Februar 2013

3. Fastenpredigt

Liturgie als von Gott selbst geschenkte Antwort des Menschen auf seine Liebe

Bei unserem Bemühen um ein tieferes Verständnis der Liturgie haben wir bereits den Zusammenhang zwischen Glaube und Liturgie gesehen, dass nämlich die Liturgie ohne den Glauben nur ein leerer Ritual, ein unwirkliches Spiel wäre und gar nicht sie selbst sein könnte, dass der Glaube die erste Voraussetzung für die Liturgie ist.

Umgekehrt haben wir entdeckt, dass der Glaube die Liturgie braucht, um mehr zu sein als eine intellektuelle Kopfbeschäftigung oder bloße Lehre. So ein Glaube wäre ein totgeborenes Kind, da er nur um die menschliche Vernunft kreiste und nicht in der Lage wäre, in das Innere der Offenbarung, also aus dem Eigenen, aus dem Unsrigen, Begrenzten heraus in das Göttliche, in das Seinige, in das Absolute hinein vorzudringen.

Der Weg zur Erneuerung des Glaubens führt über die Erneuerung der Liturgie, weil sie die Innenseite, das Eigentliche des Glaubens ist, weil sie die direkte Berührung des göttlichen Geheimnisses bedeutet, weil sie den Glauben durch Gotteserfahrung nährt.

Dann haben wir gesehen, dass die Liturgie nicht nur mit dem Sichtbaren, mit dem, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können zu tun hat. Vielmehr ist sieTeilhabe an dem, was im Himmel schon vollkommene Realität ist: am Lobpreis Gottes. Anders gesagt: unsere irdische Liturgie ist zugleich eine himmlische, weil sie den Himmel öffnet und uns direkt in die Gegenwart Gottes versetzt, weil sie aus den Fäden des Offenbarungsschatzes gewoben ist.

Deswegen wird sie in der Ostkirche „göttliche Liturgie“ genannt und das Wort„Gottesdienst“, das eher aus dem protestantischen Gedankengut entspringt und den Gedanken menschlichen Dienens, ja „Machens“ für Gott, einer menschlichen Leistung in sich trägt, tunlichst vermieden. Die Liturgie ist kein menschliches„Machen“, keine „Leistung“; sie ist Opus Dei – Gottes Werk und Gottes Geschenk - oder ist sie nicht.

Genau diese Dimension der Liturgie wollen wir heute betrachten. Wir beginnen mit der Frage, ob der Mensch überhaupt so etwas wie „Kult“, wie Liturgie braucht. Zur Vereinfachung können wir diese zwei Begriffe heute als Synonyme behandeln. Bei dem heute eher weniger verwendeten Wort „Kult“ fällt zuallererst die offensichtliche Verwandtschaft mit einem anderen Terminus, nämlich dem der „Kultur“. Für uns ist die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes wichtig, nicht die übertragene, wenn über „politische Kultur“ oder über „Lebenskultur“ gesprochen wird. Ursprünglich aber ist die Kultur das schöpferische Tun, das so ganz anders ist als das Alltägliche und gerade so die tieferen Zusammenhänge und das Wesen des Lebens zum Ausdruck bringen kann und über das aufs Erste Wahrnehmbare hinausgeht. Die Kultur führt den Menschen über sich selbst hinaus, in die Tiefe des Seins hinein, in die Höhe der Schönheit hinauf. Die Kultur will sich selbst übersteigen, transzendieren.

Diese Ambition der Kultur aber stammt vom ihrem älteren Verwandten, vom Kult, der den Menschen nicht nur über das Sichtbare hinaus, sondern dadurch und gerade so in das Geheimnis schlechthin, zu Gott selbst führen will. Die Liturgie muss also sich selbst überschreiten, sie muss imstande sein, den Menschen in die Nähe Gottes zu führen, ihm die Begegnung mit Gott selbst zu ermöglichen, den Menschen eben nicht nur bei dem, was er selbst mit seinen Fähigkeiten entdecken kann, lassen, sondern ihn immer höher und immer tiefer führen, ihn über das Alltägliche hinaus schauen lassen und gerade so sein Leben bereichern.

Deswegen darf die Liturgie nie banal werden, sie darf nie die Sprache der Straße sprechen, nie nur den Dreck des Alltags wiederkauen, sondern den menschlichen Geist emporsteigen lassen, über das Mögliche, über das Denkbare, über das Sichtbare, über das Vorstellbare hinaus. In diesem Sinne muss die Liturgie eine „göttliche“ sein, weil sie den Menschen mit dem Göttlichen und nicht mit dem Alltäglichen in Berührung bringt.

 

 

Der heutige Mensch braucht diese göttliche Dimension der Liturgie dringend.Er, der an der Beschäftigung mit sich selber leidet, er, der sich nicht wagt, das Große und das Schöne zu suchen, weil er dafür seinen Egozentrismus ablegen und Schritte aus dem Eigenen heraus machen müsste, er, der aber zugleich tief in seinem Herzen eine unüberwindbare Sehnsucht nach eben dieser Größe und Schönheit verspürt, er kann durch die Wahrhaftigkeit der Liturgie, durch ihre göttliche Dimension, geheilt werden.

Hiermit berühren wir das Besondere der christlichen Liturgie, des christlichen Kultes. Denn wie wir wissen, hat jede Religion einen Kult, ein kultisches Tun, welches das Göttliche zu erreichen bemüht ist. Der Mensch will Zeichen setzten, weil er sich vor der Gottheit weiß.

Die christliche Liturgie aber ist nicht eine Aktivität, ein Tun, ein Bemühen des Menschen, sein Suchen nach dem Unaussprechlichen. Sie ist nicht der erste Schritt. Nein, sie ist eine Antwort auf das, was zuallererst kommt – auf das Tun Gottes, auf die Offenbarung. Die christliche Liturgie tappt also nicht im Ungewissen des „Vielleicht“ herum, sondern gründet auf dem Festen Grund des Handelns Gottes. Joseph Ratzinger hat es in seinem berühmten Buch ‚Der Geist der Liturgie’ noch als Kardinal auf den Punkt gebracht, wenn er schreibt: „Gott hat ein Recht auf die Antwort des Menschen, auf den Menschen selbst und wo dieses Recht Gottes gänzlich verschwindet, löst sich auch die menschliche Rechtsordnung auf, weil ihr der Eckstein fehlt, der das Ganze zusammenhält.“ (S. 16)

Die Antwort des Menschen auf Gott durch die Liturgie ist sicher seine eigene: Er antwortet mit all dem, was er hat und was er ist: mit seinem Leib und seiner Seele, mit seinem Schweigen und seinem Singen, mit seinem Hören und seinem Sprechen. Das Besondere der christlichen Liturgie aber besteht darin, dass sie weiß, dass auch diese Antwort des Menschen Gottes Geschenk ist – dass er rein gar nichts zurückgeben könnte, wenn er nicht von Gott dazu befähigt wäre.

Wir sehen es sehr schön in der Struktur des Wortgottesdienstes bei der hl. Messe, der diese Dynamik des Handeln Gottes mit unserer Antwort, die aber zugleich Gott geschenkt ist, in sich trägt. Da hören wir zuerst dem Wort Gottes in der Lesung zu: Gott spricht. Und weil er gesprochen hat er ein Recht auf die Antwort des Menschen. So antworten wir auf das Gehörte im darauf folgenden Psalm, der unsere Antwort und Gottes Wort zugleich ist. Deswegen ist es nicht in Ordnung, dass in den meisten Kirchen Österreichs nach der Lesung nicht der Psalm, sondern irgendein Lied gesungen wird.

In den Psalmen begegnen wir dem ganzen Erfahrungsschatz des menschlichen Lebens: nichts Menschliches ist ihnen fremd. In ihnen wird die Erfahrung der Freude und der Resignation, der Verfolgung und des Sieges, des Fragens und der Geborgenheit ausgedrückt. Sie sind also eine besondere Antwort auf das Handeln Gottes: durch das Vertiefen in das Menschliche der Psalmen hinein, das aber zugleich Gott geschenkt ist, machen wir uns ihren Horizont zu eigen und können Gott am besten antworten – mit seinem eigenen Wort. Das genau war auch die Art Jesu, der auch noch am Kreuz nicht mit eigenen Worten auf die Situation antwortet, sondern mit einem Psalm. Er betet den Psalm 22: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (...) Von Geburt an bin ich geworfen auf dich, vom Mutterleib an bist du mein Gott. (...) Du, aber, Herr, halte dich nicht fern! Du, meine Stärke, eil mir zu Hilfe!“ (Ps 22, 1.11.20)

So lernen wir in der Liturgie so zu antworten, wie es der Herr selbst getan hat und wie es am besten dem Handeln Gottes entspricht: auf die Liebe Gottes mit seinem eigenen Wort zu antworten, das zu unseren ganz eigenen Wort geworden ist.

 

 

Nun zum Schluss noch ein letzter Gedanke. Ich habe gesagt, dass die Liturgie nie banal werden, nie einfach die Sprache der Straße sprechen darf... Vielleicht könnten Sie fragen, wo dann das Leben des Menschen in der Liturgie überhaupt seinen Platz hat? Ja, wir können fragen: Wird sie dadurch, dass sie eine göttliche Liturgie ist, nicht eine die Wirklichkeit des Menschen nicht berührende, ja lebenslose Liturgie – und so auf eine neue, ja tragische Weise, wieder banal, irrelevant werden?

Wenn das so passieren würde, würde es in der Tat tragisch sein. Die Liturgie nimmt das menschliche Leben mit seinen Erfahrungen aber auf eine andere Art und Weise wahr – nämlich, in dem sie ihn einlädt, in ihr Inneres einzutreten, selbst ein Teil des Gotteslobes zu werden, etwas von seinem Eigenen auf den Altar zu legen und sich ihren Horizont zu eigen zu machen. Die Liturgie berührt das Leben des Menschen also nicht auf eine simple Art, indem sie ganz zum Alltag wird, indem sie einfach das wiederholt, was draußen vor sich geht, sondern dadurch, dass sie in ihrem göttlichen Lobpreis – besonders durch die Psalmen – Platz Macht für den Menschen mit seinen Erlebnissen, Erfahrungen und Fragen, mit seinen Freuden und Leiden.

Sie sagt ihm: Nimm all das auf den Weg des Lobpreises mit und lass dich auf meine Dynamik ein, lass dich von mir in die Tiefe führen, schenke dein ganzes Leben – eben mit all dem, was es ausmacht – bewusst dem, dem es vom Anfang an gehört, deinem Schöpfer und Erlöser.

Auf diese Weise kann dann durch die Liturgie und in ihr wahr werden, was der hl. Irenäus einst gesagt hat: „Die Herrlichkeit Gottes ist der lebende Mensch, das Leben des Menschen aber ist es, Gott zu sehen.“ (Der Geist der Liturgie, S. 15)

 

 

Dankmesse für den Heiligen Vater

Benedikt XVI.: was bleibt?

Eigentlich wenig Neues... In den Zeitungsartikeln und Fernsehsendungen dieser Tage wird das durch eine ideologische Brille verzehrte und bereits tausend Mal gesagte über Joseph Ratzinger einfach wiederholt. Man könnte mit den vielen negativen Namen anfangen, welche Papst Benedikt schon vor seiner Papstwahl bekommen hat und die vor allem von den deutschsprachigen Medien gerne immer noch serviert werden: „Rotweiler Gottes“, „Panzerkardinal“, u.a. Sein einstiger Kollege und Freund Hans Küng hat ihm – wahrscheinlich weil er in ihm sein eigenes Spiegelbild zu sehen meint – immer wieder vorgeworfen ein„Machtmensch“ zu sein – und das nur, weil er anders denkt und die Lösung der Probleme der Kirche anderswo sieht als der mediale „Gegenpapst“, Prof. Küng. Diese Vorurteile hat das Wirken Benedikts in den Jahren des Pontifikats als lächerlich, manchmal boshaft entlarvt. Wer offene Augen hat, muss es heute schon sehen.

In der weltweiten Kirche hat Joseph Ratzinger aber auch andere, sehr positive Namen bekommen, wie z.B. „Mozart der Theologie“ oder „der größte Kirchenlehrer auf dem Stuhl Petri seit der Antike“ usw.

Wer ist nun dieser Mensch, Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI.? Und was bleibt von seinem Pontifikat, das so unerwartet und abrupt in der kommenden Woche mit einer Geste der Demut, des Nicht-Macht-haben-wollens sein Ende findet? Ich will hier nun keinen Vortrag über Leben und Denken Joseph Ratzingers halten – dazu ist eine Predigt nun wirklich nicht geeignet. Am Montag in einer Woche werden wir die Möglichkeit haben darüber mehr ins Gespräch zu kommen.

Sehr wohl ist es aber angebracht, dass wir bei dieser Messe, bei der wir für die fast acht Jahre des deutschen Pontifikats danken wollen, uns der Botschaft dieses alten Mannes in weiß zuwenden. Es werden nur einige wenige Stichworte sein, die ich hier nennen kann, doch, so scheint es mir, werden sie das Wesentliche und Bleibende und vor allem das Inspirierende dieser Zeit benennen. Es gäbe so viel zu sagen, Brüder und Schwestern! Ich werde mich bemühen, mich nur auf das Wichtigste zu konzentrieren. Es können trotzdem viele Gedanken werden, so dass Sie sich alle gar nicht merken können. Wenn Sie sich nur einen Gedanken mit nach Hause nehmen, wäre es sehr schön.

Jeder, der ein wenig das Denken Benedikts kennt weiß, dass er in seinem Denken, wie in seinem Leben immer die Priorität Gottes betonte. Was heißt das? Er will uns sagen: Lasst Gott in eurem Leben wirklich Gott sein, macht ihn nicht zum Sklaven eurer Erwartungen und Wünsche! Nicht, weil es für Gott wichtig wäre – er kann auch ohne unsere Anerkennung gut auskommen –, sondern weil es für uns Menschen wichtig ist, weil wir Gott brauchen, den wahren Gott und nicht seine machtlose, sterile Karikatur.

Und das heißt auch: Wenn Gott wirklich Gott ist, also die Voraussetzung für alles, der Grund unserer Existenz, die Quelle des Lebens, der Ausgangspunkt und das Ziel von allem, dann hat er in allem den Vorrang. Diese Priorität Gottes muss dann auch in unserem Leben und Denken sichtbar werden, in dem wir uns demütig auf ihn hin öffnen. Wahre Demut, welche Papst Benedikt vor allem im persönlichen Umgang so sympathisch macht, macht den Menschen nicht klein, sondern groß, weil sie ihn selbst als das, was er wirklich ist – als ein auf Gott angewiesenes Geschöpf und nicht als Herr und als falsche Gottheit – erscheinen lässt.

Diese natürliche Demut muss in allem sichtbar werden: in unserer Feier der Liturgie, in der Gott und sein Lob und nicht wir selbst und unsere Wünsche ins Zentrum rücken muss, in der Theologie, welche Gott nicht als bloßes Subjekt, sondern als Grund und alles übersteigendes Geheimnis annehmen muss.

 

 

Glaube und Vernunft sind für Papst Benedikt keine Konkurrenten, sondern zwei Flügel, die einander brauchen und erst miteinander dem Menschen auf die Höhe der Wahrheit bringen. Wie kein anderer Pontifex vor ihm hat er betont: Der Glaube brauche das Korrektiv der menschlichen Vernunft, damit er nicht an Fanatismus erkranke und die menschliche Vernunft brauche den Glauben, damit sie nicht einen Betonbau ohne Fenster für das, was sie übersteigt, errichte und so den Menschen ins Gefängnis des eigenen Egozentrismus verschließe.

Joseph Ratzinger hat immer schon – auch als Theologieprofessor – einen tiefen Respekt vor dem Glauben einfacher Menschen gehabt und diesen oft gegen die überhebliche Kritik der akademischen Eliten verteidigt. In einer Zeit, in der es mitunter ausschaut, dass man zum Bibellesen und zum Glauben einen akademischen Abschluss braucht – weil alles durch Exegese, Geschichte und Theologie ja so kompliziert zu sein scheint, hat er betont, dass der Glaube an Gott, der in der Offenbarung menschliches Gesicht angenommen hat, allen Menschen zugänglich ist, weil er keine intellektuelle Glanzleistung, sondern eine existenzielle Beziehung ist: einfach und tief.

Das hat er immer wieder mit dem Begriff „Freundschaft mit Christus“ auf den Punkt gebracht. Schon bei seiner Amtseinführung – und dann immer wieder – hat er vor allem junge Menschen zur Freundschaft mit Christus eingeladen. Darin sieht er auch die Größe und die Schönheit des Menschen: „Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes. Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht. Es gibt nichts Schöneres, als vom Evangelium, von Christus gefunden zu werden. Es gibt nichts Schöneres, als ihn zu kennen und anderen die Freundschaft mit ihm zu schenken.“ (24. April 2005)

In dieser Logik, die von Innen her, von der Beziehung her denkt, versteht er auchdie Kirche, die für ihn mehr als eine soziologische Größe ist. Ihre Lage ist nicht mit Umfragen nach den Wünschen ihrer Mitglieder festzustellen. Vielmehr ist sie das Geheimnis der Begegnung zwischen Gott und Mensch, ein lebendiger Organismus, in dem es verschiedene Aufgaben und Dienste gibt, die jedoch alle aus der einen Quelle Gottes leben und durch ihre je eigene Lebensform Zeugnis von der einen Liebe Gottes zur Welt ablegen. Die Kirche sei nicht ein Produkt von Menschen, sondern Gottes Schöpfung und müsse sich immer in der Kontinuität ihrer Geschichte auf den Ursprung zurückbesinnen, um ihre eigene Identität zu finden. Man dürfe sie also nicht nach unserem Gutdünken verändern. Der Dienst des Papstes sei so wesentlich ein Dienst an der Treue zum Ursprung.

Zugleich betont der Heilige Vater aber immer wieder, dass die Kirche eine„Ecclesia semper purificanda“ ist – eine Kirche, die sich ständig erneuern, reinigen muss. Er weiß nun all zu gut auch über die dunklen Seiten der Kirchengemeinschaft und hat schon als Präfekt der Glaubenskongregation dafür gekämpft, dass die Fehlentwicklungen bekämpft und nicht vertuscht werden. Es ist eine traurige Ironie der Geschichte, dass Papst Benedikt die verabscheuungswürdigen Missbrauchsfälle angekreidet werden, wo er doch seit Jahrzehnten eine Null-Toleranz dieser Delikte in der Kirche versucht zu durchsetzen.

Der Papst wird nicht müde zu betonen, dass die größte Gefahr für die Kirche nicht von Außen, sondern von Innen kommt, von ihrem Herzen, von unserem Versagen, von unseren Sünden und von unserer Untreue – von Priestern und Gläubigen: Wir seien es, die das Gesicht der Kirche immer wieder verunstalten. Bei seiner letzten Predigt hat er noch einmal die „Sünden gegen die Einheit der Kirche, die Spaltungen im Leib der Kirche“ (13. Februar 2013) beklagt. Wie aktuell für uns in Österreich, besonders für uns, österreichische Priester!

 

 

Dies sind nur einige wenige Gedanken, welche dieser Papst der Kirche geschenkt hat. Denken wir noch an die großartige und stets hochaktuelle und doch sehr spirituelle Auslegung der Bibeltexte in seinen Predigten und Ansprachen, denken wir an seine Begegnungen mit der akademischen Welt, mit den getrennten Christen, mit anderen Religionen, usw. Seine Worte sind ein so großer Reichtum, dass man lange brauchen wird, um sie zu rezipieren.

Wie war also diese Zeit, die Zeit der sieben Pontifikatsjahre Papst Benedikt XVI.? Ich glaube, es war eine Zeit der Gnade und der Vertiefung, eine Zeit der Verwesentlichung des Glaubens, eine Zeit der Reinigung und der Erneuerung der Kirche.

Leider war es aber auch – gerade in der deutschsprachigen Kirche – eine Zeit der Taubheit, eine Zeit des In-Sich-Verschlossen-Bleibens, eine Zeit des Nicht-Mitgehen-Wollens. Ja, leider war es auch eine Zeit des vertieften Egozentrismus, in der wir, Christen aus reichen Ländern der Kirchensteuersysteme, nur unsere uralte Pseudoreformagenda betont und etwas überheblich auf die anderen Teile der Weltkirche als zu einfach geschaut haben. Ja, es war auch eine Zeit der Prüfung und der Unterscheidung der Geister. Und leider war es bei uns auch eine Zeit des Ungehorsams und der Ablehnung: viel zu wenig haben wir dem zugehört, der als guter Hirte selbst ein Meister des Zuhörens war.

Ähnliches müssen wir leider auch manchen in der römischen Kurie vorwerfen. Auch sie haben dem Papst nicht wirklich zugehört, als er von der Ohnmacht der Liebe und von der Offenheit auf den demütigen Gott hin gesprochen hat, während sie hinter seinem Rücken weiter ihre kleinen wie großen Machtspiele gespielt haben. In diesem Punkt sind sie den Ungehorsamen von uns gleich – auch sie glauben nicht zuhören zu müssen, weil sie sich selbst ganz unverschämt für Experten halten, was aber nur tragische Folgen haben kann – da wie dort.

Was bleibt also von diesem Pontifikat? Sehr viel, glaube ich. Es bleibt zuallererstdas Beispiel des weisen, treuen und vor allem demütigen Hirten, der im Glauben seiner Herde vorangeht und sie zu frischen Wassern des Wortes Gottes führt. Mit seiner Demut hat Papst Benedikt für alle in der Kirche Maßstäbe gesetzt. Wir alle, die wir eine Verantwortung in der Kirche tragen, müssen uns fragen, was uns motiviert – ob es eine glühende Liebe zu Christus ist, oder unser eigener Geltungsdrang. „Wir alle“ heißt: Kardinäle, Bischöfe, Priester, hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Laienchristen... alle.

Es bleibt – zweitens – die Aufgabe den Glauben zu vertiefen, seine Inhalte immer besser zu verstehen, nicht zufrieden zu sein mit einem „Christentum light“oder mit einer leeren, unwirklichen, vernunftlosen Frömmigkeit, mit einem selbstzusammengezimmerten Glauben oder mit einem viel zu einfachen Weg der Ghettoisierung unter Gleichgesinnten. Es bleibt die Aufgabe unseren Glauben zur Sprache zu bringen überall dort, wo der Herr uns hingestellt hat, ihn dialogfähig zu machen, indem man über die tieferen Gründe für den Glauben, aber auch über die Vorwürfe der Kritiker nachdenkt. Es bleibt die Aufgabe die wahre Tiefe des Glaubens neu zu erfassen, das Schweigen vor dem Geheimnis neu zu erlernen und das Schweigen Gottes in unserer Zeit auszuhalten, denn, wie einst Joseph Ratzinger schrieb: „Wir brauchen die Gottesfinsternis, wir brauchen das Schweigen Gottes, um wieder den Abgrund seiner Größe zu erfahren, den Abgrund unserer Nichtigkeit, der sich auftun würde, wenn er nicht wäre.“ (Meditationen zum Karsamstag 1969)

Und nicht zuletzt bleibt die Einladung, die Liturgie der Kirche neu als Gottes Geschenk und nicht als unser Produkt, als unser Machen zu entdecken, als Raum der Begegnung mit dem Geheimnis des lebendigen Gottes, als besonderen Ort der Priorität Gottes, als Möglichkeit die Schönheit und die Größe Gottes zu erfahren, indem wir ihn allein und nicht unsere Wünsche und Vorstellungen in die Mitte der Feier hinstellen. Es bleibt die Einladung die Liturgie als „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ zu entdecken, eine Quelle, ohne die wir nicht leben können, eine Quelle, die uns Gott und gerade so allen Menschen nahe bringt.

 

 

Wenn Sie jetzt überlegen, sich den ein oder anderen Text Papst Benedikt XVI. zur Lektüre nehmen zu wollen, weil da sehr viel Inspirierendes und Aktuelles drinnen ist, wäre ich sehr froh.

Denn der Papst geht und wir werden von ihm nichts mehr hören – außer, dass er gestorben ist – aber sein Werk bleibt, ein Werk des vielleicht größten Glaubenslehrers auf dem Stuhl Petri seit der Antike. Dafür danken wir heute und darüber dürfen wir uns heute freuen.

 

 

1. Fastenpredigt 2013: Liturgie tiefer verstehen

Liturgie und Glaube; lex orandi – lex credendi

Am Aschermittwoch sind wir mit dem Zeichen des Aschenkreuzes in eine neue liturgische Zeit hineingetreten – in die Fastenzeit, die von den liturgischen Texten immer auch „Zeit der Gnade und der Erneuerung“ genannt wird. Diese Bezeichnung zeigt, dass diese vierzig Tage nicht nur eine Zeit des bloßen Wartens auf Ostern sein wollen, sondern vielmehr eine Zeit der Erneuerung, eine Zeit der Wieder- oder Neuentdeckung dessen, was unser Leben zum wahrhaft menschlichen Leben macht.
Was ist das? Es ist die Offenheit auf Gott hin, die Gewissheit, dass es doch mehr gibt, als nur das Sichtbare und mit den Sinnen Erfahrbare. Es ist die Erfahrung, dass es Gott gibt, dass er sich uns nähert und dass wir ihm antworten können.

In diesem Jahr des Glaubens wollen wir bei den Fastenpredigten unsere Aufmerksamkeit einem für unser Leben als Christen besonders wichtigen Thema widmen, dem Thema der Liturgie. Auch das Zweite Vatikanische Konzil eröffnete seine Arbeit mit einem Dokument, das dieser Materie gewidmet ist – mitSacrosanctum concilium, der Konstitution über die hl. Liturgie. Das Konzil wollte das Leben der Kirche erneuern und den alten Schatz des von den Aposteln überlieferten Glaubens für die Menschen moderner Zeit zugänglich machen, weil es davon überzeugt war, dass dieser Glaube auch für sie einen Reichtum bedeutet.

Heute verspüren wir, Menschen der Zeit 50 Jahre nach dem Konzil, wieder sehr stark die dringende Notwendigkeit – auch und gerade unter uns Christen –unseren Glauben zu erneuern, ihn verständlicher und zugänglicher zu machen – zuallererst für uns selber und dadurch auch für alle Menschen. Die Öffnung des Glaubensschatzes für die moderne Welt leitete das Konzil mit der Vertiefung des Liturgieverständnisses ein, also mit der Frage nach dem innigsten Vollzug des Glaubens, eigentlich nach der Innenseite der Glaubensrealität.

In der Tat: Bei der Liturgie und in ihr beginnt jede wahre Erneuerung des Glaubens. Die Glaubenserneuerung geschieht immer von Innen her, aus der Nähe Gottes. Und in dieses Innere des Glaubens hinein führt uns die heilige Liturgie.

Liturgie ist für uns, "normale" Christen, sicher kein Neuland. Wir kennen sie, wir kennen ihren Ablauf, wir feiern sie doch regelmäßig mit. Trotzdem bedürfen auch wir – Sie und ich – eines vertieften Blickes auf sie. Heute, bei der ersten Fastenpredigt entdecken wir, dass Liturgie und Glaube einander brauchen,dass das eine ohne das andere nicht leben kann.

Wozu also braucht die Liturgie den Glauben? Schauen Sie, das Ganze des Gottesdienstes geschieht im Glauben. Ohne den Glauben ist die Liturgie nur bloße Ästhetik, ein leerer Ritual, eine Sammlung von Gesten und alten Texten, ein Spiel, ein Theaterstück gewiss, das keinerlei Entsprechung in der Realität findet. Ohne den Glauben kann also die Liturgie nicht das sein, was sie ist – die Verherrlichung des lebendigen Gottes, die Antwort auf seine Offenbarung, die Gegenwart Gottes in der Überwindung der Zeitentfernung und im Aufreißen des Himmels. Die Liturgie atmet also die Luft des Glaubens, sie wird aus den Fäden der Glaubensüberlieferung gewoben.

Und wozu braucht der Glaube die Liturgie? Um mehr zu sein als eine intellektuelle Kopfbeschäftigung. In der Tat ist gerade in unserer Zeit die Gefahr sehr groß, dass der Glaube lediglich zum System, zur Lehre, zur rationalen Übung, zur menschlichen Überlegung reduziert wird. So ein Glaube ist aber ein totgeborenes Kind, da er nur um die menschliche Vernunft kreist, die seine äußerste Grenze bildet und nicht in der Lage ist, in das Innere der Offenbarung, also aus dem Eigenen, aus dem Unsrigen heraus und in das Göttliche, in das Seinige hinein vorzudringen. Darum muss es aber im Glauben gehen, das ist sein ureigenes Ziel: die Berührung mit dem Geheimnis des lebendigen Gottes zu ermöglichen.

 

 

In der Liturgie erleben wir eben die Innenseite des Glaubens, der nicht durch intellektuelle Leistung, sondern durch Empfangen des Geschenkes entsteht.Die Liturgie ist Ausdruck des Glaubens und zugleich sein Lernort und sogar sein Entstehungsort. In der Liturgie und aus ihr lebt der Glaube, weil sie Gott szs. auf die Erde hinunterholt, weil er selbst in ihr gegenwärtig ist.

Das Ineinander-verwobensein zwischen Glaube und Liturgie hat die alte Kirche mit der Formel auf dem Punkt gebracht: „lex orandi – lex credendi“: die Art, wie wir beten und feiern, ist die Art, wie wir glauben. Man kann nicht wirklich glauben ohne den Glauben in der Liturgie zu feiern und zu begründen und man kann gar keine Liturgie feiern, wenn ihr Vollzug nicht vom Glauben der Kirche genährt wäre – wenn man nur nicht mit dem „Glauben an ein unbestimmtes Etwas / also Nichts“zufrieden sein will. Wenn wir aber all die Herausforderungen unserer Zeit wahrnehmen, wissen wir, dass wir mehr brauchen als irgendeinen Glauben – und das heißt, dass wir mehr brauchen als irgendeine Liturgie.

Lex orandi – lex credendi! Die Liturgie ist der Garant der Objektivität des Glaubens, weil sie mehr ist als unser privates Beten. Sie geschieht immer in dem großen „Wir“ der Kirche aller Jahrhunderte. Sie ist das Geheimnis des Glaubens – wie wir in ihrem Herzen, im eucharistischen Gebet, ausrufen. Sie ist die Öffnung der Tür in das Innerste Gottes, weil sie die Vergegenwärtigung seiner Selbsthingabe am Kreuz und seiner Lebensneuschöpfung in der Auferstehung ist. Und durch den Glauben treten wir in ihr Geheimnis ein, das nichts anderes ist, als das Geheimnis des lebendigen Gottes selbst.

So sehen wir, dass es nicht egal ist, was und wie wir bei der Liturgie beten. Es ist für unseren Glauben eigentlich lebensentscheidend, wie würdig und richtig wir die Liturgie feiern. Ich bin sehr froh, dass die Liturgie bei uns in Seeham dank Vielen – von den Mesnern, über die Ministranten, Lektoren und Kantoren, vom Organisten, über den Chor bis hin zu den Blumenschmückerinnen wirklich würdig und mit dem Sinn für Gottes Größe gefeiert wird.

In der heurigen Fastenzeit wollen wir noch ein kleines Zeichen für die Erneuerung der Liturgie und so für die Erneuerung des Glaubens setzen. Ab heute werden wir bei der Liturgie das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, das sog. Große Glaubensbekenntnis beten. Warum, würden Sie vielleicht fragen, wenn es doch länger ist als das Apostolische Glaubensbekenntnis, das wir jetzt schon beten?

Das kurze Credo ist eigenglich ein Taufcredo, ein Bekenntnis, das bei der Taufe, bzw. Tauferneuerung gebetet wurde. Bei der Liturgie selbst – bei der Eucharistiefeier im besonderen – wurde (und wird weltweit bis heute) das Große Glaubensbekenntnis gebetet. Es ist ein Text, der auf zwei wichtige Konzilien –Nizäa 325 und Konstantinopel 381 zurückgeht und die Glaubensinhalte viel präziser als das Symbolum Apostolicum zum Ausdruck bringt. So heißt es hier über Jesus Christus nicht nur, dass er der Sohn Gottes ist, sondern wird ausgeführt, was es in Wirklichkeit heißt: „...aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen...“Ähnlich ist es auch mit den anderen Glaubensinhalten.

Wenn das Große Credo beim Gottesdienst gebetet wird und für uns so – wie jetzt schon das Apostolische Glaubensbekenntnis – zum verinnerlichten und selbstverständlich bekannten Text wird, werden wir wiederum viel mehr und viel präziser über unseren Glauben wissen und die Liturgie wird für uns verstärkt zum Lernort des Glaubens. Außerdem werden wir dadurch unsere Einheit mit der Weltkirche und mit dem Nachfolger des Apostels Petrus bekräftigen und so noch mehr Kirche – mystischer Leib Christi – werden.

Glaube und Liturgie brauchen einander, denn sie sind nur verschiedene Ausdrücke des einen Geheimisses des lebendigen Gottes, der sich in Jesus Christus geoffenbart hat. So wollen wir unsere Liturgie immer mit Glauben feiern und unseren Glauben immer in der Liturgie und durch sie stärken.

 

 

5. Sonntag im Jahreskreis C

Sündenbekenntnis und authentische Gotteserfahrung

"Ich bin ein Sünder; Herr, geh weg von mir.“ (vgl. Lk 5,8) Und: „Weh mir, ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und lebe mitten in einem Volk mit unreinen Lippen.“ (Jes 6,5) Das sind zwei sehr markante Worte aus den heutigen Lesungen, die unter die Haut gehen... und die wir heutzutage nicht allzu oft über die eigenen Lippen bringen: „Ich bin ein Sünder...“ Vielleicht nur noch in der Kirche – hie und da.

In der Tat: wir sind es in unserer Zeit nicht mehr gewohnt über sich selbst in Verbindung mit der Sünde zu denken. Sünder? Das sind doch die anderen: die Sportler z.B., die gedopt haben oder die Banker, die Immobilienblasen aufgebläht haben, und natürlich die Sünder schlechthin: die Politiker, die ja so korrupt sind... aber doch nicht wir. So lehren uns das die höchsten moralischen Instanzen der postmodernen Empörungskultur – die Medien, die bei näherer Betrachtung jedoch genauso, wenn nicht noch mehr korrupt und manipulatorisch sind.

Das heutige Wort Gottes lädt uns hingegen dazu ein, über uns selbst als über Sünder zu denken. Freilich ist die Perspektive dieses Themas eine erstaunliche: Denn die Erfahrung seiner selbst als Sünder hat in heutigen Lesungen nicht mit unserem moralischen Versagen, sondern mit unserer Gotteserfahrung zu tun. Was heißt das?

In der ersten Lesung (Jes 6,1-2a.3-8) haben wir die Berufungsgeschichte des Propheten Jesaja gehört. Er bekennt sich zu seiner Sündigkeit und Unzulänglichkeit nicht angesichts seiner moralischen Verfehlungen, sondern als Reaktion auf die Gottesbegegnung. Er „sah den Herrn“ (Jes 6,1) und durfte einen Augenblick lang an der himmlischen Liturgie der Serafim teilnehmen, die das„dreimal Heilig“ rufen. Dieses Erlebnis weckt in ihm das Bewusstsein seiner eigenen Sündigkeit, seiner Unfähigkeit und Bedeutungslosigkeit Gott gegenüber. Deswegen ruft er voll Ehrfurcht aus: „Weh mir, ich bin verloren. Denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen und lebe mitten in einem Volk mit unreinen Lippen, und meine Augen haben den König, den Herrn der Heere, gesehen.“ (Jes 6,5)

Ähnlich geht es dem Fischer Simon Petrus im heutigen Evangelium (Lk 5,1-11). Jesus, der zuerst das Volk mit dem Wort Gottes beschenkt hat, schenkt jetzt ihm und seinen Helfern die Erfahrung des wunderbaren Fischfangs, bei dem gegen alle menschliche Weisheit und gegen alle Regel und alle Erfahrungen der Fischer, auf das sein Wort hin, das Netz übergeht. Simon weiß sich ähnlich wie Jesaja vor dem Geheimnis des lebendigen Gottes, fällt auf die Knie und ruft: „Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder!“ (Lk 5,8)

Wir sehen also, dass die Erfahrung seiner selbst als Sünder in beiden Fällen nicht mit moralischer Schwachheit, sondern mit Gottes Erfahrung, ja mit der Gottes Nähe, zu tun hat. Die authentische Gotteserfahrung führt sie zur Erfahrung seiner selbst als Sünder. Die Begegnung mit dem lebendigen Gott führt sie zur Begegnung mit der eigenen Unzulänglichkeit. Und aus dieser zweifachen Erfahrung – Nähe Gottes und eigene Sündigkeit – wird dann eine Sendung, ein Auftrag: „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen,“ – sagt Christus zu Simon. (Lk 6,10; vgl. Jes 6,8)

Hans Urs von Balthasar schreibt dazu in seiner einzigartigen Art: „Sendung beginnt eigentlich immer mit der Erfahrung des absoluten Abstands, der restlosen Unwürdigkeit. [...] Keine echte Sendung kann auf die Erfahrung des Abstands zwischen mir und Gott – und die Sendung stammt ja von Gott – verzichten. Nur in diese Leere des Abstands hinein gibt Jesus dem Petrus die Sendung, Menschenfischer zu werden.“

 

 

Wenn wir das so hören, denken wir vor allem an die besonders Berufenen in der Kirche: an die Priester, die Ordensfrauen und Ordensmänner, an die Bischöfe und natürlich an den Nachfolger des Petrus, an den Papst. In der Tat: für Gottgeweihte gilt dieses Wort in besonderer Weise. Wir alle, die wir in die enge Nachfolge Christi berufen wurden, müssen uns die Frage stellen, wo und ob am Beginn unserer Sendung, ja eigentlich am Beginn unserer jeden Tätigkeit das Bewusstsein des Abstands von Gott und der eigenen Unzulänglichkeit steht.

Denn ohne diese bewusste Erfahrung werden wir sehr schnell zu reinen Lohnarbeitern, welche zwar einen Job haben, die aber weder sich selbst noch die anderen in eine lebendige Gotteserfahrung hin begleiten können. Was übrig bleit, ist dann leerer Ritus, unangenehmes Moralisieren oder ganz offener Dissens gegen die göttlichen Maßstäbe im eigenen Leben. Oft ist einiges davon der Fall unter uns Priestern und Ordensleuten dieser geschichtlichen Stunde. Oft sehen wir unsere eigene Sündigkeit nicht mehr und sind so nicht in der Lage bis zur Quelle, bis zur Erfahrung des lebendigen Gottes zu kommen. So bitte ich Sie dringend um Ihr treues Gebet für alle in den Dienst an Gott und die Menschen Berufenen.

Nichtdestotrotz bin ich der Meinung, dass die Botschaft dieses Gotteswortes uns alle, nicht nur die besonders Berufenen, angeht. Weil die Gotteserfahrung nicht nur für die Geweihten wichtig ist, sondern für uns alle: ohne sie können wir nicht glauben, ohne sie können wir nicht hoffen und ohne sie können wir auch nicht wirklich lieben.

Es kommt ein zweites hinzu: in der Taufe und in der Firmung haben wir alle von Gott die Sendung erhalten, seine Zeugen in der heutigen Welt zu sein: dort wo er uns im Leben hingestellt hat das Licht des lebendigen Gottes zu bringen. Und so sind wir alle auf eine konkrete und lebendige Gotteserfahrung angewiesen – weil wir alle einen Auftrag, eine Sendung von Gott her haben.

Die Fragen, die das heutige Wort Gottes stellt, gelten also für uns alle: Wann und wie habe ich in meinem geistlichen Leben eine konkrete und lebendige Gotteserfahrung gemacht? Wo mache ich sie immer wieder? Suche ich sie überhaupt? Wo und wie finde ich einen ganz konkreten Zugang zu ihm? Und ein zweites: Ist meine Gotteserfahrung auch mit der Erfahrung der eigenen Unzulänglichkeit, der eigenen Sündigkeit verbunden? Denn wenn die Gotteserfahrung authentisch ist, ist sie immer mit der reinigenden Kraft des demütigen Sündenbekenntnisses verbunden.

Wenn uns unsere religiöse Praxis nicht zur Demut und zum Sündenbekenntnis führt, wenn sie uns nur zufrieden und satt macht, wenn sie in uns nur den Irrtum, dass es bei uns eh alles passt, bestätigt, ist sie keine authentische Gotteserfahrung und sie bringt uns nicht zur Quelle des lebendigen Wassers, sondern nur zu trüben Nebenkanälen unseres eigenen Egozentrismus. Nur die Erfahrung des unüberwindbaren Abstands, nur die Erfahrung der restlosen Unwürdigkeit, befähigt uns zum Empfangen des göttlichen Lichtes. Noch einmal Hans Urs von Balthasar: „Nur in diese Leere des Abstands hinein gibt Jesus dem Petrus die Sendung, Menschenfischer zu werden.“

So sehen wir heute, dass das ehrliche Schuldbekenntnis uns nicht klein, sondern groß macht, dass sie uns unserer Größe nicht beraubt, sondern sie uns zurückgewinnt. Denn sie ist Frucht einer authentischen Gottesbegegnung.

In drei Tagen beginnt die Quadragesima: die vierzigtägige österliche Bußzeit, eine Zeit der Erneuerung, eine Zeit der Gottesnähe. Öffnen wir unsere Herzen Gott, der uns nahe sein will. Öffnen wir unsere Zeit ihm, der uns, schwache Sünder, erneuern will. Öffnen wir unsere Sehnsucht ihm, der uns zurufen will: „Fürchte dich nicht!“ (Lk 5,10)

 

 

4. Sonntag im Jahreskreis C

Zur Sendung der Kirche gehört auch die Erfahrung der Ablehnung; der Maßstab der Liebe

"Ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe’ – keine rosigen Aussichten. Mission impossible, würde man heute sagen in Neudeutsch: Eine unmögliche Mission.“ Mit diesen Worten eröffnete vor einer Woche der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx seine Predigt bei der Weihe des neuen Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer. Mit den Worten „mission impossible“ hat er den Auftrag des Bischofs heute beschrieben, der – wenn er der Wahrheit des Evangeliums treu sein will – oft mit Unverständnis, sogar mit offener Ablehnung rechnen muss.

Das heutige Wort Gottes widmet sich dem Thema des Annehmens, bzw. der Ablehnung des von Gott Gesandten. Im Evangelium (Lk 4,21-30) sind es die Menschen in Jesu Heimat Nazareth, die zuerst hingerissen sind von ihm, dann aber schnell von Begeisterung zur Ablehnung wechseln und Jesus sogar den Berg hinab stürzen wollen. Sein Kommentar dazu: „Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt.“ (Lk 4,24)

In der ersten Lesung (Jer 1,4-5.17-19) ist es der Prophet Jeremia, der, obwohl von Gott schon im Mutterschoß zum Propheten berufen, in seiner Sendung die Ablehnung des Volkes erfahren muss: „Erschrick nicht vor ihnen [...] Mögen sie dich bekämpfen, sie werden dich nicht bezwingen.“ (Jer 1,17b.19a) Was sagt uns nun dieses Wort?

Zuallererst sagt es uns, dass die Ablehnung zum Leben des von Gott Gesandten dazu gehört, dass dieser damit fertig werden muss. In der Tat: die Sendung von Gott wird immer auch mit der Erfahrung der Ablehnung verbunden. Wieso? – könnten wir fragen. Warum geht es nicht auch ohne diese gewiss schwierige Erfahrung? Warum wird man abgelehnt, wenn man doch die Frohe Botschaft verkünden will? Warum kann man im Auftrag Gottes, der doch selber gut ist, nicht erleben, dass Menschen die Sendung annehmen und für diese dankbar sind? Dies kann der Gesandte natürlich auch immer wieder erleben... aber die Erfahrung der Ablehnung wird eben nie fehlen. Warum?

Dies hängt mit dem Verhältnis des Menschen zu Gott selbst zusammen.Wenn die Menschen – auch und gerade die Menschen unserer Zeit – Gott und seinen Willen immer wieder ablehnen, wenn sie seine Autorität verneinen, wenn sie seine Gebote irrtümlich als Bedrohung der eigenen Freiheit empfinden, wieso sollten sie dann den von ihm Gesandten annehmen? Wenn Gott selbst Ablehnung in unserer Welt erfährt, so wird auch sein Diener die gleiche Erfahrung machen müssen. Wenn Gott selbst immer wieder von uns weggeräumt und verneint wird, so wird auch seine Kirche, die doch nichts anderes als Zeugnis für ihn ablegen will, die Ablehnung und Verneinung erfahren müssen.

Menschlich ist es freilich dramatisch, weil wir Menschen doch auf Verständigung und Anerkennung hin angelegt sind. So können wir fragen: Wie soll dann der Gesandte – sei es der Bischof, sei es der Priester, sei es der Gläubige, der zu Gott und seinem Glauben steht und der doch auch nur ein Mensch ist – es aushalten? Wie soll die Kirche es aushalten? Oder noch einmal anders gefragt:Wie kann uns das Christus zumuten, dass wir um seiner selbst willen Ablehnung in Kauf nehmen müssen?

Kardinal Marx formuliert es noch gewagter im Hinblick auf die Sendung des Bischofs: „Ist das nicht wirklich eine unmögliche Sendung, ein unmöglicher Auftrag, eine Zumutung vom Herrn? Ist das nicht eine strukturelle Überforderung?“

Wie ist nun die Antwort? Ich glaube, die Antwort finden wir in der heutigen Lesung, in der es heißt: „Mögen sie dich bekämpfen, sie werden dich nicht bezwingen; denn ich bin mit dir, um dich zu retten.“ (Jer 1,19) Das ist die Antwort: Der Herr kann uns das alles zumuten, weil er selbst mit uns ist, weil er selbst uns sendet, weil er selbst diesen Weg vor uns gegangen ist, weil er selbst uns in den kritischen Momenten die Kraft gibt, wenn auch bekämpft, doch nie bezwungen zu werden. „Christus in vobis – spes gloriae: Christus ist unter euch, ER ist die Hoffnung auf Herrlichkeit“, hat es der hl. Paulus im Kolosserbrief einst formuliert und der neue Regensburger Bischof als seinen Wahlspruch gewählt. (vgl. Kol 1,27)

 

 

Der Erfolg der Sendung wird also nicht daran gemessen, wie und ob überhaupt sie von den Adressaten angenommen wird, sondern, ob der Gesandte treu dem geblieben ist, der ihn gesandt hat. Auf diese Herkunft der Sendung kommt es auch in der Kirche an, dass es die Sendung vom Herrn her ist und nicht vor allem darum, ob diese Sendung mit Begeisterung angenommen wird oder nicht.

Mit diesen Maßstäben, die doch so anders sind als wir es gewohnt sind, tun wir, heutige Menschen, uns schwer. Auch die heutige Kirche, die doch aus uns besteht, scheint sich damit schwer zu tun. Wenn man die kirchlichen Debatten unserer Tage verfolgt, kann man schnell den Eindruck gewinnen, wir hätten vergessen, dass die Erfahrung der Ablehnung auch zur Sendung der Kirche gehört.

Man kann sich oft nicht des Eindrucks erwehren, dass auch wir in der Kirche dem Irrtum erlegen, dass wir zur heutigen Welt nur nett sein müssten und gleich wird sie uns annehmen und alle werden uns lieben... Das ist aber, was es ist: ein großer Irrtum, der nur zu Frust und Enttäuschung führen kann, weil wir dann doch erleben müssen, dass wir, obwohl wir uns über alle sog. kontroversen Themen ausschweigen, doch nicht angenommen werden. Ja, wir müssen heute auch als Kirche neu lernen, dass die Ablehnung leider auch zur Erfahrung der Gesandten gehört, so wie sie zur Wahrheit und vor allem zur menschlichen Freiheit gehört. Unsere Sendung als Kirche macht nicht das Ankommen bei den Menschen wahrhaftig, sondern ihr Ursprung, eben dass wir von Gott berufen und gesandt sind, dass er uns in der Taufe und in der Firmung auf die Straßen unserer Zeit sendet und uns befähigt, ein glaubwürdiges Zeugnis für ihn und seine Güte abzulegen.

Das alles bedeutet natürlich nicht, dass wir die Ablehnung suchen oder gar provozieren sollten. Sie ist nicht das Ziel und auch nicht das Kriterium der wahren Sendung. Nur weil mich die Menschen ablehnen, heißt es lange noch nicht, dass ich von Gott gesandt wurde.

Es gibt nämlich eine innere Grenze, die auch für unseren Auftrag wichtig ist und von der wir in der zweiten Lesung (1Kor 12,31-13,13) gehört haben. Es ist die Grenze der Liebe: nach ihr müssen wir stets fragen. Der hl. Paulus hat es eindeutig gesagt: „Wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.“ (1Kor 13,2) Es heißt für uns also: wenn ich hundertmal von Gott gesandt wäre und wenn ich auch hundertmal diese Sendung erfüllen versuchte – das alles aber ohne die Liebe, also ohne diejenigen, zu denen ich gesandt wurde und die mich möglicherweise auch ablehnen, zu lieben, wäre ich und meine Sendung nichts.

In der Tat: der letzte Maßstab unserer Sendung ist die Liebe. Schließlich müssen wir sagen, dass der Herr uns nichts Geringeres zumutet, als die Liebe. Wenn die Herkunft vom Herrn her das Siegel der Echtheit unserer Sendung ist, so ist die Liebe das Siegel für die Echtheit dessen, wie gut oder schlecht wir diese Sendung erfüllen.

Mission impossible – eine unmögliche Mission! So kann uns unsere Berufung als Christen in der heutigen Welt oft vorkommen. Tatsächlich, der Herr mutet uns da etwas zu: er sendet uns trotz aller Ablehnung auf die Straßen dieser Zeit, damit wir durch unsere Liebe Zeugnis von seiner Liebe ablegen. Doch, gerade in dieser Zumutung der Liebe, in dieser Sendung, liegt auch unsere Würde!