Juli 2013

17. Sonntag im Jahreskreis C

Schule des Gebetes: treu, vertrauensvoll, im Bewusstsein eigener Nichtigkeit

Wie soll ich richtig beten? Diese Frage stellt sich ein gläubiger Mensch in seinem Leben immer wieder. Was ist „genug“ im Gebet? Wie soll ein gutes Gebet sein? Mit welchem Gebet erreiche ich das Herz Gottes am besten? Mit diesen Fragen werden wir nie fertig, aber wir können immer auf dem Weg bleiben und immer vom Neuen Antworten auf unsere Fragen finden.

Die Liturgie des 17. Sonntags erweist sich bei näherem Hinschauen als eine sehr gute Lektion in der Schule des Gebetes. Die Liturgie ist generell der beste Ort, an dem wir beten lernen können.

Was ist nun die Lektion von heute? Ich glaube, dass die heutige Liturgie und vor allem die heutigen Lesungen drei Momente im Bezug auf Gebet besonders hervorheben.

1. Bete geduldig, inständig und treu. Christus sagt im heutigen Evangelium (Lk 11,1-13), um uns zur Treue und Geduld im Gebet zu inspirieren: „Wenn er schon nicht deswegen aufsteht und ihm seine Bitte erfüllt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er braucht.“(Lk 11,8) Es ist ein fast unvorstellbarer Satz aus dem Mund des Herrn im Bezug auf Gebet zu Gott. Er besagt, dass wir Gott mit unserem Gebet „belästigen“ können, dass wir immer und immer wieder kommen dürfen, ja dass wir sogar zudringlich, lästig sein dürfen.

Auf der anderen Seite heißt es aber auch, dass unser Gebet nicht sofort erhört sein muss. Es gibt so viele Menschen, die zu beten aufhören, wenn sie nicht sofort die Früchte ihrer Bitten ernten dürfen... Freilich, wir sind es heutzutage gewohnt, schnell zu bekommen, was wir uns wünschen oder was wir brauchen: Ich bezahle, also ich schaffe an... also ich bekomme. Die Beziehung mit Gott funktioniert aber nach einer ganz anderen Logik. Oft lässt er uns warten, er braucht unsere Geduld und unsere Treue, er will belästigt werden, weil er weiß, dass inständiges und treues Gebet unser Herz selbst verwandelt. Ich werde ein anderer Mensch, wenn ich geduldig, inständig und treu zu Gott bete.

2. Bete mit Vertrauen und im Vertrauen. Der Herr sagt: „Darum sage ich euch: Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet.“ (Lk 11,9) Es ist eine außerordentliche Ermutigung zum Vertrauen, dass Gott uns alles gibt, was wir wirklich brauchen, um was wir geduldig, inständig und treu beten.

Wir brauchen nicht fünf Mal überlegen, ob wir ihn ansprechen dürfen, ob wir für das oder jenes beten dürfen, sondern wir dürfen einfach kommen und ihm unsere Bitten immer wieder vortragen. Und wir können uns sicher sein: Gott wird uns nicht ignorieren. Vielleicht erfüllt er unsere Bitten nicht nach unseren Vorstellungen und Erwartungen, weil er als guter Vater weiter sieht und weiß, was uns wirklich zum Segen wird und was nicht, weil er uns als guter Vater erzieht, aber er wird uns nicht ignorieren. Auch da dürfen wir volles Vertrauen haben in seine väterliche Güte: „Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten.“ (Lk 11,13)

3. Hiermit kommen wir zu einem dritten, dem anspruchsvollsten Moment heutiger Lektion in der Schule des Gebetes: Bete im Bewusstsein deiner totalen Abhängigkeit von Gott, deiner eigenen Nichtigkeit. Dieser Punkt mag uns vielleicht schwer nachvollziehbar vorkommen. Muss das sein? Muss sich der Mensch als nichtig ansehen? Ist das nicht zu viel des Guten?

 

 

In diesem Moment wollen wir uns der spannenden ersten Lesung (Gen 18,20-32) zuwenden, dem Gespräch zwischen Gott und Abraham, in dem es um die Verschonung von Sodom und Gomorra geht. Abraham steht vor dem Herrn und versucht ihn auf die Gerechten in diesen Städten aufmerksam zu machen. Er ist in seinem Anliegen mutig, er spricht eindringlich, hört aber nie auf, sich seiner eigenen Nichtigkeit bewusst zu sein. Er weiß immer, vor wem er steht: Er – der schwache und begrenzte Mensch steht vor dem großen, lebendigen und gerechten Gott, von dem er völlig abhängig ist. Deswegen sagt er: „Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin.“ (Gen 18,27) Ja, Abraham bekennt sich dazu vor Gott lediglich Staub und Asche zu sein.

Dieses Moment ist äußerst wichtig auch in unserem Gebet. Dieses Bekenntnis bringt nämlich die erste Wahrheit zum Ausdruck, die ein Mensch vor dem lebendigen Gott verspürt: Ich bin nicht würdig, ich bin ein Nichts vor dir. Aber ich darf sein, weil du willst, dass es mich gibt und ich darf dich ansprechen und in meinem Beten eindringlich, lästig und vertrauensvoll sein.

Das Bekenntnis dieser Wahrheit macht uns freilich demütig, aber es ist genau die Demut, die uns den Zugang zum Herzen Gottes erschließt, weil sie uns den Weg der Wahrheit über uns und über Gott erschließt.

Die heutige Lektion in der Schule des Gebetes ist aber keine theoretische, sondern eine sehr praktische Lektion. Schauen Sie, die Liturgie von heute haben wir mit einem Tagesgebet eröffnet, in dem ganz konkret praktiziert wird, was wir als Botschaft heute entdeckt haben.

Die Liturgie betet immer treu und eindringlich. Um das heutige Anliegen, wird bei der Messe oft gebetet: „Hilf uns, die vergänglichen Güter so zu gebrauchen, dass wir die ewigen nicht verlieren“.

Die Liturgie betet mit unerschütterlichem Vertrauen, wenn sie Gott mit folgenden Worten anspricht: „Gott, du Beschützer aller, die auf dich hoffen...“

Und schließlich betet die Liturgie im vollem Bewusstsein unserer totalen Abhängigkeit von Gott und seiner Majestät, wenn sie bekennt, dass ohne Gott alles nichtig ist: „Gott, ohne dich ist nichts gesund und nichts heilig“.

Lasst uns nun dieses Gebet bewusst beten und Gott für die heutige Schule des Gebetes dankbar sein:

Gott, du Beschützer aller, die auf dich hoffen,
ohne dich ist nichts gesund und nichts heilig.
Führe uns in deinem Erbarmen den rechten Weg
und hilf uns,
die vergänglichen Güter so zu gebrauchen,
dass wir die ewigen nicht verlieren.

 

 

16. Sonntag im Jahreskreis C

Zuerst kommt das „Sein“ erst dann das „Machen“

Als Priester bin ich relativ oft zu einem Familienbesuch eingeladen. Es ist schön, eine Familie zu besuchen und zu sehen, dass die Familienmitglieder sich über die Anwesenheit des Priesters freuen und dass wir gut miteinander reden können. Besonders schön ist dann zu sehen, dass die Familienmitglieder schön miteinander umgehen, dass sie nett zueinander sind. Manchmal passiert es aber schon, dass nach einer Weile Spannungen zwischen den Familienmitgliedern spürbar werden, dass der gemeinsame Umgang rauer wird – z.B. wenn die pubertierenden Kinder ihren Unmut über die Eltern äußern oder wenn Geschwister zu streiten beginnen – und die Leute nur mit Mühe die Atmosphäre zu retten versuchen.

Das heutige Evangelium (Lk 10,38-42) bietet uns eine interessante Szene an, in der bei einem Familienbesuch Jesu offensichtlich eine ähnliche Dynamik zwischen zwei Familienmitglieder entsteht: Marta und Maria. Was aber ist die Botschaft für uns?

Zuerst scheint die Szene recht stimmig zu verlaufen: Jesus kommt in ein Dorf und wird im Haus von Martha „freundlich angenommen“ – wie Lukas betont. (vgl. Lk 10,38) Das war nicht immer der Fall. In einem samaritanischen Dorf im vorhergehenden Kapitel wurde Jesus z.B. nicht aufgenommen. (vgl. Lk 9,53) Marta wird wohl die ältere der zwei Schwestern gewesen sein, da ihr Name hier als der der „Hausherrin“ erwähnt wird – sie sorgt als die ältere für das Haus und die Gäste. Ihre jüngere Schwester Maria setzt sich Jesus zu Füßen – nachdem dieser Platzt genommen hat – und hört ihm zu. Während dessen ist Marta als Gastgeberin mit verschiedenen Arbeiten beschäftigt: Essen, Trinken und alles herum... Wer von den Frauen würde das nicht kennen? Wir können die Szene fast mit eigenen Augen beobachten...

Nun, wir wissen nicht, ob Maria recht jung war –eine Teenagerin also, die szs. auf die Schwester und ihre Arbeit „pfeift“ – aber es kommt zu einem Konflikt, der recht typisch zu sein scheint auch für unsere Familien: „Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!“ (Lk 10,40) Wir können die Beschwerde der älteren Schwester gut nachvollziehen: es gebe Arbeit und die jüngere solle doch mithelfen... das sei doch ganz normal...

Umso mehr verblüfft die Reaktion Jesu auf die scheinbar berechtigte Klage:„Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“(Lk 10,41-42) Es scheint eine Zurückweisung von Marta und ihrer Arbeit zu sein... Was soll das? – würden wir dagegenhalten. Wie würde es Jesus denn gefallen, wenn auch sie einfach da sitzen und zuhören würde – wenn er und seine Begleiter nichts zu essen und nichts zu trinken bekommen hätten? Würde er sich bei ihnen auch dann noch wohlfühlen? Warum soll das eine besser sein als das andere?

In der Tat: Würden wir das Wort des Herrn in dem Sinne verstehen, dass hier das Arbeiten und die Mühe gegen das Zuhören und Dabeisein ausgespielt wird, würden wir den wahren Sinn dieses Wortes verkennen. Darum geht Jesus sicher nicht – dazu haben wir genug Beweise im Evangelium – letzte Woche hat er uns den aktiven, barmherzigen und hilfsbereiten Samariter als Vorbild dargestellt. Die Botschaft ist vielmehr eine andere. Welche?

Papst Benedikt XVI. kommentierte diese Stelle einmal mit folgenden Worten: „Das Wort Christi ist mehr als deutlich: keine Geringschätzung für das arbeitsame Leben, geschweige denn für die hochherzige Gastfreundschaft; doch ein klarer Hinweis auf die Tatsache, dass das einzig wirklich Notwendige etwas anderes ist: das Wort des Herrn zu hören; und der Herr ist in jenem Augenblick dort, er ist gegenwärtig in der Person Jesu! Alles andere wird vergehen und wird uns genommen werden, doch das Wort Gottes ist ewig und verleiht unserem alltäglichen Tun Sinn.“ (Angelus, 18. Juli 2010)

 

 

Wir können die Botschaft auch mit einem anderen Wort auf den Punkt bringen: In unserem Glauben kommt es nicht zuerst auf das Tun, auf das Machen an, sondern auf das Sein. Nicht erst unser besonderes, gutes, makelloses Leben macht uns zu Christen, sondern die Nähe zu Christus, dass wir in der Taufe in seine geheimnisvolle Nähe zum Vater hineingenommen wurden. Diese unsere Nähe zu ihm, dieses Sein in ihm und mit ihm macht uns dann fähig ein gutes Leben zu führen: barmherzig zu sein, zu helfen, zu dienen, sich der Schwächeren anzunehmen usw. Sollte es umgekehrt sein, dann wäre das Christentum nur Moral, nur System, nur Anweisung. Der christliche Glaube aber ist zuerst Begegnung, Nähe, Zuhören; er ist zuerst „Sein“ und erst dann „Tun“ und „Machen“.

Dem Herrn geht es in seiner Antwort, dass die zuhörende Maria „das Bessere“gewählt hätte nicht darum, die Mühe geringzuschätzen, sondern die richtige Reihenfolge der Prioritäten zu sehen: Zuerst kommt das Bleibende, das Tragende – das Wort Gottes, sein Handeln an uns, seine Gnade, auf die hin wir uns aufmachen müssen und dann kann als unsere Antwort auf diese Gnade des Herrn unser gutes Leben kommen.

Diese Botschaft mag manchen von uns doch ganz selbstverständlich klingen, anderen aber wiederum zu theologisch oder vielleicht zu theoretisch – also als etwas, was nicht unbedingt sehr wichtig ist in unserem Leben und Glauben. Das Gegenteil aber ist der Fall. Es ist wichtig, dass wir alle uns dieser Prioritätenrangordnung bewusst sind, denn sonst wird uns unser Glaube früh oder später als Belastung vorkommen: Gebote und Verbote, Mühe und Kämpfe, Moral und Ethik, immer nur gut und brav sein, immer nur gute Taten... So ein Glaube ist mühselig – er schmeckt nicht, er ist trocken und lebensfremd...

Wir leben in einer Zeit, die unser Christsein gerne nur auf das „Machen“, „Tun“, „Helfen“, „Caritas“, „Sozial-Sein“, „Ökologisch-Sein“ reduzieren wollte. Mit der Botschaft aber brauchen wir nicht kommen: wir sollen nicht missionieren, Christen dürfen nur privat sein, ja nicht in der Politik und unsere christlichen Überzeugungen können wir uns auch für uns behalten... Der Christ müsse vielmehr als erster helfen, Umwelt schonen, sozial sein... – so die gängige Überzeugung.

Ja, das alles schätzt an uns auch die heutige Welt, für all das Bekommen wir Lorbeeren und Sympathie. Und das alles gehört auch zu unserem Glauben dazu – Der Glaube ohne gute Werke wäre tot – schreibt schon der Apostel Jakobus. (Jak 2,17) Aber die Moral ist nicht alles, die Werke sind nicht alles und sie sind auch nicht das Beste und das Wichtigste unseres Glaubens. Es ist etwas sehr Gutes, aber es gibt auch etwas Besseres. Das Bessere ist das, was Maria gewählt hat: beim Herrn zu sein, ihm zuzuhören, aus seiner Liebe zu schöpfen.

Es gibt leider auch Christen – sogar Priester und Bischöfe, die den Glauben zur Moral umwandeln wollen, die den Glauben eben auf das Soziale Engagement reduzieren, die anderen gerne wegen Klimawandel und Armut u-ä. schlechtes Gewissen machen und das „Tun“ und „Machen“ in den Vordergrund stellen. Das ist gefährlich und bringt den Glauben um seine Lebendigkeit.

Seien wir aktive Christen: versuchen wir helfen und dienen und vorbildhaft sein...Aber lassen wir uns das Eigentliche und das Schöne unseres Glaubens nicht nehmen: die Nähe des Herrn, seine Liebe, sein Wort, das Licht für unser Leben ist, den vertrauten Umgang mit ihm in der Eucharistie. Genau hier und jetzt können wir erfahren und bezeugen: zuerst kommt das Sein – bei ihm und in ihm sein –, damit danach das Aktive, das „Tun“ kommen kann. Herr, danke dir dafür!

 

 

15. Sonntag im Jahreskreis C

Die Wahrhaftigkeit und die Nähe des Wortes Gottes

Oft hat unsere Generation das Gefühl, dass die Gebote Gottes und seine Worte sich überlebt haben und in unserer modernen Welt nicht mehr so genau gelten können. Z.B. dass die Ehe bis zum Tod dauert (Stichwort: Scheidung), oder dass der Mensch einem anderen nie das Leben nehmen darf (Stichwort: Abtreibung, Euthanasie) usw. Ja, viele Katholiken sagen, man müsse das eine oder andere Wort Gottes modernisieren, „verheutigen“, weil es zu weit entfernt vom realen Leben sei... Gottes Wort und Gottes Gebote als überholtes, unlebbares Ideal, als entfernte, nicht erreichbare Größe, um die wir uns nicht wirklich zu scheren brauchen – das ist die Empfindung des durchschnittlichen Menschen unseres Zeitalters.

Das heutige Wort Gottes betont genau das Gegenteil: „Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. [...] Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“ (Dtn 30,11.14) Was sagt es dem heutigen Menschen mit seinem Gefühl des „Zu-Hoch-Seins“ und des „Unrealistisch-Seins“ der Worte Gottes?

Ich glaube, zuallererst sagt es zu uns: Gottes Wort und seine Gebote sind Dir nicht fern. Du brauchst nur in Dein eigenes Herz hinein schauen, um sie dort zu finden. Sie sind nicht ein weit entferntes Ideal, eine unlebbare Utopie, sondern sie entsprechen genau dem, was Gott tief in Dich hinein gelegt hat. Ja, Du selbst als Mensch, bist nach diesem Wort geschaffen worden, bist nach dieser Wahrheit geformt worden. Die wahren Sehnsüchte, die Du ganz tief in deinem Herzen entdecken kannst, korrespondieren genau mit diesem Wort und mit den Regeln, wie sie in den Geboten Gottes enthalten sind.

Die zweite Lesung benennt das eigentliche Ziel der Schöpfung und das Vorbild, das Modell, das in allem abgebildet ist: „Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen.“ (Kol 1,15-16)

Was heißt es für unsere Fragestellung? Es heißt, dass Gottes Botschaft zu uns nicht einfach von Außen kommt als eine fremde Botschaft, die uns dem Eigentlichen unserer Existenz entfremden würde - eben als „zu hoch“ oder „zu weit“ oder „zu anspruchsvoll“ -, sondern, dass diese Botschaft in unserem Inneren Resonanz findet, dass sie dem Wahr-Sein entspricht, das wir in uns selbst vorfinden. Wenn alles auf Christus hin geschaffen wurde, wenn alles durch ihn geschaffen wurde, dann sind auch wir – ganz konkret Du und ich – durch ihn und auf ihn hin geschaffen worden, dann kann sein Wort uns nicht fremd sein, dann kann es uns nicht von uns selber entfremden, sondern dann ist dieses Wort die Wahrheit über uns und nicht unsere oft fehlgeleiteten Gefühle und Erwartungen und Vorstellungen, die von vielem manipuliert werden können. Das heißt also, dass nicht das Gefühl des heutigen Menschen über die Lebbarkeit des Wortes Gottes entscheidend ist, nicht unser Gefühl ist Maßstab für Gottes Wort, sondern das Wort ist Maßstab für unser Gefühl, für unser Denken und Handeln.

Diese Überzeugung gehört vom Anfang an zum Glaubensschatz der Christen. Aus dieser Überzeugung heraus haben die ersten Christen den kaiserlichen Opferkult abgelehnt – auch wenn er in ihrer Zeit „ganz normal“ und„selbstverständlich“ war. Sie haben nicht nach Wegen gesucht, wie sie ruhig leben oder das Wort Gottes umdrehen könnten, sondern sind den geraden Weg des Wortes Gottes gegangen, von dem sie wüssten, dass es in ihrem Inneren lebt, und diese Überzeugung oft mit eigenem Leben bezahlt. Die Geschichte hat dem Wort Gottes und den ersten Christen und nicht dem kaiserlichen Götterkult Recht gegeben.

 

 

Aus dieser Überzeugung heraus hat der selige Franz Jägerstätter, ein einfacher Bauer und Mesner, als einziger in seiner Heimat – St. Radegung – gegen den Anschluss Österreichs an das großdeutsche Reich votiert und den Kriegsdienst für Hitler verweigert – auch wenn beides damals verständlich und quasi von allen gemacht wurde. Er hat nämlich gewusst, dass nicht Gottes Wort, sondern der Zeitgeist, falsch liegt. Und Gott hat ihm die Kraft gegeben für viele bis in die heutige Zeit hinein ein Licht zu sein.

Das sind nur zwei kleine Beispiele aus der Geschichte der Kirche, die zeigen, dass die Christen immer an die Wahrhaftigkeit und den Realitätssinn und an die Nähe des Wortes Gottes geglaubt haben: „Dieses Wort, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“ (vgl. Dtn 30,11.14) In der Tat: Das Leben nach diesem Wort und aus seiner Kraft, war immer auch mit Ringen und Mühen verbunden, aber es war immer möglich und sinnvoll. Und immer wieder hat die Geschichte das Wahr-sein des Wortes Gottes und den Irrtum des jeweiligen Zeitgeistes zum Vorschein gebracht.

So sind auch wir durch die heutigen Lesungen aufgefordert, unseren Glauben an das Wort Gottes, an sein Wahr-Sein, an den Realismus der Gebote Gottes zu erneuern und zu bekräftigen. Jede Zeit hat ihre Probleme mit einzelnen Aussagen dieser Botschaft. So auch unsere Zeit, in der durchGenderismus die Wahrheit über den Menschen als Mann und Frau geleugnet wird und in der einige Universitäten „Herr Professorin“ schreiben wollen... Absurd? Leider wahr...

Unsere Zeit hat ihre Probleme mit der Wahrheit Gottes, dass die Ehe eine lebenslange Verbindung von einem Mann und einer Frau ist, die auf das Wohl ihrer Beziehung und ihrer Nachkommenschaft hin ausgerichtet ist und will mit brachialer Macht in Gesetzen alle möglichen Kombinationen von Geschlecht und bald auch von Zahl als gleichwertig und gleichgut verankern. Wenn diese Tür einmal aufgetan wurde, dann gibt es keine Grenze mehr und das, was uns heute absurd vorkommt, wird in wenigen Jahren als „normal“ wahrgenommen.

So war es mit der sog. Homo-Pseudoehe – noch vor zwanzig Jahren unvorstellbar und abgelehnt, heute zum Menschenrecht stilisiert. Auch die Adoption der Kinder durch solche Paare wurde vor einigen wenigen Jahren als „No-Go“ bezeichnet... Wenn man es heute in Frage stellt, wird man medial mundtot gemacht. So wird es in einigen wenigen Jahren wahrscheinlich mit Polygamie und anderen Modellen sein, die uns heute als absurd und unmöglich vorkommen. Denn wenn es nicht gilt, dass Ehe eine Verbindung von Mann und Frau ist, mit welchen Argumenten sollte die Grenze, dass es eine Verbindung von ausgerechnet zwei Personen ist, aufrecht erhalten bleiben? Und warum nur eine Verbindung von Menschen?

Eines ist sicher: Nicht das Wort Gottes mit seiner Botschaft, dass der Mensch Mann und Frau ist und dass die Ehe Verbindung zwischen Mann und Frau und Ebenbild der treuen Liebe Gottes zu uns ist, wird sich blamieren, sondern der Zeitgeist mit seiner Ablehnung dieser so offensichtlichen Wahrheiten und mit seiner Parole, dass Gottes Wort unmodern und unlebbar ist. Das hat die Geschichte bis jetzt schon oft eindrucksvoll unter Beweis gestellt und sie wird es wieder tun. An uns liegt es, ob wir der billigen Propaganda von der Unmöglichkeit und Lebensfremdheit des Wortes Gottes glauben, oder ob wir den tiefen Blick in unser Herz wagen und dem, was Gott in uns hinein gelegt hat, als er uns durch Christus und auf ihn hin geschaffen hat, vertrauen.

Sagen wir heute also erneuet „Ja“ zu Gott und seiner Wahrheit, damit wir unser Leben auf den sicheren Boden seiner Treue und nicht auf die Unbeständigkeit des Zeitgeistes bauen. Denn dieses Wort geht nicht über meine Kraft und ist nicht fern von mir. Nein, das Wort ist ganz nah bei mir, es ist in meinem Mund und in meinem Herzen, ich kann es halten. (vgl. Dtn 30,11.14)

 

 

14. Sonntag im Jahreskreis C

Vom Lohn der Jünger

Was ist ein angemessener Priesterlohn? Für die einen klingt diese Frage komisch – der Priester müsse doch auch leben können also brauche er auch Geld... Die anderen haben wiederum eine schnelle Antwort: Er solle eigentlich überhaupt ohne Lohn auskommen... die Kirche predige doch die Armut..!

Über diese Frage wurde in der Kirchengeschichte bisweilen gestritten: Darf man vom Christi priesterlichen Auftrag leben? Muss man sich das Brot nicht zusätzlich anders verdienen? Im heutigen Evangelium (Lk 10,1-12.17-20) sehen wir auch ein Echo dieser Fragestellung. Freilich, das Wort Gottes geht die Frage viel tiefer und grundsätzlicher an.

Im heutigen Evangelium ist vom zweiundsiebzig „anderen Jüngern“ die Rede, welche der Herr zu zweit aussendet. Dabei sagt er zuerst: „Wenn man euch in einem Haus annimmt, dann bleibt in diesem Haus, esst und trinkt, was man euch anbietet; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn.“ (vgl. Lk 10,7) Der Herr weiß nun sehr gut, dass auch seine Jünger irdische Güter brauchen, szs. dass auch sie im Geschäft bezahlen müssen und an der Tankstelle auch nicht kostenlos tanken dürfen. Er will aber auch, dass sie ihr ganzes Leben seinem Auftrag widmen, dass seine Sendung für sie nicht eine Art „Nebenjob“ ist, sondern ihr Lebensinhalt schlechthin. Deswegen sagt er, dass der Arbeiter für das Reich Gottes Recht auf seinen Lohn hat – er darf sich also mit Ausübung dieses Auftrags ernähren, er muss nicht nur auf Spenden warten.

Zugleich aber finden wir im heutigen Evangelium den Satz, dass die Jünger„keinen Geldbeutel, keine Vorratstasche und keine Schuhe mitnehmen“ sollen. (vgl. Lk 10,4) Also doch ganz arm? Ich glaube, da geht es dem Herrn nicht darum, dass die Jünger barfuß, mittellos, in einem dreckigen Kleid und stinkend durch die Gegen ziehen, sondern, dass sie sich nicht auf irdische Güter verlassen, dass sie ihre Mission nicht auf irdische Weisheit bauen.

Den Höhepunkt dieser Perikope und den Schlüssel zugleich bildet aber der letzte Satz, den Jesus zu den Jüngern nach der Rückkehr gesagt hat: „Freut euch nicht darüber, dass euch die Geister gehorchen, sondern freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind.“ (Lk 10,20) Was heißt das? Es heißt, dass die Jünger, die in ihrem Leben auch irdischer Güter bedürfen – gerade auch für ihre Mission – doch ihre Erwartung und ihre Sehnsucht nicht auf eine weltliche Vergeltung, auf eine Macht auf Erden ausrichten sollen – wie z.B. Erfolg bei den Menschen oder Macht über die Geister – sondern in ihrem Denken und Hoffen immer beim Herrn, im Himmel, in dem, was man nicht mit Augen sieht, sondern nur mit dem Glauben wahrnimmt, sein sollen. Ihr Herz soll den wahren Lohn, die wirkliche Erfüllung und Vollendung von Gott und nicht von der Welt und von Macht und Erfolg erwarten.

Ich muss ehrlich gestehen, dass diese Haltung, die Jesus heute von seinen Jüngern, also besonders von seinen Geweihten verlangt, oft sehr schwer zu leben ist. Denn auch der Priester bleibt ein Mensch und will das Sichtbare: Erfolgt, Aufnahme, Macht. Es ist so schwer und es verlangt so viel Glaube, im konkreten Alltag dem Unsichtbaren vor dem Sichtbaren Vorrang zu geben, das Herz allein auf den Herrn ausgerichtet zu haben. Ich bitte euch: Betet für uns, Priester, dass wir es immer besser lernen! Betet auch für mich, dass ich es trotzt meiner menschlichen Schwäche leben kann!

Aber nicht nur die menschliche Schwäche in der priesterlichen Lebensführung ist das Problem. Heutzutage können wir auch erleben, dass der Auftrag des Priesters als solcher oft missverstanden wird. Die Erwartungen an den Priester sind dann so verschieden, die Vorstellungen über sein Amt und seinen Lebensstil driften so weit auseinander, dass man zum Schluss vor einem Chaos steht und nicht mehr weiß, wer der Priester ist und wie er zu leben hat.

Nur ein Beispiel: Wir erleben, dass die einen im Priester einen Mönch sehen, der Armutsgelübde ablegt und so in völliger Armut, ja eigentlich nur von Spenden zu leben hat. Alles, was er über das Nötigste hinaus besitzt ist dann schon zu viel: ein zweites Hemd, ein Auto, ein Handy...

 

 

Es gibt heute aber auch eine andere sehr starke Tendenz, die im Priester lediglich einen ganz üblichen Mann sieht, der seinem Job nachgeht, seine Arbeitszeit in Stunden rechnet und danach völlig privat leben kann – Priestertum als eine von vielen Arten des Brotverdienens. Beide diese Positionen werden dem Wesen des Priestertums und seinem Auftrag von Christus her nicht gerecht.

Der Priester ist nicht automatisch ein Mönch – das Leben in völliger Armut ist eine spezielle Berufung vom Herrn. Und ja, es gibt die Mönchspriester, bei denen diese zwei Berufungen zusammenkommen, bei uns z.B. Benediktiner oder Zisterzienser. Die Berufung zum Priestersein ist dagegen eine Berufung der dienstlichen Nachfolge Christi – der Priester dient der Gemeinschaft der Kirche durch seine eigene Existenz. Christus, der auf seinen ganzen göttlichen Reichtum verzichtet hat, Christus, der für uns arm geworden ist, ihm wurde der Priester durch die Weihe gleichgeformt. „Das Weihesakrament zeichnet die Priester durch die Salbung des Heiligen Geistes mit einem besonderen Prägemal und macht sie auf diese Weise dem Priester Christus gleichförmig, so dass sie in der Person des Hauptes Christus handeln können,“ – sagt das Zweite Vatikanische Konzil im Dekret über Dienst und Leben der Priester. (PO 2)

Die Priester sind also keine religiösen Amtsträger, keine Beamte und keine Systemverwalter. Wieder das Konzil: „Durch die Weihe und die vom Bischof empfangene Sendung werden die Priester zum Dienst für Christus, den Lehrer, Priester und König, bestellt. Sie nehmen teil an dessen Amt, durch das die Kirche hier auf Erden ununterbrochen zum Volk Gottes, zum Leib Christi und zum Tempel des Heiligen Geistes auferbaut wird.“ (PO 1)

Diese tiefen theologischen Aussagen werden im heutigen Diskurs gar nicht oder nur sehr schwach wahrgenommen. Und so führen wir unsere heißen Diskussionen oft ohne über die Sache selbst Bescheid zu wissen, ohne die Sicht Jesu zu berücksichtigen. Wenn dann dazu noch die Schwäche, ja das Versagen des einen oder anderen Priesters hinzukommen, dann ist das Problem groß. Man sieht in ihm dann nicht den Gesandten des Herrn, sondern nur einen armen Teufel, der seiner Aufgabe nicht gewachsen ist.

Wir müssen selbstkritisch zugeben: die aktuelle Kirchenkrise ist zu einem Großteil eine Krise der Priester, unsere Krise, dass wir, obwohl vom Herrn berufen, nicht das sind, was wir sein sollen, dass wir unsere Erfüllung nicht beim Herrn, sondern bei den Menschen suchen – in Macht, Erfolg oder Geld, dass wir die irdischen Güter nicht als Mittel für die Mission, sondern als Ziel betrachten, dass in unserem Leben der Primat des Göttlichen, des Unsichtbaren vor dem Sichtbaren, Weltlichen und Vorläufigen nicht erkennbar ist. Ja, viel zu oft bleiben wir, die Priester Christi, hinter dem zurück, was wir durch die Weihe geworden sind. Deswegen bedürfen wir dringend Eures Gebetes, denn wir können nicht allein bestehen!

Der Arbeiter im Weinberg des Herrn hat ein Recht auf seinen Lohn – aber er darf sein Herz nicht auf das Vorläufige, sondern nur auf den Herrn ausrichten. So lassen wir uns alle vom Herrn den letzten Satz sagen, der unsere Aufmerksamkeit hin zum wahren Lebensziel lenkt: „Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind!“ (vgl. Lk 10,20)'