April 2013

5. Ostersonntag

Der anspruschvolle Weg des Glaubens

Per aspera ad astra! So lautet ein bekanntes lateinisches Sprichwort, was soviel aussagen will, wie: Durch Schwierigkeiten kommt man zum Ziel, oder: Durch Mühsal gelangt man zu den Sternen. In diesem Wort ist eine uralte menschliche Erfahrung festgehalten, dass nämlich alles Wertvolle mit Fleiß und oft mit Schwierigkeiten verbunden ist.

Eine ähnliche Erfahrung wird auch in der heutigen ersten Lesung aus der Apostelgeschichte (Apg 14,21b-27) beschrieben, welche erzählt, wie Paulus und Barnabas den Jüngern in Lystra, Ikonion und Antiochia, die offensichtlich wegen ihres Glaubens an Jesus Christus mit Schwierigkeiten konfrontiert sind, Mut zusprechen und betonen, sie sollen treu an eben diesem Glauben festhalten. Sie sagen: „Durch viele Drangsale müssen wir in das Reich Gottes gelangen.“ (vgl. Apg 14,22f.), eben mit anderem Wort: „Per aspera ad astra.“

Paulus weiß aus eigener Erfahrung, dass der Glaube an Christus, obwohl er wie eine wertvolle Perle für ihn ist, obwohl er der menschlichen Existenz einen unveräußerlichen, tiefen Sinn verleiht, das Leben oft nicht einfacher, sondern komplizierter macht. Im Zweiten Korintherbrief schreibt Paulus zusammenfassend über sein eigenes Leben: „Fünfmal erhielt ich [...] die neununddreißig Hiebe; dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch [...] Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden [...] Ich erduldete Mühsal und Plage, durchwachte viele Nächte, ertrug Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blöße.“ (vgl. 2Kor 11,24-27) Das gehört auch zur Erfahrung seines Lebens. Insofern erscheinen seine Worte an die Brüder in Antiochia und Lystra glaubwürdig und einsichtig, ja vielleicht fast selbstverständlich. Angenehm sind sie freilich nicht.

Wir müssen also die Erfahrung der Kirche, die sie zu allen Zeiten macht, festhalten: Das Bekenntnis des wahren Glaubens, der unserem Leben Sinn und Hoffnung verleiht, wird immer auch mit Nachteilen, mit Schwierigkeiten, mit Drangsal verbunden sein. Warum? Weil es keinen Weg zum Ziel gibt ohne Anstrengung, ohne Schwierigkeiten. Weil es keinen Himmel gibt, in den wir ohne eigenes Zutun, ohne Bemühen, ohne Ringen, ohne Kampf eingehen könnten. Und vor allem: Weil es Christus ohne Kreuz nicht gibt, weil der Auferstandene für immer die Wundmale der Kreuzigung, die Wunden des Kreuzweges, trägt.

Es sind diese Wunden, es ist dieses Kreuz, was Gott verherrlicht, wie Christus im heutigen Evangelium, nachdem Judas beim Letzten Abendmahl hinausgegangen war, sagt: „Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht. Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen, und er wird ihn bald verherrlichen.“ (Joh 13,31-32)

Das heutige Wort Gottes, das Wort des 5. Ostersonntages, an dem immer noch die Freude über die Auferstehung spürbar ist, lädt auch uns ein, sich auf den Weg des Glaubens zu machen, sich nicht von Schwierigkeiten und manchmal anstrengendem Ringen um unseren Glauben entmutigen zu lassen, sondern zu wissen, dass das alles zum rechten Weg dazu gehört und dass wir, solange unsere Richtung stimmt und solange Gott uns begleitet, gut unterwegs sind und das Ziel sicher erreichen.

Das heutige Wort Gottes führt uns dann noch einen Schritt weiter und in der zweiten Lesung aus der Offenbarung des Johannes eröffnet es die Perspektive der endgültigen Vollendung bei Gott. Dort heißt es: „Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.“ (vgl. Offb 21,4) Gott wird also all das, wovor wir Angst haben, womit wir in unserem Leben überhaupt nicht umgehen können, schlussendlich verwandeln. Wenn wir auf dem manchmal steinigen Weg unseres Glaubens das Ziel – die Herrlichkeit Gottes – erreichen, wird es keine Mühsal, keine Tränen, keinen Tod mehr geben, obwohl uns diese auf dem Weg dorthin immer wieder begegnen. Also: der Weg in den Himmel führt durch Schwierigkeiten und Leiden hindurch, aber es ist ein Weg zur Herrlichkeit, zur Verwandlung, zur Vollendung, zur Erfüllung.

 

 

Dieses Wort scheint mir gerade in unserer Zeit besonders aktuell geworden zu sein. Gerade erleben wir nämlich eine Art Euphorie über den neuen, sehr sympathischen Papst Franziskus. Das ist natürlich nicht schlecht – ganz im Gegenteil: wir sollen uns freuen, wir sollen uns bewegen und begeistern lassen. Und der Heilige Vater hat offensichtlich das Charisma die menschlichen Herzen direkt zu erreichen.

Trotzdem habe ich manchmal ein mulmiges Gefühl, dass nicht Wenige in ihm etwas sehen, was er nicht ist und auch nicht sein will. Viele beobachten jetzt seine Gesten und sind begeistert. Nur wenige aber hören ihm wirklich zu, wenige lauschen seinen Worten. Mit den Gesten ist aber eine Schwierigkeit verbunden, dass man sie oft auslegen kann, wie es einem passt. Ohne das authentische Wort können sie sogar ins Gegenteil verdreht werden. Und so haben jetzt manche den Eindruck – ich weiß es aus Gesprächen –, dass Papst Franziskus einen etwas leichteren Glaubensweg einschlägt als sein Vorgänger, dass man auf einmal den Trost des Glaubens szs. um einen verbilligten Preis haben kann: ohne Umkehr, ohne Mühe.

Das stimmt natürlich nicht und das will der Papst auch nicht. Denn sein Wort ist in der Tat eher anstrengend, fordernd und herausfordernd. Mit einem Wort: Der Weg des Glaubens, den der Papst uns vorangeht, ist alles andere als billig. Es ist der Weg Gottes und deswegen mit Mühe, mit Umkehr und mit Anstrengung und Kreuz verbunden.

Wie kein anderer Papst vor ihm spricht er ganz selbstverständlich und sehr oft vom Teufel, vom geistlichen Kampf, von Sünde, von lauen Christen, die zu nichts taugen, vom Entweder/Oder des Glaubens, von Barmherzigkeit, welche Umkehr, Beichte, ehrliche Reue, Bekenntnis und Buße miteinschließt. Gleich in seiner ersten Predigt am Tag nach seiner Papstwahl hat er gesagt: „Wer nicht zum Herrn betet, betet zum Teufel. Wenn man Jesus Christus nicht bekennt, bekennt man die Weltlichkeit des Teufels, die Weltlichkeit des Bösen.“ (14. März 2013)

Warum sagt Papst Franziskus solche Sätze? Weil er im Glauben weiß, dass es keinen billigen Weg gibt in das Reich Gottes. Weil er in der Erfahrung der Kirche weiß: Das Ziel ist sicher, der Weg aber anstrengend und steil. Weil er aus der Erfahrung seines eigenen Lebens weiß, dass man nur in Mühe, Treue und Ringen die Tiefe und den unbesiegbaren Trost des Glaubens erfahren kann. Papst Franziskus ist also ein weiser und erfahrener Lehrer, der uns – wenn wir ihm zuhören – den Weg Gottes weist und vorangeht. Versuchen wir also nicht nur auf seine Gesten zu schauen, sondern ganz bewusst seinem oft anspruchsvollen, aber sehr ehrlichen und mutigen Wort unsere Aufmerksamkeit zu schenken.

Das heutige Wort Gottes ist genau so: kühn, ehrlich, anspruchsvoll und wegweisend. Lasst uns also den Auferstandenen durch alle Schwierigkeiten und Mühen hindurch folgen, denn wir dürfen wissen: das Ziel, das Reich, die Herrlichkeit Gottes, ist auch für uns erreichbar und ganz nahe.

Zum Schluss noch eine Perle aus dem Mund von Papa Francesco, die er diese Woche gesagt hat: „Die Freude der Kirche beginnt mit einer Verfolgung, mit einer großen Traurigkeit, die in der Freude endet. Und so geht die Kirche voran – wie Augustinus sagt – zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen des Herrn. So ist das Leben der Kirche. Wenn wir den Weg der Weltlichkeit gehen wollen, indem wir mit der Welt verhandeln [...], werden wir niemals die Tröstung des Herrn erfahren. Und wenn wir nur die Tröstung [der Welt] suchen, wird es eine oberflächliche Tröstung sein, nicht die des Herrn; es wird eine menschliche Tröstung sein. Die Kirche bewegt sich immer zwischen Kreuz und Auferstehung, zwischen Verfolgungen und den Tröstungen des Herrn. Und das ist der Weg – wer ihn einschlägt, geht nicht fehl.“ (vgl. Messe mit Kardinälen, 23. April 2013)

 

 

4. Ostersonntag

Der Gute Hirt

Der heutige Sonntag des Guten Hirten, der vierte Ostersonntag, war für uns im Priesterseminar eine anstrengende Zeit. Deswegen habe ich als Seminarist eine eher ambivalente Beziehung zu diesem Wochenende gehabt. Ich habe es nicht besonders gemocht, weil es durch den Tag der offenen Tür am Samstag viel Unruhe in unser Leben gebracht hat: einige Hundert Menschen sind durch das Priesterseminar geströmt, überall war es laut wegen der vielen Kinder und Ministranten, die gekommen sind. Wir mussten schon Wochen vorher alles vorbereiten: Verpflegung (unglaubliche Mengen an Pommes vorbereiten u.a...), Programm vorbereiten, viel Singen, Orgelspielen... und dazu das übliche Seminarprogramm und Unistudium. Am Sonntag selbst hat uns dann ein ganztägiges Besuch einer Pfarrei erwartet – oft haben wir uns schon um halb fünf auf den Weg gemacht, damit wir bei der ersten Messe in irgendeiner abgelegenen Pfarrei um 7. Uhr vor Ort sind.

Auf der anderen Seite muss ich sagen, dass ich diesen Tag immer sehr gemocht habe: das Bild des Guten Hirten, die unglaublich tiefen Worte des Herrn, die man als Priesterkandidat besonders intensiv wahrnimmt und liebt: „Ich bin der Gute Hirt... der Gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.“ (Joh 10,11) Für jeden zum Hirtendienst Berufenen ist dieser Sonntag ein Tag der Gewissenserforschung und der Dankbarkeit für die wunderbare Berufung zum Priestertum.

Es ist aber auch ein wunderbarer Tag für uns alle, weil es ein Tag ist, an dem wir wissen und erfahren dürfen, dass der Herr unser aller Guter Hirt ist, dass er sich unserer annimmt, dass er uns sucht, dass wir ihm folgen dürfen, dass er mit uns so umgeht, wie ein guter Hirt mit seinen geliebten Schafen umgeht.

So sehen wir im heutigen, vom Volumen her eher knappen, theologisch aber sehr gehaltvollen Evangelium (Joh 10,27-30), was es heißt, dass Christus, dass Gott, unser Guter Hirt ist. Und wir können es in zwei Momenten wahrnehmen: Wir dürfen erfahren, was es für Christus selbst heißt Guter Hirt zu sein und wir dürfen erfahren, was es für uns heißt, einen Guten Hirten zu haben.

Was heißt es also für uns, dass wir einen Guten Hirten haben, dass wir seine Schafe sein dürfen? Der Herr sagt: „Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir.“ (Joh 10,27)

Es geht erstens also um die Vertrautheit der Stimme, um das persönliche Kennen des Hirten, um eine persönliche Beziehung. Es geht darum, dass wir bewusst auf die Stimme Christi hören wollen, weil diese Stimme für uns Leben bedeutet, weil sie uns den richtigen Weg weist.

Und zweitens heißt es, dass sie Schafe, die auf die Stimme des Guten Hirten hören, ihm folgen. Das ist keine Kleinigkeit: Wir dürfen Christus nachfolgen! Wir müssen in unserem Leben nicht herumirren – nicht wissend, wo der Weg zum Leben ist. Wir kennen Christus, den Sohn Gottes, den einzigen, der den Vater je gesehen hat, den einzigen, der vom Vater gesalbt und gesandt wurde. Und wir wissen, dass wir, wenn wir ihm nachfolgen, den Zugang zum Leben finden. Für uns, Schafe, heißt dieses Guten-Hirten-Haben also: Seine Stimme kennen, auf sie hören und ihm folgen.

Somit sind wir bei der zweiten Frage angekommen: Was heißt das „Hirt-sein“ für Christus, für den Guten Hirten selbst? Da sehen wir zuerst, dass er seine Schafekennt: „Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie.“ (Joh 10,27) Für Christus sind seine Schafe nicht nur eine Herde, eine Menge. Er schaut nicht vor allem darauf, dass die Stückzahl passt. Nein, er kennt seine Schafe, er kennt sie persönlich und er interessiert sich um ihre ganz persönlichen Regungen und Sehnsüchte. Christus kennt uns – das heißt, dass er sich unserer annimmt, dass er sich nicht desinteressiert von unseren kleinen und großen Problemen abwendet, weil es eh so viele andere und ganz große Probleme und Herausforderungen gibt. Er kennt die Seinen beim Namen – ganz konkret, ganz persönlich.

 

 

Zweitens sehen wir, dass er seine Schafe schütztZwei Mal wird in diesem kurzen Evangelium betont, dass „niemand die Schafe der Hand des Vater entreißen wird“. (Joh 20,28-29) Diese Aussage wird von Christus sogar noch gesteigert. Zuerst betont er, dass niemand die Schafe Gott Vater entreißen wird, um gleich danach zu vertiefen, dass niemand sie seiner Hand entreißen wird können! Es ist nicht möglich, dass wir zugrunde gehen, wenn wir den Guten Hirten haben, der uns beschützt, der für uns sein Leben hingegeben hat. Mit Christus haben wir die Sicherheit nicht verloren zu gehen. Wenn wir seine Schafe sind und sein wollen, wenn wir auf seine Stimme hören und ihm folgen.

Und drittens heißt das Guter-Hirt-Sein für Jesus, dass er seinen Schafen das ewige Leben gibt: „Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen.“ (Joh 10,28) Das ist eine schier unglaubliche Verheißung des Herrn an uns, sterbliche Menschen. Er gibt uns etwas, wonach wir uns ganz tief in unserem Herzen sehnen: das Leben in Fülle, die Liebe für immer. Er gibt uns etwas, das niemand sonst uns geben kann: das ewige Leben, das Leben, das niemals stirbt.

Und dieses Leben ist nichts anderes als Teilnahme am göttlichen Leben des lebendigen Gottes, denn nur Gott bleibt für immer, nur er ist ewig, nur er hat und nur er ist das Leben. Als Schafe Christi empfangen wir von ihm, was uns niemand je geben könnte.

Diesem Hirten des Lebens zu folgen ist Gnade, ist Privileg, ist Geschenk. Freuen wir uns heute darüber! Freuen wir uns und bemühen wir uns seine Schafe zu sein: im Hören auf sein Wort. Schenken wir ihm heute und immer wieder das Gehör: im Lesen des Wortes Gottes, in der Liturgie, im Gebet, im Schweigen. Versuchen wir ihm zu folgen: in unseren Familien, in der Arbeit, in der Schule. Denken wir daran: wenn wir Christus haben, dann haben wir alles! Wenn wir Christus haben, haben wir das Leben.

 

 

3. Ostersonntag

Die Frage des Auferstandenen ist die nach der Liebe

Hie und da sagt jemand zu mir: „Herr Pfarrer, wäre es nicht schön, direkt mit Jesus sprechen zu können..? Es täte so gut, ihm direkt begegnen zu können... Denn dann würde ich mich in meinem Leben leichter tun und es würde mir auch leichter fallen zu glauben...“ In der Tat: einiges wäre vielleicht einfacher, wenn die Angelegenheiten des Glaubens klarer, deutlicher, handfester wären. Nun sind sie es aber nicht, weil es eben um den Glauben und um unsere Freiheit geht. Und das ist gut so...

Bis wir aber vom Glauben zum Schauen, vom Glauben zum Wissen übergehen dürfen, wird es noch eine Weile dauern – nämlich bis zum Ende unseres irdischen Daseins. In der Zeit bis dahin müssen wir uns immer wieder auf die Zeugnisse und Erfahrungen derer einlassen und verlassen, die in der einzigartigen Zeit, in der Jesus unter den Menschen gelebt und gewirkt hat, ihm begegnet sind. So dürfen wir im heutigen Evangelium (Joh 21,1-19) mit den Aposteln die Erfahrung des wunderbaren Fischfangs machen und wir dürfen sogar mit Petrus bei einem sehr persönlichen Gespräch zwischen ihm und dem Herrn dabei sein.

Die Situation der Apostel ist nicht einfach. Sie haben ihre ganze Hoffnung auf Jesus gesetzt, diese aber ist am Karfreitag gänzlich enttäuscht worden. Nun schaut es danach aus, dass sie zu ihrem alten Leben zurückkehren müssen. „Ich gehe fischen“ (Joh 21,3), sagt Simon Petrus, zu dem Jesus einst gesagt hatte:„Von nun an wirst du Menschenfischer sein.“ (Lk 5,10) Er und seine Apostelkollegen haben zwar von den Frauen gehört, dass Christus auferstanden sei und sie haben es auch selber irgendwie miterleben dürfen – sie sind ihm persönlich begegnet –, aber sie verstehen immer noch nicht ganz, was es eigentlich heißt „von den Toten auferstehen“ und vor allem was es für ihr Leben bedeuten soll.

In dieser Situation der völligen Desorientierung schenkt ihnen der Herr von Neuem die Erfahrung des wunderbaren Fischfangs: nach dem sie in dieser Nacht nichts gefangen haben, geht ihr Netz nun über. Dies ist schon die dritte Offenbarung des Auferstandenen – wie der Evangelist ausdrücklich betont. (Joh 21,14) Damit führt Jesus seine Jünger zu einem immer tieferen Verständnis der Neuheit der Auferstehung und ihrer neuen Aufgabe: selbst Zeugen des erlösten Lebens in Christus zu werden.

Mit Petrus aber, diesem so oft nicht verstehenden Felsen, gibt er sich eine besondere Mühe: Er führt mit ihm ein ganz persönliches und tiefes Gespräch über sein Herz und über die Liebe. Dreimal fragt er ihn: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“ (Joh 21,15f.) In dieser dreifachen Frage haben die Kirchenväter den Nachhall der dreifachen Verleumdung gehört. So schreibt Augustinus: „Der Herr fragt drei Mal, ob Petrus ihn liebt. Das dreifache Bekenntnis ist die Antwort auf sein dreifaches Leugnen, denn seine Zunge sollte der Liebe nicht weniger dienen als der Furcht und es sollte nicht so scheinen, als ob der drohende Tod ihm mehr Worte entlockt habe als das Leben, dem er gegenüberstand.“ (Tract. 123)

Der Herr will mit seinen Fragen, die zu Bekenntnis führen, Petrus herausholen aus seiner Verzweiflung und sein Herz definitiv von jeder Angst befreien, damit er frei wird für die ihm nun bevorstehende Aufgabe, Zeuge der Auferstehung zu sein und seine „Lämmer zu weiden“. (Joh 21,15f.) Dass es dem Herrn gelungen ist, konnten wir in der ersten Lesung erfahren. Dieser Petrus bringt gegenüber den Drohungen und Verboten des Hohen Rates einen mutigen und geradezu provokanten Satz über die Lippen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ (Apg 5,29a)

Wie war nun der Weg des Herrn zu dieser Befreiung des Petrus? Wie hat er aus dem Angsthasen einen mutigen Bekenner gemacht? Heute sehen wir das: Der Herr hat ihn nach der Liebe gefragt.

 

 

In der Tat: Die Frage des Auferstandenen ist die nach der Liebe, nach dem brennenden Herzen: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?“ (Joh 21,15) Der Auferstandene fragt Petrus – und er fragt auch uns... Er fragt uns, ob wir ihn lieben, ob in unserem Herzen eine Flamme der Liebe brennt, eine Flamme, die seine Auferstehung entzündet, eine Flamme, mit der wir uns der Macht der Finsternis stellen können.

Das ist die Frage, welche der auferstandene Herr einem jedem von uns stellt: die Frage nach der Liebe. Was antworten wir? Können wir mit Petrus sagen: „Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich liebe“? (Joh 21,17) Oder haben wir vielleicht Angst vor dieser Antwort oder gar vor dieser Frage? Wovor fürchten wir uns? Vor dem Unverständnis der heutigen Zeit? Vor der Ablehnung unserer Zeitgenossen? Vor dem Unvermögen eigener Schwäche?

Oder empfinden wir vielleicht die Frage, ob wir Gott lieben, selbst als unzeitgemäß, als unpassend, als übertrieben? Ist unsere Reaktion nicht eher: „Ja, Herr, irgendwie glaube ich schon an dich... aber lieben..? Das gehört nicht zu den Kategorien, in denen ich diesbezüglich denken würde... Verlangst du da nicht zu viel von mir?“

Der Herr aber bleibt ganz ruhig... und fragt noch ein zweites Mal... und dann noch ein drittes Mal... er fragt beständig und er fragt beharrlich: „Liebst du mich? Brennt in deinem Herzen die Flamme der Liebe?“ Er fragt, weil er weiß, dass nur die Liebe in unserem Herzen uns von jeder Angst – auch von der Angst vor dem Tod – befreien kann. Er fragt, weil er weiß, dass nur die Liebe uns glücklich machen kann. Er fragt, weil unsere Liebe die einzig richtige, die einzig genügende Antwort auf seine Liebe ist. Er fragt also, weil er weiß, dass diese Frage für uns wichtig ist. Was geben wir ihm zu Antwort?

Es ist nicht leicht – so ehrlich sind wir – Gott zu sagen: „Ja, Herr, ich liebe dich...“ Vielleicht ist ehrlicher zu sagen: „Herr, ich tue mich da schwer, weil ich weiß, dass ich wegen deiner Liebe so viel in meinem Leben verändern müsste...“ Freilich: nur ein wahrhaft bekehrtes Herz kann mit der Flamme der Liebe brennen.

Und das alles wollen wir dem Herrn nun in einer Stille anvertrauen: „Herr, du weißt alles... du weißt auch über all die Ängste in meinem Herzen, du weißt, dass ich Angst habe vor der wirklichen Bekehrung zu dir, weil ich Angst habe vor der Ausgrenzung, vor dem Nicht-Angenommen-Sein seitens meiner Zeitgenossen... Du weißt, dass ich die Beziehung mit dir gerne etwas lockerer gestalten würde und mir gerne nur das herausnehmen würde, was mir passt... Und doch fragst du, der Auferstandene, beständig nach meiner Liebe... Und so kann ich dir nur antworten: Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich es oft nicht kann, dass ich dich aber lieben will. Bekehre du mein Herz! Befreie es von jeder Angst!“

 

 

2. Ostersonntag

Barmherzigkeit Gottes, die alles neu macht

Genau eine Woche nach dem Ostersonntag feiern wir heute einen Tag, der wie kaum ein anderer Tag im Kirchenjahr vier verschiedene Namen trägt: Dominica in albis (der Weiße Sonntag) – Der ältester Name dieses Sonntags macht darauf aufmerksam, dass an diesem Tag die zu Ostern Neugetauften ihre weißen Kleider zum letzten Mal anhatten. Sonntag in der Osteroktav – weist darauf hin, dass mit diesem Tag die Osteroktav zu Ende geht, also die vergangenen acht Tage, welche die Liturgie als einen einzigen Tag der Freude über die Auferstehung betrachtet. Der zweite Ostersonntag – reiht diesen Tag in die Kette aller sieben Ostersonntage ein und öffnet unseren Blick auf die kommenden Wochen hin. Und schließlich: Sonntag der Barmherzigkeit – der neueste Name, den dieser Tag erst vor einigen Jahren von sel. Papst Johannes Paul II. erhalten hat und der auf Erscheinungen des Barmherzigen Jesus an hl. Schwester Faustyna zurückgeht.

Die vier Namen für nur einen Tag zeigen, mit welcher Fülle an Inhalten wie hier zu tun haben. Dabei soll der letzte Name auschlaggebend sein für unsere heutigen Gedanken: Barmherzigkeit Gottes, welche in Tod und Auferstehung Christi sichtbar geworden sind.

Dabei müssen wir gerade heute neu verstehen lernen, dass Gottes Barmherzigkeit nicht Naivität oder Blindheit gegenüber unseren Sünden bedeutet und dass sie nichts mit einem zurzeit oft propagierten süßlichen Gott zu tun hat, der auf alle Fehler des Menschen sagt: „Passt schon... Schwamm drüber...“ Gottes Barmherzigkeit lässt den Menschen nie so, wie er war: sie verwandelt. Sie ist nicht das Ungefährliche und Nichtstörende an Gott, sondern das, was uns radikal neu macht.

Das sehen wir im heutigen Evangelium (Joh 20,19-31), in dem der Auferstandene Jesus eindrucksvoll die wahre Barmherzigkeit, die verwandelnde Barmherzigkeit zeigt.

Da sehen wir, wie barmherzig er mit seinem Apostel Thomas, den wir „ungläubig“zu nennen pflegen, umgeht, als er ihm seine Wunden zeigt, da er nicht glauben will, solange er sie nicht berühren kann. Er kommt ihm entgegen, er lässt sich auf seine Zweifel und Forderungen ein und ermöglicht ihm, was er gefordert hat. Allerdings fügt er hinzu: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ (Joh 20,29)

Damit fordert er ihn zum Glauben heraus, damit er nicht Beweise, nicht Sachen, nicht Wunder sucht, sondern allein Christus und seine Nähe. Denn der Auferstandene ist auf eine völlig neue Weise allen Menschen nahe, die sich dem Glauben an ihn öffnen, allen, die bereit sind, ihm ihr Vertrauen zu schenken. Sie müssen nicht sehen, um glauben zu können, sie brauchen nicht ständig neue Beweise und Gründe für ihren Glauben, sondern lassen sich von Christus innerlich berühren und so verwandeln. Die Barmherzigkeit Jesu, welche er gegenüber Thomas zeigt, verwandelt dessen Verständnis und dessen Glauben, damit er wahrhaft gläubig werden kann.

Noch stärker wird Gottes Barmherzigkeit im heutigen Evangelium spürbar in den Worten und vor allem in der Vollmacht, welche Jesus seinen Jüngern nun anvertraut: „Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.“ (Joh 20,22b-23) Christus überträgt seiner Kirche die Vollmacht in seinem Namen – also wirklich, nicht nur scheinbar, nicht nur auf Erden, sondern real: im Himmel, also bei Gott – die Sünden zu vergeben. Die Apostel dürfen Gottes Barmherzigkeit gegenüber uns, konkreten Sündern, wirklich erfahrbar machen.

 

 

Noch eines muss für unsere Generation, die ständig behauptet keine Sünden zu haben, hinzugefügt werden: Diese Barmherzigkeit – wie bereits erwähnt – bedeutet nicht, dass Gott ein blinder, naiver Gott wäre, einer, den wir wegen seiner Liebe manipulieren könnten, einer, den wir nicht fürchten müssten, weil er eh nur nett und süß und harmlos sein kann. Ganz im Gegenteil: Die Barmherzigkeit Gottes konfrontiert uns mit der Schwere unserer Sünden, mit der zerstörerischen Realität unserer Unliebe, unseres Hasses, unseres Egoismus. Jeder Blick auf das Kreuz zeigt uns, wie teuer unsere Vergehen bezahlt werden mussten, wie es auch das heutige Tagesgebet sagt: „Lass uns immer tiefer erkennen, [...] wie kostbar das Blut [ist], durch das wir erkauft sind“.

Die Sünde ist nicht harmlos, sie ist nicht lächerlich, sie wiegt schwer und trifft Gott und den Menschen tief, sie schlägt Wunden, sie vernichtet. Die Größe Gottes besteht nicht darin, dass er die Sünde nicht sehen oder nicht ernst nehmen würde, sondern eben darin, dass er unsere Sünden, die so schwer wiegen und deren Last wir erkennen und zu denen wir uns Bekennen und die wir bereuen, auf sich nimmt, dass er sie uns barmherzig verzeiht und uns dadurch neu macht. Gott verzeiht und das heißt: Er vernichtet die Sünde, sie existiert nicht mehr, sie belastet nie mehr, sie wird uns nie mehr vorgeworfen!

Das ehrliche Bekenntnis eigener Sünden ist die erste Voraussetzung dazu, um die Barmherzigkeit Gottes, diese neu machende Kraft erfahren, verspüren und empfangen zu können. Ohne dieses Bekenntnis verschließen, ja versperren wir uns der Barmherzigkeit.

So sehen wir, dass uns die Barmherzigkeit Gottes durchaus herausfordert: zur Ehrlichkeit, zum Bekenntnis, zur Reue, zur Veränderung, zum Glauben und zum Vertrauen – und dass sie uns neu macht in der Chance der Verzeihung, im Neuanfang der Vergebung.

Bei seinem ersten Angelusgebet hat Papst Franziskus vor drei Wochen über die Barmherzigkeit Gottes gesprochen. Es sind dies Worte, die uns helfen können, diese am heutigen Barmherzigkeitssonntag tiefer zu erfassen.

Der Heilige Vater sagte: „Das Gesicht Gottes ist das eines barmherzigen Vaters, der immer Geduld hat. Habt ihr an die Geduld Gottes gedacht, die Geduld, die er mit einem jeden von uns hat? Das ist seine Barmherzigkeit. Immer hat er Geduld, Geduld mit uns, er versteht uns, er wartet auf uns, er wird es nicht müde, uns zu vergeben, wenn wir es verstehen, reuigen Herzens zu ihm zurückzukehren. [...] Wir wollen dieses Wort nicht vergessen: Gott wird es nie müde, uns zu vergeben, nie! »Oh, Pater, worin liegt das Problem?« [– fragte mich einmal eine ältere Frau] Tja, das Problem ist, dass wir es müde werden, dass wir nicht wollen, dass wir es müde werden, um Vergebung, [um Barmherzigkeit] zu bitten. Er wird es nie müde, zu vergeben, doch wir werden bisweilen müde, die Vergebung zu erbitten. Wir wollen dessen nie müde werden, nie!“ - so Papst Franziskus (Angelus, 17. März 2013)

Seien wir nie müde, um Gottes Barmherzigkeit zu bitten! Seien wir nie müde, dieser Barmherzigkeit zu vertrauen! Seien wir nie müde, dieser Barmherzigkeit unsere Sünden im ehrlichen Bekenntnis zu überlassen! Seien wir nie müde, durch die Begegnung mit der Barmherzigkeit Gottes unseren Glauben und unser Leben verwandeln, ja ganz neu machen zu lassen!