Januar 2013

3. Sonntag im Jahreskreis C

Die Kirche - der geheimnisvolle Leib des Herrn

In den letzten Jahren ist es zur Norm geworden, zum Thema „Kirche“ lediglich skandalöse Schlagzeilen zu produzieren. Das ist nichts Neues: die Geschichte zeigt uns, dass schon die Kommunisten oder andere antikirchliche Gruppen so ihre sog. Kirchenkritik, besser aber gesagt ihren Kirchenkampf betrieben haben. Das eigentliche Problem ist aber, dass es für manche unserer Zeitgenossen leider die einzige Art ist mit dem Thema Kirche in Berührung zu kommen und dass man so das Tiefe, das Schöne und das Wunderbare der Kirche nicht sehen kann.

Umso schöner ist es dann, dass uns das heutige Wort Gottes ermöglicht, in einer ganz anderen Art und Weise, als es heute Norm ist, dem Thema „Kirche“ zu begegnen.

Jesus macht sich im Evangelium (Lk 1,1-4; 4,14-21) einen wichtigen Text aus dem Alten Testament programmatisch zu eigen, der dann auch für die Kirche gelten wird: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze.“ (Lk 4,18.21 / Jes 61,1f.) Da die Sendung der Kirche nichts bloß ihr Eigenes ist und nie sein kann, sondern nur Teilhabe und Fortsetzung der Sendung Jesu, gilt dieses Wort auch für sie.

Die Kirche ist dazu gesandt, um die Frohe Botschaft – das Evangelium – den Menschen unserer Zeit zu bringen, den in der Sünde Gefangenen und den Zerschlagenen die Freiheit in Christus zu verkünden und den Blinden, die das Licht der Wahrheit Gottes nicht sehen, das Augenlicht. In ihr und durch sie lebt Christus fort und macht sich mit seiner Botschaft für die Menschen aller Generationen erreichbar, weil sie von ihm zusammengerufen wurde, weil sie von ihm mit dem Heiligen Geist gesalbt wurde, weil er sich mit ihr identifiziert.

Um so etwas überhaupt sagen zu dürfen, müssen wir die Frage klären, wie denn das Verhältnis zwischen Jesus und seiner Kirche sei. Damit kommen wir zum hl. Paulus, der in der zweiten Lesung (1Kor 12, 12-31a) etwas von seiner Lehre über die Kirche skizziert hat. Er selbst spricht in dem großen „Wir“ der Kirche, das uns den Zugang zu Jesus und seinem heilbringenden Wirken eröffnet: „Wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus. Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen... Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm." (1Kor 12,12-13.27)

Mit einem Wort: Die Kirche, wie Paulus sie versteht, ist weit mehr als eine Ansammlung von Menschen, mehr als ein Verein von Gleichgesinnten, mehr als eine soziologische Größe und mehr als eine gut durchdachte religiöse Organisation. Sie ist der mystische Leib Christi, der viele und verschiedene Glieder in eine Einheit mit Christus, dem Haupt, aufnimmt. Sie ist Christus selbst, der in ihr lebt und so auch heute und für alle Zeiten erfahrbar bleibt.

Dieser Blick des Apostels auf die Kirche ist etwas ganz anderes als das, was wir normalerweise über die Kirche lesen oder reden oder denken. Schon allein unsere Sprache verrät uns. Wenn ständig von „Amtskirche“, von „Basis“, von „Macht“, von„Reform“, vom „Einfluss“ usw. gesprochen wird, ist es klar, dass dieser tiefe Blick auf die Kirche als Geheimnis der Gegenwart Christi und als sein mystischer Leib unmöglich ist. Denn diese Begriffe – manche von ihnen auch grundsätzlich falsch und rein ideologisch (wie z.B. Amtskirche – die gibt es nicht... es gibt nur eine einzige Kirche) – sind nicht in der Lage in der Kirche mehr zu sehen als eine Organisation, in der es verschiedene Ebenen und Konflikte, Interessen und Allianzen gibt. Paulus aber zeigt uns heute, dass die Kirche eben nicht eine Organisation, sondern ein Organismus des Heiligen Geistes ist.

 

 

Was ist nun der Unterschied? In einer Organisation geht es um bestimmte Interessen, in ihr gibt es eine Ordnung, ein „Oben“ und ein „Unten“. In ihr ist es normal, dass die „unten“ weiter nach „oben“ kommen wollen, um ihren Einfluss zu vergrößern und so die eigenen Interessen besser verfolgen zu können. Eine Organisation kann man auswechseln und in einem anderen System dann wieder emporsteigen. Eine Organisation wird von vielen einzelnen Individuen gebildet und sie ist nicht viel mehr als Summe dieser Individuen. Streng genommen kann es unter Umständen für meine Interessen in einer Organisation günstig sein, dass andere Individuen benachteiligt werden, oder sich zurückziehen müssen, weil ich meinen eigenen Einfluss umso mehr ausbauen kann. Die Gemeinsamkeit innerhalb einer Organisation ist also eine pragmatische Größe, die gelegentlich die Einen gegen die Anderen stellen kann.

Ganz anders aber ist es mit einem Organismus. In einem Organismus geht es nicht darum, ob man „oben“ oder „unten“ ist, sondern darum, ob man den richtigen Platz, die richtige Aufgabe hat. In einem Organismus geht es nicht darum, ob man die eigenen Interessen durchsetzen kann, sondern darum, ob es allen Gliedern der Einheit gut geht. In einem Organismus kann nicht ein Teil gegen einen anderen ausgespielt sein, weil es nur dann allen gut geht, wenn es jedem gut geht. Die Verbindung in einem Organismus ist eine viel tiefere wie in einer Organisation, in der es ums Pragmatische geht, weil es beim Organismus eine existenzielle, lebensspendende Verbindung ist. So steht in einem Organismus die Einheit im Vordergrund, welche die Verschiedenheit der einzelnen Glieder nicht aufhebt, sondern belebt.

Die Kirche, wie sie sich mit guten biblischen Gründen selbst sieht, ist viel mehr Organismus als Organisation, auch wenn sie etwas an Organisation natürlich auch braucht. In ihr kann nicht das eine gegen das andere ausgespielt werden: die Laienchristen gegen die Priester, die Priester gegen die Bischöfe, die Bischöfe gegen den Papst, die sog. Liberalen gegen die sog. Konservativen, die Armen gegen die Reicheren... Diese Polarisierungen, wie wir sie heute weitgehend erleben und die eigentlich nichts anderes als eine Politisierung der Kirche sind,werden dem Wesen der Kirche nicht gerecht. Der Kirche geht es erst dann gut, wenn es allen ihren Gliedern in ihrer je eigenen Unterschiedlichkeit gut geht.

Gerade diese Unterschiedlichkeit hat Paulus heute so stark betont: „Nun aber hat Gott jedes einzelne Glied so in den Leib eingefügt, wie es seiner Absicht entsprach.“ (1Kor 12,18) Heutzutage wird uns oft – auch von verschiedenen innerkirchlichen Interessensgruppen – eigeredet, dass die Unterschiedlichkeit in der Kirche – die Unterschiedlichkeit zwischen Laien und Geweihten, zwischen Personen, die ihr Christsein in der Welt und in ihren Familien leben und denen, die, von Christus berufen, ihr ganzes Leben dem Dienst am Evangelium widmen, ein Problem ist, das bekämpft werden muss. Hinter diesen Gleichschaltungsbestrebungen verbirgt sich aber eine falsche egalitäre Ideologie, die auch in anderen Bereichen gegen das Leben selbst gerichtet ist.

Denn das Leben existiert nie als eine abstrakte Größe, sondern immer nur konkret und das heißt in verschiedenen Formen – ob es nun einem gefällt oder nicht: ein Leben als Mann oder Frau, ein Leben als Kind oder Erwachsener, ein Leben als Vater oder Mutter, ein Leben als Universitätsprofessorin oder Bauer... Das ist nicht schlecht, das ist normal und das ist gut! Wenn wir aus allen Professoren Bauern und aus allen Bauern Professoren machen wollten, würden wir bald nichts mehr zum Essen und nichts mehr zum Lesen haben...

 

 

Auch für die Kirche gilt: Wir sind verschieden, und doch Glieder eines geheimnisvollen Organismus. Wir haben in je eigener Weise Anteil an der Sendung des Sohnes Gottes in der Welt von heute, nämlich auch dem heutigen Menschen die Liebe Gottes durch unser Glaubenszeugnis zugänglich zu machen.Deswegen ist es wichtig, dass wir uns gegenseitig nicht bekämpfen, sondern mit Dankbarkeit unsere Unterschiedlichkeit annehmen und positiv ausleben.So wie ein nicht Geweihter der Eucharistie nicht vorstehen und amtlich das Wort Gottes nicht auslegen kann, so kann ein Priester am Abend nicht am Bett Ihrer Kinder sitzen, mit ihnen beten und ihnen die Schönheit des Lebens zeigen. Das kann nur die Mamma oder der Papa. Ist aber das Eine wichtiger oder edler als das Andere? Ich glaube nicht. Beides ist in je eigener und unterschiedlicher Weise die Fortsetzung der Sendung Christi, von der er heute im Evangelium gesprochen hat.

Ich weiß, dass man mit dieser paulinischen Theologie keine Schlagzeilen machen kann. Aber sie entspricht dem Wesen dessen, was die Kirche wirklich ist und sie führt uns in die Schönheit der Kirche ein, die mehr ist als eine Debattierrunde, mehr als demokratisches Spiel- oder Schlachtfeld, mehr als reine Organisation...

So lasst uns Paulus seine Fragen an uns richten und uns über die Verschiedenheit und doch eine Tiefe Einheit der Glieder des einen Leibes Christi freuen: „Sind etwa alle Apostel, alle Propheten, alle Lehrer? Haben alle die Kraft, Wunder zu tun? Besitzen alle die Gabe, Krankheiten zu heilen? [...] Strebt aber nach den höheren Gnadengaben!“ - Strebt nach der Liebe! (vgl. 1Kor 12,29-31f.)

 

 

2. Sonntag im Jahreskreis C

Der Weg zur eschatologischen Gemeinschaft mit Gott – wie Maria Fürsprecher sein

"Und die Mutter Jesu war dabei... Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen.“ Mit dieser schlichten, fast trockenen Feststellung beschreibt der Evangelist Johannes die Gegenwart Jesu und die Anwesenheit seiner Mutter bei der Hochzeit zu Kana. Dabei ist dieses Dabeisein der Beginn einer spannenden Geschichte. (Joh 2,1-11)

Immer wieder entdeckt man in der wohl bekannten Geschichte der Hochzeit zu Kana etwas Neues. Und immer wieder wird daraus eine konkrete Botschaft für unser Leben. Heute würde ich gerne auf Maria schauen, die so unauffällig und doch ganz stark in der Geschichte zu Kana präsent ist.

Es ist immer faszinierend Maria zu beobachten, wie sie mit Jesus spricht, mit ihm umgeht, wie sie auf ihn und seine Worte reagiert, welche Rolle ihr jeweils zukommt und wie sie diese Rolle erfüllt.

Heute in Kana ist sie die wahre Fürsprecherin. Das Gespräch zwischen ihr und ihrem Sohn zu verstehen ist für unsere Ohren gewiss nicht leicht: „Was willst du von mir, Frau?“ Oder in einer anderen Übersetzung: „Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau?“ (Joh 2,4) Wir müssen uns allerdings vor Augen führen, dass dieses Wort Jesu keine Frechheit gegenüber der eigenen Mutter ist, sondern vielmehr die Betonung ihres universalen Auftrags. Mit dem gleichen Wort „Frau“wird er sie vom Kreuz aus ansprechen, wenn er sie dem geliebten Jünger und ihr die ganze Kirche anvertrauen wird: „Frau, siehe, dein Sohn! – Siehe, deine Mutter.“(vgl. Joh 19,26-27) Das wird dann „seine Stunde“ sein, von der er heute sagt, dass sie noch nicht gekommen sei. In der Tat ist es die Stunde des Kreuzes, die Stunde der Verherrlichung durch Vater. Aber heute ist es noch nicht so weit... Deswegen weist er ihre Bitte scheinbar ab und weist sie auf ihren und seinen Auftrag hin.

Diese Abweisung ist allerdings viel mehr als nur eine Abweisung. Sie ist für Jesus vielmehr die nötige Vorbereitung für die Offenbarung seiner selbst. Wie wir verstehen, geht es in diesem Evangelium nicht um Wein und Wasser oder nur um eine gerettete Hochzeit. Es geht um viel mehr.

Denn nachdem Jesus klargestellt hat, dass dies noch nicht seine wahre Stunde, die Stunde des Kreuzes ist, kann er durch die Verwandlung von Wasser in Wein ein wahrhaft messianisches Zeichen setzten. Er rettet die Hochzeit – für die Bibel das Bild der Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch. Er bringt aus dem alltäglich Menschlichen des Wassers, das unabdingbar für das Leben selbst ist, die Freude der göttlichen Gemeinschaft im Symbol des Weines hervor,auf die hin der Mensch geschaffen ist und nach der sein Herz verlangt.

Zu all dem hat Jesus seine Mutter mit ihrem kurzen Satz bewogen: „Sie haben keinen Wein mehr.“ (Joh 2,3) In diesem Satz erweist sie sich als Fürsprecherin, bei der wir viel über unser Gebet, über unser eigenes Bitten lernen können.

Zuallererst sehen wir, dass sie diejenige ist, welche die Not der Menschen sieht.Sie weiß, was ihnen fehlt und macht ihren Sohn darauf aufmerksam. Wahrscheinlich nimmt sie die Not wahr noch bevor sie von den anderen überhaupt wahrgenommen wird... die Menschen haben zu dem Zeitpunkt noch nicht geahnt, dass der Wein bald ausgehen wird. Aber Maria weiß schon, was fehlt.

Zweitens ist ihre Bitte eigentlich nur ein Hinweis, kein Befehl und keine Aufforderung, ja keine richtige Bitte. Sie sagt nicht einmal, Jesus solle ihnen helfen... Sie sagt Jesus nicht, was er zu tun hat... sie macht ihn nur auf die noch unsichtbare und doch bereits vorhandene Not aufmerksam. Sie bringt diese Not der Menschen vor ihn hin. Und das genügt schon, weil sie fest darauf vertraut, dass er wohl am besten weiß, was nun zu tun ist.

 

 

Und schließlich verblüfft ihr abschließendes Wort, das eigentlich als Reaktion auf die Abweisung durch Jesus verstanden werden muss. Sie dreht sich um und sagt zu den Dienern: „Was er euch sagt, das tut.“ (Joh 2,5) Unglaublich diese Reaktion, diese Selbstverständlichkeit im Umgang mit Jesus, dieses Vertrauen, dass er wohl das Richtige tun werde. Sie hat ein so tiefes Verständnis seines Auftrags, dass sie den Menschen als Schlüssel lediglich den Gehorsam seinem Wort gegenüber mitgibt: „Was er euch sagt, das tut.“ Das genügt, mehr braucht es nicht.

Auf diese Weise, durch dieses Fürsprecherin-sein Marias wird der Weg für das messianische Zeichen geöffnet. Dank ihrer geduldigen Aufmerksamkeit kann Jesus das Wunder der freudigen Gemeinschaft mit Gott bewirken.

Maria ist hier Sinnbild und Urbild der Kirche und so auch unser eigenes Vorbild. Sie zeigt uns, was unsere Aufgabe in der Welt ist, nämlich Fürsprecherinnen und Fürsprecher für die Nöte der Menschen zu sein. Es ist unsere Aufgabe den heutigen Menschen, der Gott oft gar nicht mehr kennt und seine Welt auf den Allmächtigen hin zu öffnen, damit auch der Mensch von heute die Freude der Gemeinschaft mit Gott finden kann.

Auch wir sind wie Maria diejenigen, welche die Not der Menschen sehen sollten,oft noch bevor sie selber sie wahrnehmen. Damit ist nicht nur (natürlich auch) die materielle Not gemeint, sondern auch die vielen emotionalen und seelischen Nöte der Menschen: die Sehnsucht nach wahrer Liebe, welche nicht in Erfüllung geht, die Hoffnung auf Glück, das enttäuscht wird, weil der Mensch an falschen Stellen sucht und vor allem das Verlangen nach Sinn und nach Gott, welches im Herzen eines jeden Menschen vorhanden ist, auch wenn er vielleicht gerade gegen Gott kämpft. Wir sollen über diese Nöte des Menschen bescheid wissen und sie wahrnehmen.

Zweitens sollen wir die Nöte der Menschen persönlich und mit ihnen vor Gott tragen. Es wäre zu wenig nur von der Not zu wissen. Wir müssen versuchen sie zu heilen und vor allem sie vor Christus bringen. Dabei ist es wichtig, Gott nicht konkrete Vorgaben zu machen, was er zu tun hat, sondern ihn lediglich die Sorgen und Nöte vorzubringen. Er weiß doch viel besser als wir, was zu tun ist. Das ist aber schwer, weil wir doch immer besser wissen, was zu tun wäre... Unser Glaube zeigt sich allerdings darin, dass wir ihm und nicht uns freie Hand lassen, weil wir wissen, dass er besser weiß als wir, was die Menschen wirklich brauchen.

Und schließlich gilt auch für uns und unsere Mitmenschen in Not das Wort Marias:„Was Jesus euch sagt, das tut.“ Wenn wir die Not gesehen und vor Christus gebracht haben, sollen wir unsere Aufmerksamkeit seinem Wort widmen und sein Wirken in unserem Leben dadurch möglich machen, dass wir das tun, was sein Wort uns sagt. Das ist manchmal schwer, manchmal einfacher, aber immer spannend. Das öffnet unsere alltägliche Realität dem Geschenk seiner göttlichen Freude, die allein uns seine Gegenwart und seine Berührung schenken kann.

Das Ziel unseres Weges mit Gott ist nicht die Erfüllung aller irdischen Wünsche, sondern die erfüllende Freude der Gemeinschaft mit ihm – das Hochzeitsmahl des Lammes im ewigen Leben. Seien wir füreinander und für die heutigen Menschen gute Begleiter auf diesem Weg zur Erfüllung. Seien wir es dadurch, dass wir für uns und für sie Fürsprecher bei Gott werden nach dem Beispiel Marias.

 

 

Taufe des Herrn

Menschwerdung Gottes zu Weihnachten und unsere Kindswerdung in der Taufe

Es ist ein großer Schritt, denn die Liturgie in diesen Tagen innerlich wie äußerlich macht, eigentlich ein Sprung: vom kleinen, in Windeln gewickelten Kind in der Krippe hin zum erwachsenen, auf die öffentliche Bühne tretenden Mann, der sich im Jordan taufen lässt. Erst vor einer Woche haben wir die Weisen aus dem Morgenland bei ihrer Suche nach dem „neugeborenen König der Juden“ (Mt 2,2) begleitet und heute dürfen wir Johannes bei seiner wichtigen und vielsagenden Geste der Taufe des Herrn begleiten.

Vielleicht kommt uns dieser Sprung zu groß vor, um ihn nachzuvollziehen... vielleicht geht für uns dieser Weg zu schnell, um ihn wirklich wahrzunehmen. Und dennoch setzt die Liturgie heute, am letzten Tag der Weihnachtszeit, diesen großen Schritt nicht, weil sie nichts mehr zu den Ereignissen in Bethlehem zu sagen hätte, sondern, weil sie uns, um die es Gott in seinem Handeln bei der Geburt wie bei der Taufe seines Sohnes geht, damit ein Schlüssel zum Abschluss der Weihnachtstage geben will.

Auch wenn uns dieser Schritt am Ende der Festtage zu groß zu sein scheint, weist uns dadurch die Liturgie auf den inneren Sinn dessen, was wir in den letzten Tagen seit dem Heiligen Abend gefeiert haben.

Der Heilige Vater Benedikt XVI. hat es einmal so auf den Punkt gebracht: „Die Taufe verdeutlicht sehr gut den universalen Sinn der Weihnachtsfesttage, in denen das Thema der Gotteskindschaft durch das Kommen des eingeborenen Sohnes in unser Menschsein ein beherrschendes Element bildet. Er ist Mensch geworden,damit wir Kinder Gottes werden können. Gott wurde geboren, damit wir neu geboren werden können. Diese Begriffe kehren ständig in den liturgischen Texten der Weihnachtszeit wieder und bilden einen freudigen Anlass zum Nachdenken und zur Hoffnung.“ (Angelus, 10. Januar 2010)

Gott ist Mensch geworden! Der, den die Himmel nicht erfassen können, wurde ein kleines menschliches Kind, der nicht mehr als eine Futterkrippe der Tiere brauchte! Das war die frohe und unerwartete Botschaft von Weihnachten. Ganz logisch stellt sich nun die Frage: Warum hat Gott so gehandelt? Warum hat er diesen Weg gewählt? Warum wurde der große Gott ein kleines Kind?

Die Antwort der Hl. Schrift und der Kirchenväter ist eindeutig: Gott ist Menschgeworden, damit wir Kinder Gottes werden können: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.“ (Joh 1,12) So wurde es uns in der Messe am Weihnachtstag verkündet.

Mit anderen Worten: Gott wurde Kind, damit wir Kinder werden können.Sakramental, also mit dem Blick auf die Sakramente, gesprochen: Gott wurde geboren, damit wir neugeboren werden können – also damit er uns in der Taufe die Gotteskindschaft und in ihr den Zugang zu ihm und den Himmel schenken kann.

So sehen wir, dass wir, wenn wir über das Weihnachtsgeheimnis nachsinnen, bei unserer eigenen Taufe ankommen. In ihr sind wir Kinder Gottes geworden, sie ist der sichtbare Ausdruck unserer Teilnahme am Geheimnis dessen, was zu Weihnachten zu unserem Heil geschehen ist. In ihr erschließt sich für Menschen jeder Zeit – also auch für Menschen unserer Zeit – der Grund und das Geheimnis des Weihnachtsgeschehens. Die Taufe macht in unserem Leben aus dem Vergangenen der zweitausend Jahre konkrete Gegenwart unseres Heute: Gott ist vor zweitausend Jahren Mensch geworden, damit wir heute seine Kinder sein können. Gott wurde vor zweitausend Jahren in Bethlehem von einer Jungfrau geboren, damit wir heute aus Wasser und Heiligem Geist neu geboren werden können.

In dieser Perspektive verstehen wir wohl sehr gut, dass am Ende der Weihnachtstage das Fest der Taufe des Herrn steht, das uns den großen Sprung vom Stall zu Bethlehem hin zum Wasser des Jordanflusses vermittelt, mehr noch, den Sprung vom Palästina hin nach Seeham, vom ersten Jahrhundert hin ins einundzwanzigste.

 

 

Im Moment, in dem uns bewusst wird, dass die Geburt Gottes in Bethlehem mit unserer Neugeburt in Seeham zu tun hat, dass Weihnachten mit unserer Taufe, dass göttliche Menschwerdung mit unserer Kindswerdung Gottes zu tun hat, finden wir uns vor der Frage wieder, ob und wie wir unsere Gotteskindschaft leben.

Sind wir uns im konkreten Leben unserer Würde als Kinder des Allmächtigen bewusst? Leben wir dieser Würde entsprechend? Ist unsere eigene Gotteskindschaft für uns überhaupt ein Begriff? Und wollen wir seine Kinder sein oder kommt es uns unwichtig vor? Sind wir uns dessen bewusst, dass wir, wenn wir keinen Anteil am göttlichen Leben hätten, nur hoffnungslose Existenzen wären? Wissen wir, dass gerade in der Tatsache unserer Gotteskindschaft, also im Geschenk unserer Taufe, die unzerstörbare Hoffnung unseres Glaubens besteht? Wissen wir, dass wir gerade als Gottes Kinder Hoffnung auf Vollendung, auf Ewigkeit, auf Himmel haben?

Ja, das Fest der Taufe des Herrn stellt uns zum Abschluss der Weihnachtsfeiertage unsere eigene – uns unverdient von Gott geschenkte – Würde vor Augen. Sie – meine und deine Gotteskindschaft – ist der Grund des einstigen Kommens Gottes. Sie, unsere Neugeburt ist der Grund der Geburt Gottes in Bethlehem.

Freuen wir uns heute noch einmal und dankbar über die Geburt Gottes und über unsere Gotteskindschaft. Und sagen wir erneut zu unserem Gott: Vater, ich will dein Kind sein – deine Tochter / dein Sohn. Danke, dass ich es darf.

 

 

Erscheinung des Herrn

Gott suchen, Zeichen sehen und im richtigen Kontext auslegen

Kurz vor Weihnachten habe ich ein nettes Erlebnis gehabt. Unsere Kinder, die gerade vor der Kirchenkrippe auf ihre Probe für die Kinderweihnachtsfeier gewartet hatten, riefen ganz aufgeregt auf mich: „Herr Pfarrer, Herr Pfarrer, da ist doch ein Fehler drin...“ „Was denn?“ fragte ich sie. „Die heiligen Drei Könige... die heiligen Drei Könige sind sechs...“ Da habe ich zuerst selber schauen müssen und festgestellt, dass es in der Tat so ausschaut...

Obwohl: es muss nicht einmal ein richtiger Fehler sein... Denn wenn wir ins Evangelium (Mt 2,1-12) hineinschauen, werden wir feststellen müssen, dass hier nicht von drei Königen die Rede ist. Die Zahl drei kommt lediglich von den Gaben, die diese Magier – οἱ μάγοι – dem Neugeborenen gebracht haben: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und es waren königliche Gaben. Daher also "Drei Könige". Od drei oder sechs, ob Könige oder Weise, die eigentliche Botschaft ist natürlich eine andere, viel wichtigere. Die Magier im Evangelium sind vor allem große Gottsucher, die sich auf den Weg gemacht haben. Sie stehen stellvertretend für alle, die in ihrem Leben Gott suchen.

Wer waren nun diese Männer aus dem Land des Sonnenaufgangs – und reden wir ruhig mit der Tradition von drei und von Königen? Im Evangelium werden sie μάγοι genannt – Magier, Sterndeuter. Wie der Heilige Vater in seinem neusten Jesusbuch schreibt, habe der Begriff μάγοι „in den in Frage kommenden Quellen eine erhebliche Bedeutungsbreite, die vom ganz Positiven bis ins ganz Negative hineinreicht“. (S. 101f.) Die erste, wichtigste und wahrscheinlichste Variante sieht in den Magiern Angehörige der persischen Priesterkaste. Als hochgebildete Männer werden diese von manchen Autoren sogar als Lehrer von antiken Philosophen dargestellt.

Als eine Art Philosophen der alten Welt waren sie vor allem eines: Fragende und Suchende. Und das ist in der Tat das erste, was im Evangelium auffällt: die Drei Heiligen Könige sind vor allem eines: große Gottsucher.

Sie suchen in ihrem Leben nach dem größten Geheimnis der Welt – nach Gott. Sie fragen danach, wie es mit diesem Geheimnis wirklich ist. Und diese ihre Suche und ihr Fragen drängt sie auf den Weg, so dass sie aufbrechen und in ein fernes Land reisen. Sie bleiben nicht sitzen. Sie wählen für sich nicht den leichteren und viel bequemeren Weg des Ausweichens, des Aus-dem-Weg-Gehens vor dieser Frage. Sie verbieten sich nicht das Fragen als belanglos und versuchen dieser übergroßen Frage, die sie allesamt weit übersteigt, nicht auszuweichen, sondern suchen und fragen... und stehen auf und machen sich auf den Weg. Sie sind also große und aktive Gottsucher.

Weiter sehen wir, dass Gott auf diese ihre Suche antwortet, indem er ihnen ein Zeichen gibt, das Zeichen des Sternes. (vgl. Mt 2,2) Der Stern ist interessant, denn er ist ein Zeichen aus einem der Bereiche, mit denen sie vertraut sind, ein für sie verständliches Zeichen. Denn als Magier und persische Priester sind sie mit der Welt der Sterne sehr wohl vertraut. Und dieses Zeichen wird am Höhepunkt der Geschichte durch ein anderes abgelöst und vertieft, nämlich durch das Zeichen des Kindes. In diesem Moment begegnen sie, die Weisen und Hochgebildeten, der einfachen Welt der Hirten, die Gott in der Weihnachtsnacht gerade im Zeichen des Neugeborenen erkannt haben. Auch dieses Zeichen verstehen sie – nicht nur als Weise, als Sterndeuter, als persische Priester, sondern als Menschen...

Gott gibt den Gottsuchenden also nicht ein Zeichen, das szs. aus einer völlig anderen Welt kommen würde, sondern ein Zeichen, das ihnen thematisch und von ihrem Denken her als Philosophen, Sterndeuter und als Menschen vertraut und zugänglich ist.

 

 

Und schließlich sehen wir in der Geschichte der Heiligen Könige, dass ihre eigene so hohe Erkenntnis doch allein nicht ausreicht, um das ihnen vertraute Zeichen richtig zu deuten und das Ziel der Suche zu erreichen. Sie kommen nach Jerusalem und müssen dort nach dem Neugeborenen fragen... Es müssen die Hohenpriester und die Schriftgelehrten des Volkes geholt werden, um ihnen zu helfen. (vgl. Mt 2,2f.) Erst diese weisen ihnen den Weg nach Bethlehem. Die Magier sind in ihrer Weisheit auf diese Hilfe der Schriftexperten angewiesen. Und es sind die jüdischen Priester und Schriftkenner, die ihnen durch ihre Kenntnis der jüdischen Schriften und des richtigen Verständnisschlüssels, die ihnen weiterhelfen und den Weg zum Ziel weisen. Die hochgebildeten Männer aus dem Land des Sonnenaufgangs brauchen Menschen, die ihnen helfen, das ihnen gegebene Zeichen im Kontext der Geschichte und der Verheißungen auszulegen, also nicht nur der gegenwärtigen Zeit und ihrer eigenen Weisheit, sondern im Kontext der Geschichte, der Schrift und des gesamten Heilsweges.

Die Heiligen Drei μάγοι und ihre Geschichte sind uns, Menschen von heute, eine große Inspiration.

Sie ermutigen uns dazu, nach dem größten aller Geheimnisse zu fragen, sich nicht mit dem bequemen und heutzutage so modernen Weg der Agnostiker zufrieden zu gehen, die sagen, dass die Frage nach Gott so groß sei, dass man sie als zu groß – und das heißt auch irrelevant – aus dem Weg schaffen könne... Nein, wir sind aufgefordert, leidenschaftlich dieser größten aller Fragen nachzugehen, uns das Fragen nicht zu verbieten und nicht sitzen zu bleiben, sondern aufstehen und Gott suchen – immer und immer wieder.

Auf dem Weg der Gottessuche dürfen wir auch darauf vertrauen, dass Gott uns verständliche Zeichen schenkt. Es wird vielleicht nicht mehr das Zeichen des Sternes sein, aber es sind viele andere, einleuchtende Zeichen. Es ist durchausdas Zeichen der Natur und ihrer Schönheit und Komplexität, das uns auf das Geheimnis Gottes hinweist. Es ist das Zeichen des Menschen, des Menschenlebens und der Menschenliebe, das uns an die Quelle dieser wichtigsten aller Energien denken lässt. Und es sind viele andere Zeichen, die Gott nur uns persönlich auf unserem Lebensweg schenkt, die uns aber, wenn wir sie richtig verstehen und deuten, zu ihm führen.

Und schließlich erkennen wir auch, dass wir diese Zeichen nicht allein richtig deuten können, sondern dass wir an die Hilfe der Heiligen Schriften und der lebendigen Tradition der Kirche angewiesen sind. In der Tat: erst in der Gemeinschaft der Kirche, welche das lebendige Wort Gottes durch die Jahrhunderte hindurch in ihrem Schoß trägt, sind wir in der Lage, die verschiedenen Zeichen auf das Ziel hin, auf Gott und seinen Willen hin zu deuten. Allein verlaufen wir uns immer wieder und sind nicht in der Lage unser Leben im großen Kontext der Heilsgeschichte zu sehen. Die Kirche mit ihrem durch die Jahrhunderte bewährten Erfahrungsschatz hilf uns, unsere Erfahrungen und die verschiedenen Zeichen richtig zu lesen und zu deuten.

Es freut mich sehr, dass unsere Kinder sich Gedanken machen, ob in unserer Krippe alles in Ordnung ist. Denn es heißt, dass sie schon zu Nachfolgern der Heiligen Drei Könige geworden sind und mutig fragen und suchen.

Mögen wir alle und immer leidenschaftliche Gottsucher sein, die mit offenen Augen die Zeichen Gottes in ihrem eigenen Leben erkennen und diese im richtigen Kontext der Schrift und der ganzen Heilsgeschichte auslegen und so die ganze Kirche für die Welt in uns und durch uns zu Trägerin des Lichtes werden kann.