten kann, als es der Zeitgeist von ihr verlangen würde? Haben wir Vertrauen auf sein Wirken? Bitten wir ihn bei den Herausforderungen unseres Lebens um seinen Beistand? Bitten wir ihn um sein Licht?

Der Heilige Vater hat am vorigen Sonntag 44 jungen Menschen aus aller Welt das Sakrament der Firmung gespendet. Dabei hat er folgende Worte gesagt, die auch für uns von Bedeutung sind: „Haben wir Vertrauen in das Handeln Gottes! Mit ihm können wir große Dinge tun. [...] Liebe Freunde, reißen wir die Tür unseres Lebens auf für die Neuheit Gottes, die der Heilige Geist uns schenkt, damit sie uns verwandelt, uns in den Drangsalen stärkt und unsere Verbindung mit dem Herrn, unser unerschütterliches Ausharren in ihm festige: Das wird eine wahre Freude sein!“ (Franziskus, Predigt bei der hl. Messe mit Firmung, 28. April 2013)

Ja, reißen wir die Tür unseres Lebens auf für den Heiligen Geist, damit er uns alles Neue lehren kann, damit er uns an alles erinnern kann, was Christus zu uns sagt. So – und nur so – finden wir die Antworten auf die vielen, auch ganz neuen Fragen und Herausforderungen unserer Zeit.