Dezember 2013

Weihnachten 2013

Für Gott Platz haben – im Denken und im Leben

In einer besonderen, zauberhaften Atmosphäre begehen wir diese Tage der Freude: in der Familie am Heiligen Abend und bei der Mitternachtsmette in der Kirche. Es wird einem warm ums Herz, wenn wir die Nähe unserer Lieben erfahren, die Ruhe der Heiligen Nacht verspüren und die wunderbaren, poetischen Worte des Evangelisten Lukas über die Geburt des Messias hören. Wegen seiner bilderreichen Sprache wird Lukas auch ‚Maler Gottes’ genannt.

Jetzt, bei der Messe am Tag steht aber weniger das Atmosphärische im Vordergrund, sondern vielmehr die theologische Reflexion darüber, was in der Heiligen Nacht geschehen ist. Man fragt nach der Botschaft des Ereignisses und nach der Bedeutung für unser Leben. So wurde jetzt der Prolog des Johannes gelesen: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. [...] Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ (Joh 1,1.14a)

Was heißt also die Menschwerdung Gottes? Welche Bedeutung hat es für uns – für mich – heute? Gott ist Mensch geworden... das heißt doch auch: Gott hat sich einen Raum mitten unter den Menschen geschaffen. Gott wollte Platz haben in der Welt des Menschen. Nicht weil er es brauchen würde, sondern weil der Mensch es braucht, denn ohne Gott greifen schlussendlich nur Unsinn, Nichtigkeit und Hoffnungslosigkeit in der Welt des Menschen um sich.

Schon in der Heiligen Nacht, als wir das Lukasevangelium gelesen haben, war dies Teil seiner Botschaft – eigentlich nur ein kleines Detail, nur wenige Worte, die aber sehr viel bedeuten. Wisst Ihr schon was ich meine? „Weil in der Herberge für sie kein Platz war.“ (Lk 2,7) Immer wieder trifft mich dieses fast nebenbei gesagte Wort des Evangelisten, dass unter den Menschen – in der Herberge – kein Platz für sie war und deswegen der Sohn des Höchsten unter den Tieren – in einem Stall – zur Welt kommen musste. Unausweichlich steht die Frage auf, wie es denn wäre, wenn Maria und Josef bei mir anklopfen würden. Wäre da Platz für sie?

Und dann kommt uns in den Sinn, dass der Evangelist Johannes die fast zufällig erscheinende Notiz über den fehlenden Platz in der Herberge, der die heilige Familie in den Stall drängte, ins Grundsätzliche vertieft und geschrieben hat: „Er kam in sein Eigentum, und die Seinigen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1,11) Johannes fasst so das Eigentliche und Dramatische des Weihnachtsereignisses in theologische Worte: Gott selbst ist es, der Höchste und Allmächtige, der sich auf den Weg zum Menschen macht. Er will nicht mehr nur der Große Unbekannte, der Unnahbare und Unfassbare sein, sondern nimmt menschliches Fleisch an und wird so für uns erreichbar und nahe. Er will wohnen bei uns – den Seinigen. Die ganze Welt verdankt ihm allein ihre Existenz. Auch jeder Mensch ist, weil Gott wollte, dass es ihn gibt: „Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.“ (Joh 1,3) Er ist der Sinn dessen, dass es etwas gibt und nicht vielmehr nichts: „In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.“ (Joh 1,4)

Doch da kommt das Dramatische ins Spiel. Der Wille des Höchsten ist eindeutig: Er will zu den Seinigen, um ihnen Licht und Leben zu sein; Er erniedrigt sich und wird selbst Teil des von ihm Erschaffenen; Er gibt seine göttliche Unabhängigkeit auf und wird ein menschliches, total abhängiges Kind. Aber: „Das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst. Er kam in sein Eigentum, und die Seinigen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1,5.11)

So beschreibt Johannes die Reaktion der Welt, die in allem von Gott abhängt auf das sein geschichtliches Kommen: die Seinigen nehmen ihn nicht auf, die Finsternis nimmt das Licht nicht auf.

 

 

Die große moralische Frage, die an Weihnachten besonders brennt und auch danach brennend bleibt, die Frage nämlich, wie es um die Heimatlosen, die Flüchtenden, die Menschen unterwegs bei uns steht, wird so noch grundsätzlicher:Haben wir eigentlich Platz für Gott, wenn er bei uns einzutreten versucht? Haben wir Zeit und Raum für ihn? Wird nicht gerade Gott selbst von uns abgewiesen? Das beginnt damit, dass wir keine Zeit für Gott haben – kein Gebet im Alltag, kein Gottesdienst am Sonntag, keine Hoffnung über das hinweg, was wir selber in den Händen halten... Je schneller wir uns bewegen können, je zeitsparender unsere Geräte werden, desto weniger Zeit haben wir. Und Gott? Die Frage nach ihm erscheint nie dringend. Unsere Zeit ist schon angefüllt. (vgl. B XVI.)

Aber die Dinge gehen noch tiefer. Benedikt XVI. hat einmal geschrieben: „Hat Gott eigentlich Platz in unserem Denken? Die Methoden unseres Denkens sind so angelegt, dass es ihn eigentlich nicht geben darf. Auch wenn er anzuklopfen scheint an die Tür unseres Denkens, muss er weg-erklärt werden. Das Denken muss, um als ernstlich zu gelten, so angelegt werden, dass die „Hypothese Gott“ überflüssig wird. Es gibt keinen Platz für ihn. Auch in unserem Fühlen und Wollen ist kein Raum für ihn da. Wir wollen uns selbst. Wir wollen das Handgreifliche, das fassbare Glück, den Erfolg unserer eigenen Pläne und Absichten. Wir sind mit uns selbst vollgestellt, so dass kein Raum für Gott bleibt. Und deshalb gibt es auch keinen Raum für die anderen, für die Kinder, für die Armen und Fremden.“ In der Tat: In einer Welt, die keinen Raum für Gott hat, ist es auch um die Schwachen und Bedürftigen schlecht bestellt.

Von dem einfachen Wort über den fehlenden Platz in der Herberge her können wir sehen, wie nötig uns der Anruf des heiligen Paulus ist: „Lasst euch umgestalten und euer Denken erneuern“ (Röm 12, 2). Paulus spricht von der Erneuerung, von dem Aufbrechen unseres Verstandes, von der ganzen Weise, wie wir die Welt und uns selber betrachten. Die Bekehrung, derer wir bedürfen, muss wirklich bis in die Tiefe unseres Verhältnisses zur Wirklichkeit hineinreichen. (vgl. B XVI.)

Weihnachten zeigt uns, dass wir uns bewegen müssen – in unserem Denken und Fühlen, dass wir unsere Welt nicht ohne Gott konstruieren können, als eine in sich verschlossene Wirklichkeit, in der es in ihr keinen Platz mehr gibt für Gott, in der Gott überflüssig geworden ist. Das gilt für die Welt des Denkens, für die große Welt der Politik, aber auch für die ganz persönliche Welt unserer Beziehungen und Hoffnungen: Wir müssen Raum schaffen für Gott, damit die Welt ein guter Ort zum Leben bleibt.

Bei seiner berühmtgewordenen Rede im deutschen Bundestag hat Benedikt XVI. für das gegen Gott immune Denken das Bild eines Betonbaus ohne Fenster verwendet und gesagt: „Die sich exklusiv gebende positivistische Vernunft, die über das Funktionieren hinaus nichts wahrnehmen kann, gleicht den Betonbauten ohne Fenster, in denen wir uns Klima und Licht selber geben, beides nicht mehr aus der weiten Welt Gottes beziehen wollen. Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, dass wir in dieser selbstgemachten Welt im stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten. Die Fenster müssen [auf Gott hin] wieder aufgerissen werden, wir müssen wieder die Weite der Welt, den Himmel und die Erde sehen und all dies recht zu gebrauchen lernen.“ – so der jetzt emeritierte Papst.

 

 

„Er kam in sein Eigentum, und die Seinigen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1,11) So beschreibt Johannes die Tatsache, dass es in der Welt für Gott keinen Raum gibt. Es ist aber nicht hoffnungslos, es ist nicht das letzte Wort. Im 3. Kapitel kommt noch das große Wort darüber, warum sich Gott das alles überhaupt antut: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab.“ (Joh 3,16) Kard. Meisner hat es einmal etwa wie folgt gedeutet: Der Nachdruck liegt hier auf dem Wort „die“, im Sinne: „Er hat diese Welt geliebt“, also diese Welt voll von dem, was Paulus aufzählt, wenn er sagt: „Voll Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier und Bosheit, voll Neid, Mord, Streit, List und Tücke.“ (Röm 1,29) Heute können wir hinzufügen: Gott liebt diese Welt – ja diese Welt, die für ihn keinen Platz hat. Diese Welt hat er sich ausgesucht! Das ist der tiefste Grund unserer Hoffnung, der Grund unserer Freude.

 

 

4. Adventsonntag A

Wie Josef Weihnachten feiern: demütig und offen

Der heutige vierte Adventsonntag ist ein demütiger Sonntag: er steht ganz im Schatten des eigentlichen Weihnachtsfestes. Unsere Gedanken sind zweifellos schon auf den Heiligen Abend und auf den Tag der Geburt des Sohnes Gottes hin ausgerichtet.

Die heutige Liturgie stellt uns dennoch den hl. Josef noch einmal vor Augen, der bei der Menschwerdung Gottes eine eher leise, unauffällige, aber sehr wichtige Rolle spielt. (Mt 1,18-24)

Die Schwierigkeiten, mit denen er innerlich zu ringen hat, sind für auch uns gut nachvollziehbar: Seine Verlobte, Maria, erwartet ein Kind, das jedoch nicht von ihm stammt. Eigentlich eine unmögliche Situation. Das Ehrempfinden eines jeden Mannes wäre in so einer Situation total gekränkt. Josef ist natürlich auch ein Mann, aber er wird nicht wütend... Der Umstand der Schwangerschaft Marias passt für ihn so gut wie gar nicht zu seinem Bild, das er von Maria hat. So bleibt er eher zurückhaltend und still und sucht nach einem Ausweg, damit er seine Liebe zu ihr nicht verraten muss: er will sie nicht bloßstellen und überlegt sich in aller Stille von ihr zu trennen.

In diesem Moment erweist er sich als ein Traummann Gottes – und zwar im doppelten Sinn: Er hört auf den Willen Gottes in einem Traum: „Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist.“ (Mt 1,20) Josef versteht dieses Wort und kann diesen Traum richtig deuten. Er ist aber Traummann Gottes auch in dem Sinne, das er genau so ist, wie Gott ihn als Pflegevater seines Sohnes braucht und haben will. In diesem Sinne wird er „gerecht“ genannt: in seiner Offenheit auf Gott hin, auf seinen Willen; in seiner Bereitschaft, eigene Pläne und den eigenen Lebensentwurf Gott zur Verfügung zu stellen und diesen zu verändern.

Maria bezeichnet sich bei der Verkündigung durch den Engel als „Magd des Herrn“und mit ihrem Ja-Wort handelt sie auch so. Josef erweist sich in seinem Gehorsam dem Willen Gottes gegenüber und in seiner Offenheit für Gottes Pläne als wahrer „Gottesknecht“ und somit als der richtige für seine delikate Aufgabe. So sind Maria und Josef – die demütige Magd und der bescheidene Knecht des Herrn – so ist ihre Liebe und Offenheit für Gott zum besten Raum geworden, in den hinein Gott seinen Sohn, seinen Einzigen schenken kann. In der Tat: diesen wunderbaren Menschen kann Gott getrost seinen Einzigen anvertrauen.

Was könnte der Blick auf hl. Josef so kurz vor Weihnachten für uns bedeuten? Wo will er uns hinführen? Zuallererst glaube ich, dass wir deutlich sehen können, dassdie Geschichte unserer Erlösung keine billige, süßliche, kitschige Weihnachtsaufführung war und ist. Es war dramatisch und für die Betroffenen nicht einfach, den von Gott gewollten Weg der Erlösung zu gehen. So dürfen auch wir nicht glauben, dass das Heil billig und kitschig, nur mit teuren Geschenken und billiger Weihnachtsatmosphäre zu kriegen ist. Wenn Gott dem Menschen begegnet, heißt es für diesen: Dem Höchsten muss höchste Aufmerksamkeit geschenkt werden. Keine Ablenkung kann das Vorbeigehen am Eigentlichen zu Weihnachten rechtfertigen.

Wir können also bei Josef in die Schule gehen: Uns bewusst für Gott und seinen Willen zu öffnen, nach ihm zu fragen und uns bemühen, ihm zu folgen. Natürlich heißt es manchmal auch: eigene Pläne und eigene Vorstellungen zur Verfügung zu stellen. Und bei Josef sehen wir, dass Gott für uns – wenn auch nicht einen leichteren – sehr wohl aber einen schöneren und erfüllten Weg vorgesehen hat.

 

 

Wenn es uns gelingt, Gott wirklich ‚Ja’ zu sagen, wenn es uns gelingt, uns demütig als Knechte und Mägde Gottes zu verstehen – mit einer bewussten Offenheit und Bereitschaft Gott gegenüber –, werden wir Weihnachten ganz anders feiern und wahrnehmen können. Es wird uns eine neue, tiefere Perspektive geschenkt – nämlich nicht von außen, sondern von innen. Wir werden nicht bloße Zuschauer des Wunders, sondern aktive Teilnehmer Gottes wunderbaren Taten, die auch heute uns allen gelten. Als Knechte und Mägde Gottes werden wir mit Maria singen dürfen: „Der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig.“ (Lk 1,49)

Weihnachten ist ein Fest, dass fast von allen geliebt wird. Erbitten wir uns an diesem vierten Adventsonntag die Gnade, es nicht als bloße Zuschauerinnen und Zuschauer, sondern als demütige Dienerinnen und Diener Gottes zu feiern, damit seine Gnade – so wie bei Josef – unser Leben wirklich berühren und erneuern kann.

 

 

3. Adventsonntag A Gaudete

Sehnsucht und Erfüllung

Johannes der Täufer – unser adventlicher Begleiter, der dem Herrn den Weg bereitet, ist eine beeindruckende Gestalt. Der letzte Prophet des Alten Bundes, ein Mahner der sehr direkten Worte, ein mutiger Verkünder der Wahrheit, der sich schon im Mutterschoß über das Kommen des Herrn freuen und ihn später taufen durfte. Ein Mann festen Glaubens.

Umso mehr erstaunt die Frage, die er im heutigen Evangelium (Mt 11,2-11) Jesus stellt: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?“(Mt 11,3)

In der Tat: es ist faszinierend zu erleben, dass dieser Johannes, der so ganz anders ist als wir: in seinem Denken, in seinem Auftreten, in seiner Direktheit, in seiner Radikalität, jetzt auf einmal wie unser Zeitgenosse spricht. Er stellt eine Frage, die durchaus auch eine Frage unserer Zeit ist: Bist du es, oder müssen wir auf einen andern warten?

Hinter dieser Frage des Johannes spüren wir eine gewisse Unsicherheit. Dabei können wir zwei wichtige Punkte ausmachen. Auf der einen Seite ist es eine Frage, die ganz zur eigenen Sehnsucht steht – zur Sehnsucht nach dem Einen, nach dem Messias, nach dem, der kommen soll, nach dem, der verheißen worden ist. Johannes trägt in sich die große Sehnsucht Israels nach dem Gesalbten des Herrn, nach dem Sohne Davids, nach der Erfüllung der Verheißung, die der Herr seinem Volk geschenkt hat.

Dann sehen wir aber dann, dass die Frage des Johannes gerade indem sie sich ihrer Sehnsucht bewusst ist, zur eigenen Unsicherheit stehen kann, zur Unsicherheit der Erfüllung: Bist du es, oder müssen wir auf einen andern warten?Johannes hört im Gefängnis von Jesu großen Taten... und wird unsicher: Ist es möglich, dass die Verheißung nun wirklich in Erfüllung geht? Ist es möglich, dass dieser Jesus wirklich die Treue Gottes verkörpert? Ist es möglich, dass in diesem ganz konkreten Menschen, in diesem menschlichen Fleisch und Blut, der lebendige Gott zu begegnen ist? Johannes ringt mit eigener Unsicherheit im Bezug auf die Erfüllung der Sehnsucht, die er in sich trägt.

Und Jesus nimmt sich seiner Unsicherheit an und lässt ihm über seine Jünger eine Antwort zukommen, die unmissverständlich bestätigt, dass er tatsächlich die Verkörperung der verheißenen Treue Gottes ist: „Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein, und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet.“ (Mt 2,4-5)

Durch seine Unsicherheit wird Johannes, der sonst so unnahbar wirkt, gerade uns, heutigen Skeptikern, nahe. Denn die oben genannten Fragen sind auch unsere Fragen: Ist Jesus wirklich der verheißene Messias? Ist es möglich, dass uns in ihm Gott selbst entgegen kommt?

Ich glaube aber, dass wir auch im Bezug auf die Sehnsucht bei Johannes in die Schule gehen sollten. Denn wir sind uns heute unserer Sehnsucht oft und oft nicht bewusst. Ich brauche Gott eh nicht... Ich komme auch ohne ihn gut aus... Wozu sollte er sich schon auf den Weg zu mir machen? Ich habe mein Leben ja selbst in der Hand und muss mir selber helfen... Wie viele unsere Zeitgenossen denken so?

In der Tat: Wir sind oft blind und zynisch – sogar unserer eigenen Sehnsucht gegenüber. Wir ignorieren sie nicht selten und bleiben lieber bequem in unserer oberflächlichen Unsicherheit stecken: Was kann man schon Sicheres zur Frage nach Gott sagen? Aber auch in unserem Herzen lebt diese Sehnsucht: die Sehnsucht nach dem lebendigen Gott, nach der ungetrübten Lebensquelle, die Sehnsucht danach, dass die Welt doch mehr ist als nur ein kalter Ort der Gottesferne und der Hoffnungslosigkeit, mehr als ein in sich verschlossener, trostloser Ort – denn gottlose Welt ist immer auch eine trostlose Welt. Diese Sehnsucht finden wir in jedem menschlichen Herzen – auch in unserem Herzen – und mag es noch so zynisch und abgehärtet und uninteressiert geworden sein.

 

 

Vielleicht wäre es auch für uns der erste richtige Schritt auf dem Weg durch den Advent, den es über all die Weihnachtsfeiern hinaus zu wagen gilt: Diese tiefe Sehnsucht nach Gott und nach seiner Treue in unserem Herzen neu zu entdecken und zu ihr zu stehen. Dann tun wir uns leichter auch mit unserer Angst der Unsicherheit, mit dem von uns geglaubten Risiko der Enttäuschung, ob diese Sehnsucht überhaupt eine Erfüllung finden kann, aber auch mit der Hoffnung auf die Erfüllung. Der erste Schritt heißt also: eigene Sehnsucht neu entdecken.

Johannes zeigt und lehrt uns auch, wo der richtige Ort dieser Sehnsucht ist, wo wir sie artikulieren können. Er zeigt uns, wo die Hoffnung auf die Erfüllung lebt, wo diese Sehnsucht nicht enttäuscht wird, nämlich in Jesus Christus, diesem Einzigen. Denn er ist es, auf den wir warten, auf keinen anderen. Von ihm heißt es in der ersten Lesung bei Jesaja: „Seht, hier ist euer Gott! Die Rache Gottes wird kommen und seine Vergeltung; er selbst wird kommen und euch erretten.“ (Jes 35,4) Die Rache Gottes wird kommen... diese Aussage macht Angst – und sie ist doch wahr. Nun, in Jesus Christus – und nur in ihm allein – sehen wir, was sie in Wirklichkeit meinst: Die Rache Gottes ist das Kreuz, seine Erniedrigung bis zur Krippe und bis zum Grab. Seine Vergeltung ist die Selbstentäußerung der Menschwerdung. Diese Heilsgeschichte Gottes mit dem Menschen ist der Grund, warum wir auf Erfüllung unserer Sehnsucht sicher hoffen dürfen.

In diesem Sinne ist der heutige Sonntag der Freude – ‚Gaudete’ eine Einladung an uns alle, zu unserer Sehnsucht nach dem lebendigen Gott zu stehen, sie nicht zu leugnen oder gar zu ignorieren, sondern lebendig werden zu lassen. Und wir sind heute auch dazu aufgefordert, in Jesus Christus allein, diesem ganz konkreten Menschen der Geschichte, der mehr ist als nur ein Mensch – nämlich ganz Mensch und ganz Gott – in diesem Jesus die richtige Adresse unserer Sehnsucht, aber auch die richtige Medizin gegen unsere Unsicherheit und die wirkliche Erfüllung unserer Sehnsucht zu entdecken.

Mit Johannes dem Täufer dürfen wir heute vom Neuen die tiefste Sehnsucht unseres Herzens nach Gott entdecken und mit der Kirche glauben, dass die Welt nicht ein gottloser, also ein trostloser Ort ist, sondern dass diese Welt Beginn der Erfüllung unserer Sehnsucht ist: der Sehnsucht nach Gott, nach der Wahrheit, nach der Fülle.

 

 

Mariä Empfängnis

Das Kleine und doch Große des Kommens Gottes

Kennen Sie den Begriff „Breaking News“? Auf Deutsch kann man „Eilmeldung“sagen. In der modernen journalistischen Sprache wird damit eine Nachricht bezeichnet, die so wichtig ist, dass wegen ihr alle anderen regulären Nachrichtensendungen unterbrochen werden. Die Nachricht über den Rücktritt Papst Benedikts war z.B. eine typische „Breaking News“. Es kommt uns in moderner Welt ganz normal vor, dass große und wichtige Ereignisse viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, dass darüber „live“ berichtet wird. Man kann fasst sagen: worüber nicht groß und sofort berichtet wird, kann ob der Unwichtigkeit übersehen werden. Auf der anderen Seite spüren wir selbst, dass die mediale Welt die Wichtigkeit der Ereignisse oft nicht richtig einschätzt, ja, dass diese manchmal erst später, erst mit Abstand gesehen werden kann.

Heute feiern wir das Hochfest der ohne Erbsünde Empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria. Und dieses Fest schärft unseren Blick für das Kleine, scheinbar Unbedeutende, weil es uns zeigt, dass manch Wichtiges unbemerkt, im Verborgenen geschieht.

Wir können sagen, dass der Ausgangspunkt unseres Glaubens überhaupt völlig im Verborgenen liegt. Jesus und sein Leben und Sterben sind von der Weltöffentlichkeit seiner Zeit unbemerkt geblieben. Wir bekennen dennoch, dass genau diese verborgene, unbemerkte Geschichte das Heil aller Menschen bedeutet. Ein wichtiges Paradoxon unseres Glaubens.

Auch heute feiern wir etwas, was den Augen der von Menschen geschriebenen Geschichte unsichtbar bleibt, weil es das zarte Geheimnis der Kleinwerdung Gottes und der Größe des Menschen berührt: Maria sagt – wie wir im heutigen Evangelium (Lk 1,26-38) vernommen haben – ihr menschliches, freigiebiges ‚Ja’ zu Gottes Heilsplan, der für sie eine besondere Aufgabe vorgesehen hat. Und dennoch ist sie in diesem subtilen Moment nicht allein, sondern wird vom Engel als „κεχαριτωμένη“, als „voll der Gnade“ angesprochen, d.h. als ganz in Gemeinschaft mit Gott Lebende. In der Tat: wir feiern heute, dass Gott Maria vom ersten Augenblick ihrer Existenz an durch seine besondere Gnade für ihren Auftrag – Mutter des Sohnes Gottes zu werden – vorbereitet hat. Mit den Augen des Glaubens sehen wir darin etwas Großes und Bedeutendes, was jedoch völlig in verborgener Intimität der Begegnung zweier Freiheiten geschieht: der göttlichen und der menschlichen Freiheit.

Mariä Empfängnis: Da zeigt sich das wirklich Große der Gnade Gottes im Verborgenen der Stille. Der Augenblick der Empfängnis Mariens ist allem Anschein nach völlig unbedeutend, in Wirklichkeit aber groß, weil er durch die besondere Berührung Gottes schon ganz ausgerichtet ist hin auf das künftige Kommen Gottes in Jesus Christus: Gott berührt Maria, weil sie die Mutter des Sohnes werden wird. Hier schon, in dieser Stille der Verborgenheit, in diesem Schweigen der Geschichte beginnt unser Heil ganz konkret zu werden.

Wir erkennen, dass dieses wahrhaft Große des Gottesplanes uns in seiner Winzigkeit überfordert, dass es ein Paradoxon ist, das wir nicht leicht in Worte fassen können. Das ist aber auch nicht das Ziel des heutigen Festes. Vielmehr sind wir heute eingeladen, den Blick für das Subtile, Zarte, Unauffällige des Kommens Gottes in unserem Leben zu schärfen.

Das brauchen dringend gerade wir, die wir „Breaking news“ gewohnt sind. Vieles kommt heute laut, mit Schreien und mit Größenwahn auf uns zu und nimmt uns das Gespür für das Wichtige: Die Politik z.B. verwendet viel zu viele große Worte – manchmal aber nicht, um Großes zu beschreiben, sondern nur um sich selber wichtig zu machen. So wird es schnell von „Krise“, gesprochen, von „ernsthaften Problemen“, von „großen Herausforderungen“. Da diese laut schallende, große Worte so inflationär verwendet werden, verlieren sie ihre Bedeutung und machen uns blind und taub für das wahrhaft Dramatische und Wichtige im Leben. Denn dieses geschieht oft im Verborgenen, im Kleinen und dafür müssen wir ein feines Sensorium entwickeln.

 

 

Papst Franziskus hat dieses Problem vor Kurzem ganz prägnant auf den Punkt gebracht, als er gefragt hat, wie es denn möglich sei, dass uns das Hungersterben der Kinder kalt lasse, aber über jede noch so kleine Bankenkrise ganz dramatisch berichtet werde. Auf der Insel Lampedusa, angesichts der Tragödie der verunglückten Flüchtlinge, sagte er noch: „Wer hat geweint über den Tod dieser Brüder und Schwestern? Wer hat geweint um diese Menschen? [...] Um die jungen Mütter, die ihre Kinder mit sich trugen? Um diese Männer, die sich nach etwas sehnten, um ihre Familien unterhalten zu können? Wir sind eine Gesellschaft, die die Erfahrung des Weinens, des „Mit-Leidens“ vergessen hat: Die Globalisierung der Gleichgültigkeit hat uns die Fähigkeit zu weinen genommen!“ (8. Juli 2013)

Gewiss, die vom Papst angesprochenen Probleme sind kompliziert und vielschichtig und müssen primär in den Ursprungsländern der Flüchtlinge angegangen werden. Papst Franziskus macht uns aber mit seinen deftigen Worten darauf aufmerksam, dass es im Leben oft auf das in den Augen der Welt Unbedeutende, auf das Kleine, auf das, worüber nicht groß berichtet wird, ankommt. Und genau das sagt uns auch das heutige Fest: Noch einmal: Wir müssen den Blick für das subtile, zarte, unauffällige, verborgene Kommen Gottes in unser Leben – in seinem Wort, in seinen Armen und Bedürftigen, in seinen Zeichen – schärfen.

Auf diesem Wege kann uns auch das Betrachten und Besingen des heutigen Festgeheimnisses helfen: Das unauffällige Kommen Gottes in seinem Sohn, durch eine Jungfrau, die vom ersten Augenblick ihres Daseins an durch Gottes Berührung für ihre Aufgabe vorbereitet wurde.

Viele Heilige haben über dieses Geheimnis nachgedacht und uns Texte hinterlassen, die uns auch heute noch helfen, diese Nachricht – die nicht mehr als‚Breaking News’ betrachtet und verkündet wird – doch als die wichtigste aller Nachrichten zu verstehen, weil sie unser Heil bedeutet.

Einer von ihnen, der hl. Ambrosius, dessen Gedenktag die Kirche am 7. Dezember begeht, der auch „Vater des Kirchengesangs“ genannt wird,hat uns einen wunderbaren Hymnus hinterlassen, der über das Geheimnis der Menschwerdung aus der Jungfrau nachsinnt: Veni Redemptor gentium – Komm, Erlöser der Völker! Dieser Hymnus kann eine abschließende Meditation über das Unauffällige, Zarte – und doch so Große und Wichtige des Kommens Gottes in unser Leben sein. Versuchen wir ihn innerlich mitzubeten – jetzt und in der Meditation nach der Kommunion:

Du Heiland aller Völker komm
und zeig dich als der Jungfrau Sohn
dass Staunen fasse alle Welt
ob solchem Wunder der Geburt.

Der Sonne gleich tritt nun hervor
aus dem Gemach der reinen Braut
und eile strahlend deine Bahn
als Held, der Gott und Mensch zugleich.

Von deinem Vater gehst du aus,
gehst siegreich wieder zu ihm ein;
bis in die Hölle dringst du vor
und kehrst zu Gottes Thron zurück.

Ruhm, Ehre, Macht und Herrlichkeit
sei Gott dem Vater und dem Sohn,
dem Geiste, der uns Beistand ist,
durch alle Zeit und Ewigkeit. Amen.