März 2013

Ostersonntag

Der auferstandene Christus – unsere Hoffnung

Surrexit Christus, spes mea! – Auferstanden ist Christus, meine Hoffnung!(Ostersequenz)
Die Liturgie der Kirche hat heute, am Tag der Auferstehung, den Mut, diesen starken Satz in der uralten Ostersequenz Maria Magdalena in den Mund zu legen, auch wenn man ihn so in keinem der Evangelien finden kann. Wir spüren, dass es die jubelnde Stimme der Kirche selbst ist, welche ihre eigene Erfahrung in diese Worte fasst und so uns alle einlädt, an diesem freudigen Morgen unsere Herzen für die Erfahrung der Auferstehung zu öffnen.

Surrexit Christus, spes mea! – Auferstanden ist Christus, meine Hoffnung! Es ist ein sehr persönlicher Freudenruf, den auch wir vor dem Evangelium heute gesungen haben! Und es ist ein bewegendes Bekenntnis, das uns mitten in unserem Leben mit all seinen Fragen und Erfahrungen, mit all seinen Unsicherheiten und mit all seinem Ringen und Zweifeln erreicht: Surrexit Christus, spes mea!

Maria Magdalena war es, die an diesem Morgen des ersten Tages zu den anderen Jüngern eilte „und während ihr das Herz im Halse schlug, ihnen verkündete: ‚Ich habe den Herrn gesehen!’“ (Joh 20,18) In dem alten Osterhymnus nennt sie Christus „meine Hoffnung“. Warum?

Maria Magdalena hat Jesus als einen besonderen, einzigartigen Menschen kennengelernt. Die Begegnung mit ihm hat ihr Leben grundlegend verändert, weil sie ihn als den erlebt hat, der ihr Leben tiefgreifend vom Bösen befreit hat – nicht oberflächlich, nicht für eine bestimmte Zeit, sondern ganz und gar. Sie hat mit Jesus die Erfahrung gemacht, dass er sie wirklich frei macht, dass er ihr in dieser Befreiung die menschliche Würde zurückgibt. Papst Benedikt XVI. sagt: „Das ist es, warum Maria Magdalena Jesus „meine Hoffnung“ nennt: weil er es war, der sie zu neuem Leben erweckte, ihr eine neue Zukunft schenkte, ein gutes Leben, frei vom Bösen. „Christus, meine Hoffnung“ bedeutet, dass all meine Sehnsucht nach dem Guten in ihm eine reale Möglichkeit findet: Mit ihm kann ich hoffen, dass mein Leben gut sei, dass es erfüllt und ewig sei, denn Gott selbst ist uns so nahegekommen, dass er sich in unser Menschsein hineinbegeben hat.“

Doch auch Maria Magdalena musste mit anderen, die Jesus ganz nahe waren, mit ansehen müssen, wie dieser „von den führenden Männern des Volkes abgelehnt wurde, gefangengenommen, gegeißelt, zum Tode verurteilt und gekreuzigt wurde. Es muss unerträglich gewesen sein zu sehen, wie die Güte in Person der menschlichen Schlechtigkeit unterworfen wurde, die Wahrheit von der Lüge verhöhnt und die Barmherzigkeit von der Rache geschmäht wurde. Mit dem Tod Jesu schien die Hoffnung aller, die auf ihn vertrauten, zu scheitern. Doch gänzlich verlöschte jener Glaube nie: Vor allem im Herzen der Jungfrau Maria, der Mutter Jesu, brannte das Flämmchen auch im Dunkel der Nacht lebendig weiter.“(Benedikt XVI.)

Und so durfte Maria, die Mutter Jesu, und mit ihr auch Maria von Magdala und Petrus und andere Jünger erleben, dass der Herr doch nicht im Grab geblieben ist, dass der Vater sich zu ihm bekannte und ihn ins neue Leben hinein erweckte. Der Getötete lebt wieder und er lebt neu, er ist da und er ist lebendig! Die Hoffnung, „meine Hoffnung“, ist also nicht für immer tot. Sie wurde getötet, aber sie lebt wieder und sie lebt neu... sie kann nicht für immer getötet bleiben, sie ist auferstanden, weil es den Gott des Lebens wirklich gibt und deswegen das Leben stärker ist als der Tod.

Wir wissen, wie wichtig die Hoffnung in unserem Leben ist. Ohne sie können wir nicht leben, ohne sie gehen wir zugrunde! „Die Hoffnung muss in dieser Welt unweigerlich mit der Härte des Bösen rechnen. Nicht nur die Mauer des Todes steht ihr im Weg, mehr noch behindern sie die spitzen Stiche von Neid, Hochmut, Lüge und Gewalt. Jesus hat dieses tödliche Flechtwerk durchquert, um uns den Weg in das Reich des Lebens zu bahnen. Einen Moment gab es, in dem er besiegt zu sein schien: Finsternis war über die Welt hereingebrochen, Gott hatte sich völlig in Schweigen gehüllt, Hoffnung schien nur noch ein leeres Wort zu sein.“ (Benedikt XVI.)

 

 

Dann aber war plötzlich das Grab leer... Christus ist auferstanden und mit ihm ist die Hoffnung, die es in dieser Welt oft so schwer hat, lebendig geworden! In seiner Auferstehung ist nun definitiv sichtbar geworden, dass die Hoffnung kein leeres Wort, keine Fatamorgana, sondern Realität ist, etwas, was hält und was trägt – über die Grenze des Todes hinweg. In der Auferstehung flammt der Glaube wieder auf, lebendiger und stärker denn je, jetzt unbezwingbar, denn er gründet sich auf eine ausschlaggebende Erfahrung: "Mors et vita duello... Tod und Leben rangen / in wundersamem Zweikampf. / Der Fürst des Lebens starb, / als Lebender herrscht er jetzt.“ – so besingt es die Ostersequenz.

Diese Erfahrung der Kirche aller Jahrhunderte kann heute auch unsere Erfahrung werden. Denn die Hoffnung in unserem Leben ist fragil, es gibt so viele Gefahren, die sie vernichten möchten. Oft und oft wird unsere christliche Hoffnung als lächerlich, als dümmlich, als naiv, als überholt gebrandmarkt. Wenn es nur von den sinkenden Mitgliedszahlen der Kirche in Mitteleuropa die Rede ist, wenn man zynisch nur von den Skandalen und Fehlern ihrer Repräsentanten berichtet, wenn eine wahrhaft nicht sehr intelligente Initiative in Österreich die Kirche aus der Mitte der Gesellschaft verjagen will und wenn wir uns dazu noch der Brüchigkeit unserer eigenen persönlichen Hoffnung und unseres eigenen Glaubens bewusst werden, dann schaut es wirklich so zu sein, dass die Hoffnung in unserer Zeit keine Chance hat.

Heute aber dürfen wir mit Maria Magdalena rufen, und uns ihre Erfahrung zu eigen machen, dass das Grab, und nicht die Hoffnung, leer ist, dass der Herr lebt, dass er auferstanden ist! Ja, wir dürfen singen und rufen und jubeln: „Surrexit Christus, spes mea! – Auferstanden ist Christus, meine Hoffnung!“

Papst Benedikt sagt: „Wenn Jesus auferstanden ist, dann – und nur dann – ist etwas wirklich Neues geschehen, das die Lage des Menschen und der Welt verändert. Dann ist er – Jesus – jemand, dem wir uneingeschränkt vertrauen können, nicht nur seiner Botschaft, sondern ihm selbst, denn der Auferstandene gehört nicht der Vergangenheit an, sondern er ist gegenwärtig, heute, und lebt.“

Wenn der Herr auferstanden ist – und das ist das Bekenntnis, das Zeugnis und die Erfahrung der Kirche – dann ist er in unserem „Heute“ gegenwärtig und dann ist er lebendig. Wenn er auferstanden ist, dann ist er „als Kraft der Hoffnung [...] durch seine Kirche gegenwärtig, ist er jeder menschlichen Situation von Leid und Ungerechtigkeit nahe“. (Benedikt XVI.) Der Auferstandene stirbt nicht wieder, der Tod hat keine Macht mehr über ihn, und so ist er – und nur er – der feste Bezugspunkt unseres Lebens und unseres Hoffens, so ist er die Kraft unserer Existenz.

Der Auferstandene lebt in seiner Kirche fort, die tatsächlich immer wieder mit der Erfahrung der schrecklichen Verfolgungen, aber vor allem mit der Erfahrung der eigenen Sündhaftigkeit und der Schwäche ihrer Glieder konfrontiert ist. Er aber hält sie – die so oft Totgesagte und vor allem Totgeglaubte – am Leben, er weckt sie immer wieder auf, er erneuert sie, weil er mit ihr eins ist, weil sie sein Leib ist, weil er in ihr gegenwärtig ist. Und so brauchen wir uns um unsere Hoffnung – um meine und deine ganz persönliche Hoffnung – keine Sorgen machen, wenn wir in Gemeinschaft der Kirche glauben, hoffen und lieben. Denn in ihr gilt es immer: Surrexit Christus, spes mea!

Papst Franziskus hat vor einer Woche am Palmsonntag wunderbare Worte über die Hoffnung und über die Freude gesagt, die auch an diesem Morgen der Auferstehung sehr stark zu uns sprechen:

 

 

„Seid niemals traurige Menschen: ein Christ darf das niemals sein! Lasst euch niemals von Mutlosigkeit überwältigen! Unsere Freude entspringt nicht aus dem Besitzen vieler Dinge, sondern daraus, einer Person begegnet zu sein: Jesus, der in unserer Mitte ist. [...] Wir wissen, dass er uns begleitet und uns auf seine Schultern lädt: darin liegt unsere Freude, die Hoffnung, die wir in diese unsere Welt tragen müssen. Und bitte, lasst euch die Hoffnung nicht nehmen! Lasst nicht zu, dass die Hoffnung geraubt wird! Jene, die Jesus uns schenkt.“

Wirklich: Surrexit Christus, spes mea!


 

 

6. Fastenpredigt - Palmsonntag

Kann man im Wald nicht besser beten wie in der Kirche?

In den Fastenpredigten dieses Jahres haben wir uns um ein vertieftes Liturgieverständnis bemüht. Denn die Erneuerung des Glaubens hat wesentlich mit der Erneuerung der Liturgie und unserer Beziehung zu ihr zu tun. Wir haben uns mit den verschiedenen Themen und Fragen rund um die Liturgie beschäftigt, z.B. mit der Frage: Warum es denn in der Kirche immer das Gleiche sei? oder Wie kann uns Liturgie helfen, besser zu beten? Heute, zum Schluss, würde ich mir gerne eine für unsere Zeit typische Ausrede, warum man in die Kirche nicht gehen braucht, anschauen. Ich höre sehr oft, dass jemand sagt, er kann in der Natur, irgendwo auf einem Berg viel besser beten wie in der Kirche. Also er geht nicht in die Kirche, sondern betet dort draußen.

Die Frage ist ernst und wichtig: Kann es nicht sein, dass man anderswo – z.B. in der Natur – besser beten kann wie in der Kirche? Die Antwort ist einfach: Natürlich kann es sein, warum sollten wir den Menschen, die es sagen, nicht glauben?

Heißt es dann aber nicht, dass man dann lieber dorthin gehen sollte, wo man sich leichter tut mit dem Beten? Das ist natürlich eine kompliziertere Angelegenheit. Und wir können die Fragestellung noch etwas zuspitzen: Muss man überhaupt in die Kirche gehen, wenn man anderswo viel besser beten kann? Sie erwarten von mir sicher keine andere Antwort als: Natürlich soll man in die Kirche gehen, auch wenn es einem auf einem Berg vielleicht leichter fällt zu beten. Was ist dann aber das Besonderes des Gebetes in der Kirche? Was ist das Besondere der Liturgie, das wir auf dem Berg nicht haben können?

Zum einen müssen wir ehrlich sein: Auch wenn es stimmen mag, dass jemand besser unter freiem Himmel beten kann – wir können es nachvollziehen und er soll es, bitte, weiterhin tun –, so geht man doch nicht wegen des Gebetes auf den Berg. Das ist eher eine schöne Nebenerscheinung. Wird aber Gebet als „Nebenprodukt“ Gott gerecht, von dem wir alles empfangen und ohne den es uns gar nicht geben würde? Natürlich nicht.

Weiter gilt: wir können unseren Glauben nicht allein und einsam leben. Wir glauben auch persönlich immer nur in dem großen „Wir“ der Kirche, welche die Botschaft Gottes durch die Jahrhunderte hindurch trägt. Der Glaube kommt nicht vom Nachdenken oder vom Wandern, „der Glaube kommt vom Hören“– sagt Paulus (Röm 10,17). Damit wir wirklich glauben können, damit der Glaube wirklich eine tragende Kraft in unserem Leben sein kann, darf er nie rein subjektiv sein (nach dem Motto: Ich glaube das und du das... ich picke mir da etwas raus und dann da etwas...), sondern muss immer objektiv in dem großen „Wir“ der Kirche aller Jahrhunderte geschehen. Der wahre Glaube atmet die Erfahrung der Jahrhunderte und der vielen Zeugen des Glaubens. In der Liturgie glauben und feiern wir eben nicht allein, sondern in dieser konstituierenden Gemeinschaft der Kirche. In der Liturgie entsteht die Kirche und in ihr wird sie als Kirche erst sichtbar.

Und schließlich können wir noch einmal fragen: Was ist aber das Besondere der Liturgie, dass sie trotz dem, dass ich in der Natur besser beten kann, ihre Gültigkeit für mich nicht verliert? Was kann ein wichtigeres Kriterium sein als eben das des leichteren, besseren Betens?

Schauen Sie, der größte Unterschied ist, dass auf dem Berg ich derjenige bin, der Gott sucht... ich mache mich auf den Weg. In der Liturgie ist es aber umgekehrt: da macht sich Gott auf den Weg zu mir, er sucht mich, er spricht mich an...

Die Liturgie, wie wir in diesen Wochen gesehen haben, ist nicht unsere Feier für Gott, sie wird nicht von uns „gemacht“ oder „produziert“, sondern sie wird uns vielmehr von Gott geschenkt. Wenn du also fragst – und das sollst du wagen zu fragen –, wo man Gott nicht nur suchen, sondern auch sicher finden kann, dann sollst du wissen, dass er sich in der Liturgie, vor allem in der heiligen Eucharistie, nicht nur suchen, sondern auch finden lässt. Nur hier haben wir die Sicherheit, dass er zu uns spricht, nur hier wissen wir, dass er tatsächlich da ist, dass unser Suchen nicht leer ausgeht.

 

 

Natürlich gilt auch, dass man sich mit der Liturgie manchmal schwer tut. Klar,man muss in sie hineinwachsen. Wer sich aber auf diesen abenteuerlichen Weg einlässt, der erfährt eine große Bereicherung in seinem Leben. Und darum geht es in der Liturgie.

Als einen ersten Schritt dazu können wir vielleicht aufhören mit den verschiedensten Ausreden, warum wir nicht in die Kirche gehen brauchen oder können... und ehrlich zu unserer Faulheit oder Oberflächlichkeit, oder um was auch immer sich bei uns handelt, stehen. Wenn wir uns dann noch ein wenig bewegen lassen, werden wir den wunderbaren Schatz der Liturgie für uns entdecken können.

In den kommenden Tagen der Karwoche werden wir viele Möglichkeiten haben, unsere eigenen Erfahrungen mit der Liturgie zu vertiefen. Mögen uns die Augen aufgehen für das wundervolle Geschenk der Liturgie und möge unser Leben so immer reicher, stärker, tiefer und schöner werden.


 

 

5. Fastenpredigt

Liturgie als Schule des Gebetes; Warum immer das Gleiche?

Bei den heurigen Fatenpredigten geht es darum, dass wir auf die vielen Schätze in der Liturgie aufmerksam werden und diese für sich selber entdecken.  Warum ist es so etwas überhaupt wichtig? Erstens, weil es schlichtweg dumm von uns wäre, etwas Wertvolles leichtfertig zu ignorieren und zweitens, weil die Liturgie eine wirkliche Quelle für unser geistliches Leben, für unser Beten, für unsere Gottesbeziehung sein kann und sein will. In der Tat: Die Liturgie bietet uns viele Texte, viele Symbole, viele Bilder und viele Gesten, die uns helfen zu beten, mit Gott ins Gespräch zu kommen. Sie ist eine wahre Schule des Gebetes: In der Liturgie können wir lernen, wie man richtig betet, wie man richtig mit Gott spricht.

So begegnen wir in der Liturgie vieler uralter Gebete. Manche liturgischen Texte stammen aus dem 5. Jahrhundert (manche sind sogar noch älter) und werden durch die Jahrhunderte hindurch immer gebetet. Heutzutage würde man vielleicht meinen, dass so alte Texte für den modernen Menschen nicht mehr interessant sein können... Sie stammen doch aus einer Zeit, in der es noch kein Internet und kein Facebook, ja nicht einmal Fernsehen und Zeitung und sogar keine Bücher gegeben hat... Das ist der erste Blick, eher typisch für unsere Zeit – etwas oberflächlich, aber sehr dynamisch: wir brauchen ständig etwas Neues... egal ob besser oder nicht... Hauptsache neu.

Und dann gibt es einen zweiten Blick, der viel aufmerksamer ist und in die Tiefe schaut: Wenn etwas so lange, von Generation zu Generation, praktisch ohne Veränderungen – von den Übersetzungen abgesehen – zum Gebet verwendet wird,wenn etwas so lange lebendig geblieben ist, dann heißt es doch, dass wir hier mit einer besonderen Qualität, ja mit besonderen und besonders guten Texten zu tun haben, dass diese Texte wirklich wertvolle Schule des Gebetes sind – gestern, heute und auch morgen. Es ist ein großes Geschenk, dass die Liturgie diese Schätze bewahrt hat und dass sie durch ihre Lebendigkeit bis heute auch für uns zugänglich sind. Diese zum Teil uralten Texte sind ein großer Schatz gerade für uns, moderne Menschen des Internets und der sozialen Netzwerke.

Was können wir aus diesen alten Gebetstexten, lernen? Man könnte so viel sagen... aber es wäre jetzt zu viel. Ich will heute nur die typische Struktur der alten Gebete betrachten. Denn sie sind nicht einfach zufällig zusammengestellt worden, sondern haben eine Struktur, die auch für unser Gebet wichtig ist.

Jedes Gebet beginnt mit einer Andere: wir sprechen den an, dem wir uns nun zuwenden. Das wird als Invocatio bezeichnet: „Herr, unser Gott...“

Wie beginnt unser typisches Gebet? Die meisten Menschen unserer Zeit geben zu, dass sie vor allem beten, wenn sie etwas von Gott brauchen. Und so fangen wir normalerweise mit folgenden Worten an: Lieber Gott, bitte gib... Wir sprechen Gott an und sagen sofort, was Sache ist: Gott, gib... das oder das bräuchte ich...

Ganz anders nähern sich Gott die alten Gebete. Nach der Anrede – Invokation –„Barmherziger Gott“ oder „Gütiger Gott“ u.ä., kommt nicht gleich die Bitte, sondern wird die Invokation noch vertieft, gebreitet: Apositio. Dabei wird an die großen Taten Gottes erinnert, die er in der Heilsgeschichte vollzogen hat. So z.B. haben wir heute gebetet: „Herr, unser Gott, dein Sohn hat sich aus Liebe zur Welt dem Tod überliefert [ausgeliefert]“. Es wird also daran erinnert, dass Gott so sehr die Welt liebt, dass er für sie sein eigenes Leben schenkt.

Warum tut das unser Gebet? Muss vielleicht Gott daran erinnert werden? Nein, er weiß es sehr gut, aber wir müssen daran erinnert werden. Denn wenn wir uns der unbedingten Liebe Gottes bewusst sind, wenn wir wissen, dass auch wir zu dieser so stark von Gott geliebten Welt gehören, dann können wir ganz anders bitten, dann sehen wir unsere Gebetsanliegen und unsere Bedürfnisse in einem anderen Licht.

 

 

Erst nach dieser Vergewisserung kommt als der dritte Schritt des Gebetes, die Bitte – Petitio: „Lass uns in seiner Liebe bleiben“ – sagt das heutige Tagesgebet. Wenn wir wissen, wie sehr wir geliebt sind und wie stark wir der Liebe bedürfen, dann brauchen wir eigentlich nichts dringender als in dieser Liebe, die ein Geschenk an uns ist, zu bleiben. Bei diesem dritten Schritt des Gebetes haben alle unsere Anliegen und Sorgen ihren richtigen Platz.

Und das Gebet macht dann auch noch einen vierten Schritt, wenn es einen Motiv, einen Grund für diese Bitte nennt – Motivatio: ...damit wir mit deiner Gnade aus der Liebe leben“. Wir bitten um etwas – wohl wissend dass Gott schon lange vor unserer Bitte für uns gesorgt hat – und wir machen uns auch bewusst, wieso wir das eine oder andere erbitten, warum es uns zum Segen werden soll. Dabei können wir manchmal auch unsere Bitten revidieren, verändern und ausbessern, wenn wir entdecken, dass uns nicht alles zum Wohle dient.

Das sind die vier typischen Gebetsschritte, welche wir aus den alten liturgischen Gebeten lernen können: Nachdem wir Gott ansprechen und noch bevor wir unsere Bitten formulieren, wollen wir uns an seine großen Taten erinnern, die er bereits vollbracht hat und uns so in den Raum der Verheißung und der Heilsgeschichte stellen. Und nachdem wir unsere Bitte aussprechen, wollen wir uns noch einmal fragen, warum Gott uns das eine oder andere gewähren soll, wie es uns zum Segen werden kann. Dabei können wir in der Tat gelegentlich feststellen, dass etwas, wonach wir verlangen in Wirklichkeit nicht das Richtige für uns ist und immer hinzufügen: „...aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe“.

Dieser Schule des Gebetes bedürfen wir alle dringend! Und das heißt, dass wir alle und unbedingt der Liturgie bedürfen! Manchmal gewinnen wir den Eindruck, dass es doch fad sei in der Kirche, eben immer wieder das Gleiche... Manche sagen mir: Warum könne das nicht jede Woche ganz anders, spannender sein? Dann wäre es interessanter.

Dazu sage ich nur: Die Liturgie ist keine Theateraufführung, so dass sie immer etwas Neues bieten müsste. Sie ist die Feier des Geheimnisses Gottes, die Feier seiner Nähe, das Zugänglichmachen seiner Liebe. Deswegen lebt sie nicht von dem ständig Neuen, sondern vom Gewachsenen und Tiefen, von dem, was nicht auf unsere momentanen Einfälle zurückgeht, sondern was uns durch die Geschichte hindurch geschenkt wurde.

Und dann entdecken wir bei einem genaueren Blick, dass es gar nicht stimmt, dass die Liturgie immer das Gleiche ist. Es gibt eigentlich nur sehr wenige Teile der Liturgie, die gleich bleiben – und auch das aus sehr guten Gründen. Die meisten Texte sind bei jeder Liturgie anders: die Gebete (vor allem Tagesgebet, Gabengebet und Schlussgebet), die Lesungen und viele andere Texte. Die wahre Herausforderung für uns ist, sich in ihre Atmosphäre hineinnehmen zu lassen, die Texte aufmerksam zu hören, damit sie zu unseren Texten werden und unser Leben bereichern können.

Das ist eine ganz konkrete Einladung dieser Fastenpredigt an uns: öffnen wir unsere Ohren und unsere Herzen den wunderbaren Texten der Liturgie! Schenken wir ihnen unsere Aufmerksamkeit! Lernen wir aus ihnen, wie wir wahrhaftig und gut beten können! Ja, nehmen wir uns vor, mit besonderem Bemühen die Liturgie mitzufeiern, damit sie für uns wirklich zur Quelle der Freude und der Gottesnähe werden kann.


 

 

4. Fastenpredigt

Liturgische Körperhaltungen

Bei der vierten Fastenpredigt wollen wir uns auf unserem Weg zu einem vertieften Verständnis der Liturgie einem ganz praktischen Thema zuwenden, dem der liturgischen Körperhaltungen: Stehen, Sitzen, und Knien.

Zuallererst stellt sich die spannende Frage, warum die Körperhaltungen in der Liturgie überhaupt wichtig sein sollten, wenn es doch auf das Innere, auf das Herz ankommt, ob man nicht sagen kann, dass jeder und jede die Liturgie mit einer Körperhaltung feiern soll, die ihrer Laune oder seinem Empfinden am besten entsprechen – also ganz ungezwungen, ganz frei – der eine so, der andere anders. Braucht man überhaupt so verschiedene Haltungen für die Liturgie?

Dazu ist zweierlei zu sagen. Zum einen ist der Mensch nicht nur Seele und nicht nur Herz, sondern wesentlich auch Leib. In seiner unaufgebbaren Einheit von Leib und Seele ist der Mensch ein Abbild Gottes. Wenn es gilt, was wir vorige Woche entdeckt haben, dass „Gott ein Recht auf eine Antwort des Menschen hat, ja auf den Menschen selbst“ (Joseph Ratzinger), dann muss diese Antwort vom Menschen als solchen kommen. Er kann bei seiner Antwort auf Gottes Handeln nicht sein Herz, also das Innere, auslassen und nur mit Leib, also mit dem Äußeren, antworten (das nennen wir Heuchelei) oder seinen Leib auslassen und nur mit dem Herzen antworten (das nennen wir ungesunder Spiritualismus), weil es dann nicht seine eigene Antwort wäre, es wäre kein wirklich menschlicher Akt.

Zweitens müssen wir festhalten, dass gerade das Christentum eine Religion der Menschwerdung – also auch Fleischwerdung – Gottes ist. Wenn Gott sich auf den Weg macht, um den Menschen zu finden, um sich für ihn erreichbar und vorstellbar zu machen, nimmt er einen menschlichen Leib an, denn nur so kann er ein sichtbares menschliches Antlitz haben. Gott selbst also macht sich in seinem fleischgewordenen Sohne mit einem Körper auf den Weg und lässt so nichts vom wirklich Menschlichen aus. So muss auch unsere Antwort auf sein Tun – und die Liturgie ist so eine Antwort des Menschen – unser ganzes Menschsein beinhalten, also Geist, Seele und auch Leib.

Zudem bringt unser Körper am besten die Empfindungen unserer Seele zum Ausdruck, nach Außen sozusagen. Mit dem Körper kann man nur schwer lügen. Da die Liturgie das Nach-Außen-Bringen der Innenseite unseres Glaubens ist, sind auch die verschiedensten Körperhaltungen in ihr für uns, für unseren Glauben, wichtig.

Die erste und fundamentalste liturgische Körperhaltung ist das Stehen. Es ist nicht irgendein Stehen, sondern ein STEHEN VOR DEM HERRN. Wir wissen uns in der Liturgie vor dem Geheimnis des lebendigen Gottes versammelt. Wir stehen in der Kirche nicht, weil es zu wenig Sitzplätze gäbe, sondern weil damit die grundsätzliche Haltung unseres Herzens Gott gegenüber zum Ausdruck kommt:unsere Ehrfurcht und das Bewusstsein seiner Gegenwart.

Gott selbst hat uns hierher eingeladen und befähigt in seiner Gegenwart zu stehen. Nun ist er unser Gastgeber, der für uns ein Fest, das Fest der Begegnung zwischen Gott und Mensch, bereitet, und nicht wir sind diejenigen, die etwas für ihn „machen“. So bringen wir mit unserem Stehen in der Liturgie unsere Ehrfurcht und unseren Lobpreis zum Ausdruck.

Das Stehen in der Liturgie ist weiter Ausdruck unserer Würde, unserer Gotteskindschaft. Als eigene Kinder dürfen wir vor unserem Vater aufrecht stehen, wenngleich er der allmächtige Gott selbst ist. Er ist allmächtig und Vater zugleich, also absolute Macht und absolute Liebe in Einem. Er hat uns in der Taufe dazu befähigt, „vor ihm zu stehen und ihm zu dienen“ – wie wir im Hochgebet beten. Auf diese Weise ist das Stehen in der Liturgie Ausdruck unseres Verwurzelt-Seins, des Standpunkt-Habens, also dessen, dass wir in Gott einen festen Boden unter den Füßen haben.

 

 

Das Stehen bedeutet auch, dass wir bei der Liturgie unsere Herzen zu Gott, der uns nun entgegenkommt, erheben: „Zu dir, o Gott, erheben wir, die Seele mit Vertrauen“ – wie wir in einem Lied singen. In einer römischen Basilika wird die Bedeutung dieser Haltung mit einem schönen Wort auf den Punkt gebracht: „Ante Deum stantes non sitis corde vagantes“ - Vor dem Herrn stehend, seid ihr nicht mit dem Herzen herumirrend. Das Stehen des Leibes vor dem Herrn bedeutet das Erheben des Herzens im Hören auf sein Wort.

Schließlich ist unser Stehen Zeichen der Bereitschaft zum Handeln, sich „auf sein Wort hin“ auf den Weg zu machen und den Auftrag zu erfüllen. Es ist Ausdruck unserer Bereitschaft ihm entgegenzugehen, wenn er kommt. In dem Moment, in dem wir Gottes Nähe erfahren, sind wir bereit, auf sein Wort hin zu handeln.

Eine zweite wichtige liturgische Haltung ist das SITZEN. Wir sitzen in der Kirche nicht aus praktischen Gründen, also deswegen, weil es zum Stehen viel zu lange dauert. Das Sitzen in der Liturgie hat eine tiefere Bedeutung. Es ist die Haltung der Jünger, die ihrem Herrn lauschen, der sie lehrt, der jetzt zu ihnen spricht. Das Sitzen will also die Haltung des ungestörten Zuhörens sein: „Rede Herr, dein Diener hört.“ (1Sam 3,10)

Sitzen ist eine Körperhaltung der Ruhe, der Meditation. Der Mensch wird ganz Gefäß, um empfangen zu können. Beim Sitzen ist unsere Aufmerksamkeit am wenigsten auf unseren Körper gelenkt, sodass wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Sinnen dem vorgetragenen Wort unser Gehör schenken können, dem Wort, von dem wir wissen, dass es das Wort Gottes ist. Sitzend zuhören heißt aufmerksam zuhören, heißt versuchen, sich das Wort Gottes zu Eigen zu machen, heißt in sich gehen und aufmerksam antworten, hießt die Botschaft aufnehmen, sich von ihr das Herz ganz durchdringen zu lassen.

Eine dritte, sehr wichtige liturgische Körperhaltung ist das KNIEN VOR DEM HERRN. Das Knien ist eine auch heute noch selbst sprechende Haltung: eineHaltung der Demut, der Anbetung und auch der Reue. Der von Gott von der Sünde befreite Mensch, der eine einmalige Würde besitzt, wird sich vor keinem anderen Menschen, vor keiner Ideologie, vor keiner Macht auf die Knie werfen, einzig und allein vor dem lebendigen Gott.

Nur vor Gott macht sich der Mensch durch das Knien kleiner, weil er weiß, dass Gott Gott ist, er selbst aber Mensch, ein Geschöpf, und dazu ein Sünder, ein ganz auf Gott Verwiesener. Es ist ein Huldigungsakt einem Größeren gegenüber, ein Zeichen von besonderer Ehrfurcht und Ehrerbietung. Deswegen ist das Knien die richtige Körperhaltung gegenüber der unmittelbaren Gegenwart Gottes in der Eucharistie: vor dem Allerheiligsten und vor dem Tabernakel. So bringt auch das dynamischere Zeichen der Kniebeuge die gleiche Ehrfurcht zum Ausdruck.

In den letzten Jahrzehnten erleben wir in der Liturgie im Westen eine „Krise des Kniens“. Ich kenne Christen, sogar sog. „Christen vom Beruf“, also Christen, die für die Kirche arbeiten und von der Kirche leben, die nur ungern in der Liturgie ihre Knie beugen. Sie sagen, es sei eines Christenmenschen unwürdig, sich im Knien kleiner zu machen. Wenn wir uns aber von der Liturgie in das Geheimnis der Gegenwart und der Anbetung Gottes, in die Vergegenwärtigung des Opfers Christi, ja in die Liturgie des Himmels hineinnehmen lassen, wenn wir unser Herz für die überwältigende Nähe Gottes öffnen, erübrigt sich diese Frage nach dem Würdig oder Unwürdig-Sein des Kniens. Wenn wir die Schönheit und die Größe Gottes in der Liturgie erfahren, wenn wir uns ehrlich als seine Geschöpfe vor seinem Antlitz wissen, können wir aus Ehrfurcht, aus Überwältigung nur unsere Knie beugen und verstehen lernen, dass uns gerade dieses „Sich-Klein-Machen“ vor dem Herrn groß und frei macht.

 

 

Joseph Kardinal Ratzinger schreibt in seinem Buch Gott ist uns nah über das Knien vor dem Allerheiligsten: „Denn wenn der Herr sich uns gibt, kann ihn empfangen nur zugleich sein: sich vor ihm beugen, ihn verherrlichen, ihn anbeten. Und auch heute stehe es nicht gegen die Würde und Freiheit und Größe des Menschen, das Knie zu beugen, Gehorsam vor ihm zu haben, ihn anzubeten und zu verherrlichen. (...) Nur wenn er der Schöpfer ist, ist der Grund aller Dinge Freiheit und können wir frei sein. Und indem sich unsere Freiheit vor ihm beugt, wird sie nicht aufgehoben, sondern erst wahrhaft angenommen und endgültiggemacht.“ (S. 119)

Diese drei liturgischen Körperhaltungen finden wir – direkt oder indirekt – auch im heutigen Evangelium vom Verlorenen Sohn.

Wir können uns ihn vorstellen sitzend beim Schweinehüten – also in einer Situation der tiefsten Demütigung, als er ganz unten war, als es ihm schlechter ging als den Schweinen, in einer Situation des Nachdenkens, und vor allem des Hören auf die Stimme Gottes im eigenen Gewissen. Weil er fähig war sitzend auf diese Stimme zu hören, hat seine Lebensgeschichte eine rettende Wende erfahren und er konnte sich auf den Weg machen – zurück zum Vater.

Beim Vater angekommen wirft er sich auf die Knie und bekennt reumütig seine Sünde. Mit der Größe der väterlichen Liebe konfrontiert erkennt er seine eigene Verfehlung und diese Größe zwingt ihn in die Knie. Ja, es bleibt ihm nichts anderes übrig als sich vor dem Geheimnis des Vaters auf den Boden zu werfen und seine Unwürdigkeit zu bekennen, sein Sohn zu sein.

Und schließlich sehen wir wieder stehend, sehen wir, wie der Vater ihn aufrichtet und ihm die verlorene Sohnschaft zurückgibt, die er nicht verdient. Aus reiner Gnade kann er nun vor dem Vater stehen und ihm als sein Kind dienen.

Wir verstehen, dass in diesem Gleichnis nicht um einen irdischen Vater geht, sondern um Gott und seine barmherzige, ja verschwenderische Liebe zu uns, Menschen.

Es ist dies die Liebe, der wir auch in der Eucharistiefeier in der Hingabe seines einzigen Sohnes begegnen, damit wir aus reiner Gnade seine Kinder sein dürfen. Das feiern wir, darüber freuen wir uns, dafür sind wir dankbar. Deswegen haben in jeder Liturgie auch die richtigen Körperhaltungen ihren wichtigen Stellenwert: das Stehen, das Sitzen und auch das Knien. Mögen sie uns auf unserem inneren Weg dem liebenden Vater entgegen helfen!


 

 

3. Fastenpredigt

Liturgie als von Gott selbst geschenkte Antwort des Menschen auf seine Liebe

Bei unserem Bemühen um ein tieferes Verständnis der Liturgie haben wir bereits den Zusammenhang zwischen Glaube und Liturgie gesehen, dass nämlich die Liturgie ohne den Glauben nur ein leerer Ritual, ein unwirkliches Spiel wäre und gar nicht sie selbst sein könnte, dass der Glaube die erste Voraussetzung für die Liturgie ist.

Umgekehrt haben wir entdeckt, dass der Glaube die Liturgie braucht, um mehr zu sein als eine intellektuelle Kopfbeschäftigung oder bloße Lehre. So ein Glaube wäre ein totgeborenes Kind, da er nur um die menschliche Vernunft kreiste und nicht in der Lage wäre, in das Innere der Offenbarung, also aus dem Eigenen, aus dem Unsrigen, Begrenzten heraus in das Göttliche, in das Seinige, in das Absolute hinein vorzudringen.

Der Weg zur Erneuerung des Glaubens führt über die Erneuerung der Liturgie, weil sie die Innenseite, das Eigentliche des Glaubens ist, weil sie die direkte Berührung des göttlichen Geheimnisses bedeutet, weil sie den Glauben durch Gotteserfahrung nährt.

Dann haben wir gesehen, dass die Liturgie nicht nur mit dem Sichtbaren, mit dem, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können zu tun hat. Vielmehr ist sieTeilhabe an dem, was im Himmel schon vollkommene Realität ist: am Lobpreis Gottes. Anders gesagt: unsere irdische Liturgie ist zugleich eine himmlische, weil sie den Himmel öffnet und uns direkt in die Gegenwart Gottes versetzt, weil sie aus den Fäden des Offenbarungsschatzes gewoben ist.

Deswegen wird sie in der Ostkirche „göttliche Liturgie“ genannt und das Wort„Gottesdienst“, das eher aus dem protestantischen Gedankengut entspringt und den Gedanken menschlichen Dienens, ja „Machens“ für Gott, einer menschlichen Leistung in sich trägt, tunlichst vermieden. Die Liturgie ist kein menschliches„Machen“, keine „Leistung“; sie ist Opus Dei – Gottes Werk und Gottes Geschenk - oder ist sie nicht.

Genau diese Dimension der Liturgie wollen wir heute betrachten. Wir beginnen mit der Frage, ob der Mensch überhaupt so etwas wie „Kult“, wie Liturgie braucht. Zur Vereinfachung können wir diese zwei Begriffe heute als Synonyme behandeln. Bei dem heute eher weniger verwendeten Wort „Kult“ fällt zuallererst die offensichtliche Verwandtschaft mit einem anderen Terminus, nämlich dem der „Kultur“. Für uns ist die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes wichtig, nicht die übertragene, wenn über „politische Kultur“ oder über „Lebenskultur“ gesprochen wird. Ursprünglich aber ist die Kultur das schöpferische Tun, das so ganz anders ist als das Alltägliche und gerade so die tieferen Zusammenhänge und das Wesen des Lebens zum Ausdruck bringen kann und über das aufs Erste Wahrnehmbare hinausgeht. Die Kultur führt den Menschen über sich selbst hinaus, in die Tiefe des Seins hinein, in die Höhe der Schönheit hinauf. Die Kultur will sich selbst übersteigen, transzendieren.

Diese Ambition der Kultur aber stammt vom ihrem älteren Verwandten, vom Kult, der den Menschen nicht nur über das Sichtbare hinaus, sondern dadurch und gerade so in das Geheimnis schlechthin, zu Gott selbst führen will. Die Liturgie muss also sich selbst überschreiten, sie muss imstande sein, den Menschen in die Nähe Gottes zu führen, ihm die Begegnung mit Gott selbst zu ermöglichen, den Menschen eben nicht nur bei dem, was er selbst mit seinen Fähigkeiten entdecken kann, lassen, sondern ihn immer höher und immer tiefer führen, ihn über das Alltägliche hinaus schauen lassen und gerade so sein Leben bereichern.

Deswegen darf die Liturgie nie banal werden, sie darf nie die Sprache der Straße sprechen, nie nur den Dreck des Alltags wiederkauen, sondern den menschlichen Geist emporsteigen lassen, über das Mögliche, über das Denkbare, über das Sichtbare, über das Vorstellbare hinaus. In diesem Sinne muss die Liturgie eine „göttliche“ sein, weil sie den Menschen mit dem Göttlichen und nicht mit dem Alltäglichen in Berührung bringt.

 

 

Der heutige Mensch braucht diese göttliche Dimension der Liturgie dringend.Er, der an der Beschäftigung mit sich selber leidet, er, der sich nicht wagt, das Große und das Schöne zu suchen, weil er dafür seinen Egozentrismus ablegen und Schritte aus dem Eigenen heraus machen müsste, er, der aber zugleich tief in seinem Herzen eine unüberwindbare Sehnsucht nach eben dieser Größe und Schönheit verspürt, er kann durch die Wahrhaftigkeit der Liturgie, durch ihre göttliche Dimension, geheilt werden.

Hiermit berühren wir das Besondere der christlichen Liturgie, des christlichen Kultes. Denn wie wir wissen, hat jede Religion einen Kult, ein kultisches Tun, welches das Göttliche zu erreichen bemüht ist. Der Mensch will Zeichen setzten, weil er sich vor der Gottheit weiß.

Die christliche Liturgie aber ist nicht eine Aktivität, ein Tun, ein Bemühen des Menschen, sein Suchen nach dem Unaussprechlichen. Sie ist nicht der erste Schritt. Nein, sie ist eine Antwort auf das, was zuallererst kommt – auf das Tun Gottes, auf die Offenbarung. Die christliche Liturgie tappt also nicht im Ungewissen des „Vielleicht“ herum, sondern gründet auf dem Festen Grund des Handelns Gottes. Joseph Ratzinger hat es in seinem berühmten Buch ‚Der Geist der Liturgie’ noch als Kardinal auf den Punkt gebracht, wenn er schreibt: „Gott hat ein Recht auf die Antwort des Menschen, auf den Menschen selbst und wo dieses Recht Gottes gänzlich verschwindet, löst sich auch die menschliche Rechtsordnung auf, weil ihr der Eckstein fehlt, der das Ganze zusammenhält.“ (S. 16)

Die Antwort des Menschen auf Gott durch die Liturgie ist sicher seine eigene: Er antwortet mit all dem, was er hat und was er ist: mit seinem Leib und seiner Seele, mit seinem Schweigen und seinem Singen, mit seinem Hören und seinem Sprechen. Das Besondere der christlichen Liturgie aber besteht darin, dass sie weiß, dass auch diese Antwort des Menschen Gottes Geschenk ist – dass er rein gar nichts zurückgeben könnte, wenn er nicht von Gott dazu befähigt wäre.

Wir sehen es sehr schön in der Struktur des Wortgottesdienstes bei der hl. Messe, der diese Dynamik des Handeln Gottes mit unserer Antwort, die aber zugleich Gott geschenkt ist, in sich trägt. Da hören wir zuerst dem Wort Gottes in der Lesung zu: Gott spricht. Und weil er gesprochen hat er ein Recht auf die Antwort des Menschen. So antworten wir auf das Gehörte im darauf folgenden Psalm, der unsere Antwort und Gottes Wort zugleich ist. Deswegen ist es nicht in Ordnung, dass in den meisten Kirchen Österreichs nach der Lesung nicht der Psalm, sondern irgendein Lied gesungen wird.

In den Psalmen begegnen wir dem ganzen Erfahrungsschatz des menschlichen Lebens: nichts Menschliches ist ihnen fremd. In ihnen wird die Erfahrung der Freude und der Resignation, der Verfolgung und des Sieges, des Fragens und der Geborgenheit ausgedrückt. Sie sind also eine besondere Antwort auf das Handeln Gottes: durch das Vertiefen in das Menschliche der Psalmen hinein, das aber zugleich Gott geschenkt ist, machen wir uns ihren Horizont zu eigen und können Gott am besten antworten – mit seinem eigenen Wort. Das genau war auch die Art Jesu, der auch noch am Kreuz nicht mit eigenen Worten auf die Situation antwortet, sondern mit einem Psalm. Er betet den Psalm 22: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (...) Von Geburt an bin ich geworfen auf dich, vom Mutterleib an bist du mein Gott. (...) Du, aber, Herr, halte dich nicht fern! Du, meine Stärke, eil mir zu Hilfe!“ (Ps 22, 1.11.20)

So lernen wir in der Liturgie so zu antworten, wie es der Herr selbst getan hat und wie es am besten dem Handeln Gottes entspricht: auf die Liebe Gottes mit seinem eigenen Wort zu antworten, das zu unseren ganz eigenen Wort geworden ist.

 

 

Nun zum Schluss noch ein letzter Gedanke. Ich habe gesagt, dass die Liturgie nie banal werden, nie einfach die Sprache der Straße sprechen darf... Vielleicht könnten Sie fragen, wo dann das Leben des Menschen in der Liturgie überhaupt seinen Platz hat? Ja, wir können fragen: Wird sie dadurch, dass sie eine göttliche Liturgie ist, nicht eine die Wirklichkeit des Menschen nicht berührende, ja lebenslose Liturgie – und so auf eine neue, ja tragische Weise, wieder banal, irrelevant werden?

Wenn das so passieren würde, würde es in der Tat tragisch sein. Die Liturgie nimmt das menschliche Leben mit seinen Erfahrungen aber auf eine andere Art und Weise wahr – nämlich, in dem sie ihn einlädt, in ihr Inneres einzutreten, selbst ein Teil des Gotteslobes zu werden, etwas von seinem Eigenen auf den Altar zu legen und sich ihren Horizont zu eigen zu machen. Die Liturgie berührt das Leben des Menschen also nicht auf eine simple Art, indem sie ganz zum Alltag wird, indem sie einfach das wiederholt, was draußen vor sich geht, sondern dadurch, dass sie in ihrem göttlichen Lobpreis – besonders durch die Psalmen – Platz Macht für den Menschen mit seinen Erlebnissen, Erfahrungen und Fragen, mit seinen Freuden und Leiden.

Sie sagt ihm: Nimm all das auf den Weg des Lobpreises mit und lass dich auf meine Dynamik ein, lass dich von mir in die Tiefe führen, schenke dein ganzes Leben – eben mit all dem, was es ausmacht – bewusst dem, dem es vom Anfang an gehört, deinem Schöpfer und Erlöser.


Auf diese Weise kann dann durch die Liturgie und in ihr wahr werden, was der hl. Irenäus einst gesagt hat: „Die Herrlichkeit Gottes ist der lebende Mensch, das Leben des Menschen aber ist es, Gott zu sehen.“ (Der Geist der Liturgie, S. 15)